Süddeutsche Zeitung

Ayurveda-Koch Alexander Linder:Einmal auf null, bitte

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Er stand schon für Julia Roberts in der Küche. Nun tischt Ayurveda-Koch Alexander Linder für die übersäuerte Münchner Gesellschaft ein Entgiftungsmenü auf.

Viktoria Großmann

Seine Kochkunst heilt Julia Roberts und hält Star-Tenor Juan Diego Florez bei Stimme. Heute steht Ayurveda-Koch Alexander Linder jedoch nicht in Malibu in der Küche von Red-Hot-Chili-Pepper Chad Smith, sondern in einem Münchener Reihenhaus.

Um 11 Uhr vormittags sieht die Küche von Filmproduzentin Anja Föringer aus wie ein Gewürzladen. Hier hantiert Linder mit Mung-Dal, Gerstengraupen, Quinoa und ganz gewöhnlichem Gemüse. Mit Kümmel, Koriander und Fenchel heilt der 43-Jährige auch die übersäuerte Münchner Gesellschaft.

Gleich treffen im schmucken Neubau mit offener Wohnsituation Theatermacher, Schauspielagenten, Coaches, Steuerberater, Versicherer ein. Sinn ihres Meetings ist nicht das Erweitern ihrer Netzwerke, sondern das gemeinsame Mittagessen. "Detox-Entlastungs-Woche" heißt das Angebot, das nicht ausschlagen kann, wer mindestens einmal im Jahr entschlacken möchte.

Was Linder für die elf Teilnehmer seines Seminars, wie er es lieber nennt, kocht, folgt den Regeln der 3000 Jahre alten ayurvedischen Lehre. Die hat der Augsburger selbst in Südindien studiert, dazu Indologie an der LMU in München. Ziel der Entlastungswoche sei, so Linder, "die Verdauungskraft anzukurbeln, aber wenig zu verdauen zu geben".

Das bewirke die Entsäuerung und Entschlackung des Körpers. "Schlacken" heißen im Ayurveda "Aam", erklärt Linder. "Und es gibt sie doch", verteidigt er die indische Lehre gegen die Schulmedizin. "Das sieht man, wenn man Schnupfen hat, oder Durchfall."

Pünktlich halb eins erscheint der BMW-Angestellte Gregor als erster am Mittagstisch. Er ist zum ersten Mal dabei und findet, was Linder kocht, in erster Linie lecker. So ganz daran gewöhnt hat er sich allerdings noch nicht: Zwar kann er über den "typischen Entgiftungskopfschmerz" nicht klagen, dafür hat er von 11.30 Uhr an Hunger. Zum Frühstück hat er gewürzte ayurvedische Cerealien mit Trockenfrüchten gegessen, die mit Ghee und Wasser gekocht werden. Davon fünf Stunden satt zu bleiben, wie es Beraterin Tamara Duve beteuert, schafft er noch nicht.

Zu viel Champagner, Zigaretten, Kanapees - Detox bedeutet "auf null stellen", sagt Schauspielagentin Andrea Lambsdorff, die schon das fünfte Mal entgiftet. Sie fühle sich besser, werde seltener krank, nebenbei nehme man auch ab. Anja Föringer berichtet von Teilnehmern, die anfangen, ihre Keller auszumisten oder sich zu großen Entscheidungen durchringen.

Kusshände für den Koch

Was Linder kocht, ist an die Kondition der Mitteleuropäer angepasst. Seinen vielbeschäftigten Teilnehmern erspart er damit eine zeitraubende Reise nach Indien. Dreimal im Jahr kommt er nach München, wo ihm Anja Föringer ihre Küche und Esstische zur Verfügung stellt und das Konzept unter dem Namen

"HealthyGoLucky" vermarktet. Dass Linder nur im privaten Rahmen kocht, gehört zum Erlebnis zum Gesamtpreis von 350 Euro dazu. Seine Gäste schätzen den "intimen Kreis", der nie aus mehr als 16 Personen besteht. So etwas spricht sich schnell herum in der Münchner Gesellschaft.

Auch "Polizeiruf"-Kommissarin Anneke Kim Sarnau hat es schon probiert. Wunderbar finden es die Entschlacker, sich eine Woche lang nicht ums Kochen kümmern zu müssen.

Während sechs Tagen Entgiftung gibt es nur, was Linder zubereitet, sonst nichts. Ihr Abendessen, das jeweils auf Mung-Bohnen basiert, nehmen sich die Entgifter fertig zubereitet und hübsch verpackt mit nach Hause. Nach der Arbeit müssen sie es nur aufwärmen: "Aber nicht in der Mikrowelle", mahnt der Koch. Heute ist es auf Wunsch von Andrea eine Orangen-Kichadi - der Koch erntet begeisterte Kusshände von seiner Stammkundin.

In weichem Schwäbisch erklärt Linder die Kombination des Mittagessens: Quinoa, ein südamerikanisches Getreide, pikant gewürzt, mit frischem Pfirsich, dazu gedämpften Hokkaido-Kürbis in einer Sauce mit Molocheya - pulverisierter ägyptischer Spinat.

Das Tischgespräch kreist um Zungenreinigung, selbstgemachtes Ghee und die Wirkung von heißem Wasser am Morgen. Eine Angewohnheit, die die Entgifter über die Detox-Woche hinaus pflegen. Der Sinn? "Das reinigt", lässt sich Linder vom Herd her vernehmen. "Das ist wie mit einem Kochtopf - den putzt du ja auch, bevor du ihn benutzt", sagt er und wischt nachdrücklich das Kochfeld des Induktionsherds ab.

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SZ vom 16.06.2010/sonn
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