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Leute:Welten aus Papier

Anja Shahinniya hat lange Zeit als Moderedakteurin gearbeitet. Heute nennt sie sich Paper Artist und dekoriert Schaufenster oder Tische bei Galaabenden. Manche ihrer Werke sind einen Meter hoch

Anja Shahinniya, 41, ist eine Papierkünstlerin. Sie dekoriert zum Beispiel Schaufenster oder Tische bei Galaabenden. Ihr Label heißt Shirin Sha, das bedeutet auf Persisch "Süßer Falke". Shahinniya ist mit einem Iraner verheiratet, und sie redet beim Treffen in ihrer Wohnung erst einmal über persische Kulturschätze und die Gastfreundschaft der Iraner. An den Küchenwänden hängen bemalte Teller. "Ich habe sie auf einem riesigen Markt in Isfahan gekauft", sagt Shahinniya, "sie sehen aus wie die Malerei in den Moscheen in Iran. Handwerker bemalen die Teller dann genauso."

"Ich arbeite viel mit weißem Papier. Weiß drängt sich nicht auf", sagt Anja Shahinniya.

(Foto: Robert Haas)

SZ: Frau Shahinniya, man kann Ihre Papierarbeiten etwa in Schaufenstern von Kaufhäusern anschauen. Wie antworten Sie auf die Frage, was Sie beruflich machen?

Anja Shahinniya: Es gibt ja die sogenannten Scherenschnittkünstler. Das bin ich nicht. Man könnte mich Paper Artist nennen. Jeder Auftrag ist unterschiedlich.

Zum Beispiel?

Von Januar bis jetzt standen Arbeiten von mir in Schaufenstern des Kaufhauses Ludwig Beck. Ich habe zum Beispiel die Dekoration für Parfüm-Flakons gemacht ...

Shahinniya holt ihr Handy an den Tisch. Sie öffnet ein Foto.

Sehen Sie hier: Ich habe einen Papier-Flakon gemacht, 1,20 oder 1,30 Meter hoch, verziert mit Orchideen. Er hat 20 oder 30 Ebenen hintereinander, damit er stehen kann und eine Tiefenwirkung erzielt. Der Papier-Flakon baut sich nach hinten immer mehr auf.

Die Zeichnung wird eingescannt und jede Linie im Computer nachgefahren. Dann wird eine Druckdatei für den Laser erstellt.

(Foto: Robert Haas)

Wie geht das mit den Ebenen?

Es gibt einen oder zwei Zentimeter Abstand zwischen den Papieren. Ich verwende Architektenkarton, der etwas dicker und gepolstert ist - und durch Styropor miteinander verbunden ist. Wenn ich das hintereinander anordne, entsteht der 3-D-Effekt. Ich arbeite viel mit weißem Papier, um die Produkte meiner Arbeitgeber zu untermauern. Weiß drängt sich nicht auf.

Können Sie bitte Ihre Technik noch etwas genauer erklären?

Der erste Schritt ist, dass ich in meinem Skizzenbuch etwas entwerfe, etwa den Deko-Flakon mit Orchideen. Ich zeichne beziehungsweise entwerfe die Strukturen der Blüte, dann scanne ich die Blüte ein und muss jede Linie im Computer nachfahren, um eine Druckdatei für den Laser erstellen zu können.

Warum nehmen Sie nicht einfach die Zeichnung?

Erstens kann ich die Zeichnung damit vervielfältigen und zweitens kann ich das Werk illuminieren. Der Laser schneidet oder ritzt die Zeichenstriche ja ein, und wenn ich die Arbeiten von hinten beleuchte, scheint das Licht durch.

Was machen Sie noch?

Ein Schmuckunternehmen hatte eine große Präsentation in der Alten Pinakothek, veranstaltete einen Galaabend mit 150 Gästen und wollte eine besondere Tischdekoration. Ich habe über 500 Objekte entworfen, etwa große Papierblüten mit einem Meter Durchmesser. Außerdem habe ich Szenen aus den Gemälden angefertigt, etwa das Paar Daphne und Apollo von Bernini. Das ergab eine Fantasiewelt aus 200 bis 300 Blüten, Figuren und den aktuellen, nachgebauten Schmuckstücken des Unternehmens, die von unten mit kleinen LED-Lichtern erleuchtet worden sind.

500 Objekte für den Galaabend. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Drei Monate. Tag und Nacht. Und eine Studentin hat mir dabei geholfen, die Blüten anzufertigen.

Der Laser ritzt die Striche ins Papier.

(Foto: Robert Haas)

Sie sagen, dass Sie mit Ihrer Arbeit gerne Geschichten erzählen und Welten erschaffen.

