bedeckt München
vgwortpixel

Lesungen:Satz und Sieg

Dana von Suffrins Debütroman "Otto" ist ein Erfolg. Auch beim Festival "Wortspiele" im gut besuchten Ampere kam sie damit am Mittwochabend gut an.

(Foto: Robert Haas)

Zum Auftakt der "Wortspiele" gewinnt Dana von Suffrin in einer entspannten Wettbewerbssituation den Publikumspreis. Eindrücke vom Literaturfestival, das auch an diesem Freitag aufregende Autoren präsentiert

Die Tagessiegerin war dann schon einmal weg. Noch bevor sie überhaupt gekürt werden konnte. Dana von Suffrin ließ am Ende des ersten "Wortspiele"-Abends im Ampere auf sich warten. Sie musste zurückgeholt werden auf die Bühne, um den Publikumspreis entgegenzunehmen, der an allen drei Abenden des Festivals für junge Literatur vergeben wird. "Ich hab' damit überhaupt nicht gerechnet", sagte sie, als sie schließlich doch wieder neben dem Moderator Knut Cordsen stand. Dass sie in diesem Moment nicht kokettierte, durfte man ruhig annehmen. Immerhin hatte sie den Raum wirklich schon verlassen.

Und tatsächlich lag es auch nicht so klar auf der Hand, wer von den vier Autorinnen und zwei Autoren beim Publikum am besten ankommen würde. Knapp 20 Minuten lang hatte jeder Zeit, mit einem Ausschnitt aus seinem aktuellen Roman zu überzeugen. Johan de Blank, der zum 20. Mal das Festival kuratiert hatte, hat eine hervorragende Auswahl getroffen für diese sechs Lesungen. Außer Suffrin, die mit ihrem mehrfach ausgezeichnetem Debüt "Otto" kam, waren Raphaela Edelbauer und Joshua Groß eingeladen, die schon beim Bachmann-Wettbewerb angetreten waren, Edelbauer stand mit ihrem Roman "Das flüssige Land" zudem auf der Shortlist des deutschen und des österreichischen Buchpreises. Katja Schönherr, Christian Schulteisz und Paula Irmschler brachten ebenfalls spannende Romandebüts mit. Es galt schlichtweg, an diesem Abend zu überzeugen.

Dabei ist die Wettbewerbssituation bei den "Wortspielen" entspannt, aber knifflig. Innerhalb von kurzer Zeit soll es gelingen, das Setting und die Figuren so nah an die Zuhörer heranzubringen, dass sie sich hereinziehen lassen in das Geschehen. Am geschicktesten agierte hier die in Zürich lebende Katja Schönherr. In "Marta und Arthur" schildert sie eine 40-jährige Beziehung, beginnt mit dem Tod des Mannes, arbeitet in Rückblenden auf, was ein Paar zusammenhält, auch wenn es sich eigentlich nicht liebt. Drei der scharf gezeichneten Szenen trug sie im Ampere deutlich, Pausen setzend vor, ließ die Sätze ihre beißende Wirkung entfalten. Ihr Lohn: konzentrierte Stille. Später ging sie als Zweitplatzierte aus dem Abend hervor.

Schönherr hatte den Akzent gleich zu Beginn gesetzt. In Folge war es dann nicht nur spannend, die anderen Texte zu hören, sondern auch die Autoren in ihrer sehr unterschiedlichen Art des Auftretens, Lesens und der Textstellenauswahl zu beobachten. Joshua Groß beispielsweise entschied sich gewagt für eine Passage in der Romanmitte. Die Handlung ist bereits verstrickt, die Figuren sind schon lang eingeführt. "Flexen in Miami" blieb für das Publikum daraufhin ein Fremdkörper. Auch Christian Schulteisz hätte vermutlich einfach mehr Zeit gebraucht. In "Wense" zeichnet er auf bemerkenswerte Weise die historische Figur des Alleskönners und Alleswissers Hans Jürgen von der Wense nach. Verkopft, eigenartig, nicht zwingend ein Sympathieträger ist dieser Wense. Schulteisz hat hier eine diffizile Figur geschaffen, die im Format der "Wortspiele" nicht unbedingt einnehmend wirkt, die sich querstellt, es einem schwer macht. Ganz anders als die Ich-Erzählerin in Paula Irmschlers Debüt "Superbusen". Irmschler, Redakteurin beim Satiremagazin Titanic, trat mit einer vermutlich berufsbedingten ironischen Distanz zu allem auf die Bühne. "Wie der Titel sagt, es geht um Chemnitz", führte sie in ihre Lesung ein und begann mit der ersten Szene ihres witzigen und traurigen Debüts, das als Pop-Roman zu eng umrissen wäre, weil es zugleich von einer Stadt, einem sozialen Milieu, von Nazis und der Antifa erzählt. Irmschler nuschelte sich sympathisch durch ihre Seiten, verschluckte Pointen, was aber nicht viel machte. Das Publikum mochte sie, wählte sie auf Platz drei wie auch Raphaela Edelbauer.

Die Österreicherin Edelbauer hat mit "Das flüssige Land" einen großartigen Roman geschrieben. Die Handlung hat sie in einer Parallelgesellschaft angesiedelt, einer Gemeinde, in der noch Zustände herrschen wie zur Zeit der k.-und-k.-Monarchie. Das Sagen hat eine Gräfin, die versucht, die Gegebenheiten aufrecht zu erhalten, während der auf einem ehemaligen Bergwerk gebaute Ort langsam im Erdreich versinkt. Wie Schönherr am Anfang hatte Edelbauer das Bewusstsein für den eigenen Text, das Gefühl für Akzentuierung. Gerne hätte man mehr gehört, allein die Zeit war kurz.

Dana von Suffrin jonglierte indes so naseweis und spitzbübisch durch den Roman "Otto", der von einer jüdischen Familie mit despotischem Vater erzählt, dass anzunehmen ist, sie könnte jedes Zeitformat bestreiten. Lediglich der richtige Zeitpunkt zu gehen ist nicht so ihr Ding. Die "Wortspiele" sollte man - erst recht bei solchen Texten - nicht zu früh verlassen.

Wortspiele mit Paulina Czienskowski, Amanda Lasker-Berlin, Christopher Kloeble, Tom Müller, Alexandra Riedel und Anna Herzig, Fr., 6. März, 20 Uhr, Ampere

© SZ vom 06.03.2020
Zur SZ-Startseite