Lesung:Wie sich von Gewalt erzählen lässt

Beide haben für die "taz" die Kolumne "Orient Express" geschrieben, beide eint das Interesse an der Nahost-Thematik. Nun stellen die Autorinnen Ronya Othmann und Cemile Sahin im Literaturhaus ihre Romane vor.

Von Antje Weber

"Mein Vater kommt aus Kurdistan", sagt Leyla, wenn die Jugendliche nach der Herkunft ihrer Familie gefragt wird. Kurdistan gebe es nicht, bekommt sie dann zur Antwort. "Mein Vater kommt aus Syrien, sagte Leyla dann, dachte an ihren Vater und schämte sich."

Wie fühlt sich ein Leben zwischen verschiedenen Welten und Wahrnehmungen an? Die Autorin und Journalistin Ronya Othmann spürt dieser Problematik in ihrem Debütroman "Die Sommer" (Hanser) nach, derzeit übrigens auch in einem Podcast von Residenztheater-Schauspielern zu hören. Othmanns Protagonistin Leyla ist ein Alter Ego der Autorin, die 1993 in München geboren wurde und derzeit am Leipziger Literaturinstitut studiert. In ihrem Roman schildert sie die jährlichen Sommerferien Leylas in einem syrisch-kurdischen Dorf, die mit dem Einbruch des Bürgerkriegs und des Völkermords an den Jesiden durch den IS jäh enden, ersetzt von der Sorge um die fernen Verwandten. Sie beschreibt die Zerrissenheit Leylas und die des Vaters, der schon mal in der Münchner U-Bahn bespuckt und als "Asylantenschwein" beschimpft wird. Und der sich so sehr wünscht, dass seine Tochter es einmal besser haben möge.

An diesem Donnerstag wird Ronya Othmann zusammen mit Cemile Sahin im Literaturhaus lesen und diskutieren. Beide haben ein Jahr lang für die taz die Kolumne "Orient Express" geschrieben, beide eint das biografisch unterfütterte Interesse an der Nahost-Thematik. Die Autorin und Künstlerin Sahin, deren Debütroman "Taxi" 2019 Aufsehen erregte, erzählt in "Alle Hunde sterben" (Aufbau Verlag) von traumatisierten Menschen, die im Exil in einem Hochhaus im Westen der Türkei landen. Wie schreibt man über Gewalt? Das wird eine der Fragen im Literaturhaus sein. Und wie prägend sind solche Erfahrungen? "Du darfst diese Geschichte nicht vergessen", sagt jedenfalls der Vater von Othmanns Protagonistin Leyla. Immer wieder erzählt er ihr die Geschichte Kurdistans, denn "das ist deine Geschichte, Leyla".

Ronya Othmann & Cemile Sahin, Do., 14. Jan., 20 Uhr, Stream-Tickets über literaturhaus-muenchen.de; Podcast des Romans "Die Sommer"; www.residenztheater.de, bis 31. Jan.

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