Ja, Traumwelten. Für ein Luxuslabel für Designerkleidung und Taschen habe ich zum Beispiel das Weihnachtsschaufenster mit einer Winterlandschaft dekoriert. Mit Elementen aus München, etwa dem Hofgarten, und von Weihnachten, zum Beispiel einem Nussknacker. Da habe ich einen Rahmen aus Styropor verwendet und etwa 90 Objekte mit Stecknadeln drauf gesteckt. Und an vier Samstagen habe ich im Laden Pop-up-Karten für Kunden gemacht, da sind dann Taschen oder Schuhe aus der aktuellen Kollektion raus gepoppt.

Sie haben sich erst vor zweieinhalb Jahren mit Ihrer Kunst selbständig gemacht.

Ja, ich habe zuvor Modedesign studiert und war zwölf Jahre Moderedakteurin bei Burda, beim MVG-Verlag, der damals Cosmopolitan herausbrachte (heute gehört die Zeitschrift zum Bauer-Verlag, Anm. d. Red.), und bei Condé Nast.

Was haben Sie da gemacht?

Ich habe Modestrecken produziert.

Das heißt?

Nehmen wir an, der Trend ist gerade russische Folklore, und wir beschließen, das Novemberheft zu russischer Folklore zu machen, dann überlegen wir uns das Styling, buchen die Modelle, den Fotograf und den Make-up-Artist und organisieren zum Beispiel eine Reise nach Sankt Petersburg. Dort schießen wir Fotos und ein Textredakteur erzählt die Geschichte dazu.

Und wie sind Sie zum Papier gekommen?

"Wenn ich die Arbeiten von hinten beleuchte, scheint das Licht durch", sagt Anja Shahinniya.

(Foto: Robert Haas)

Ich hatte mich bei Cosmopolitan auf Uhren und Schmuckproduktionen spezialisiert und wollte eine Produktion machen, bei der Uhren in einer Art Papierpuppentheater hängen. Ich habe dazu mit einer Papierkünstlerin aus Paris zusammen gearbeitet, aber als sie mir das Puppentheater-Setting nach München schickte, hatte ich mir das anders vorgestellt - es funktionierte mit den Proportionen nicht.

Und dann?

Habe ich es selbst probiert, weil ich Schiss hatte, es meiner Chefredakteurin zu beichten, dass es mit der Pariser Künstlerin schiefgegangen ist. Ich habe mich dann vier Tage eingeschlossen mit Schere, Skalpell und Zeichnungen - und dann haben wir mein Puppentheater genommen. Es war cool und hat Megaspaß gemacht, denn ich habe erstmals meine eigene Welt geschaffen.

War das der Beginn Ihrer Karriere als Paper Artist?

Ich habe dann nicht gleich als Moderedakteurin aufgehört, aber ich habe es im Hinterkopf behalten. Nachdem ich vor fünf Jahren mein erstes Kind bekommen habe, konnte ich schwer in Teilzeit zurück in meinen Job. Außerdem wurde das Budget gekürzt. Moderedakteure gibt es Tausende, ich dachte mir, ich muss mir was suchen, was mich ausmacht. Ich habe mich in die Papierkunst eingelesen und mir Scherenkünstler angeschaut. Da gibt es unfassbare Genies - was die aus blankem Papier erschaffen, ist faszinierend. Ich habe dann sozusagen inkognito schon Aufträge angenommen, während ich noch als Moderedakteurin gearbeitet habe.

Und dann haben Sie sich richtig selbständig gemacht.

Ich hatte durch meine Arbeit als Moderedakteurin viele Kontakte, zum Beispiel zu PR-Agenturen. Ich habe dort angerufen oder bin wie ein Vertreter hingegangen und habe gesagt: Wenn ihr mal eine Dekoration oder einen Liveact machen wollt, dann ruft mich an. Oder ich bin an Firmen direkt rangegangen. Ich habe auch eine offizielle Seite auf Facebook und Instagram. Und dann kamen die Anfragen. Ich hätte niemals gedacht, dass es so gut läuft. Mittlerweile ist es auch ganz viel Mund-zu-Mund-Propaganda.

Sie arbeiten nicht nur für Firmen?

Nein, da ist auch Individuelles dabei. Ich produziere mittlerweile viele personalisierte Auftragsarbeiten, etwa für Hochzeiten. Oder für die Empfangsbereiche bei Ärzten und Steuerberatern. Es gibt Kundinnen, die ihrer besten Freundin, die leider schon alles in ihrem Kleiderschrank hat, etwas Persönliches schenken wollen. Dann treffe ich mich oft mit den Kundinnen erst mal unverbindlich auf einen Kaffee und wir plaudern, was ihre Freundschaft so ausmacht: Wo haben sie sich kennengelernt, was verbindet sie? Eine Reise, ein Lieblingsessen. Aus diesen Informationen entwerfe ich dann ein großes Paper-Art-Bild, das die Freundschaft zeigt.