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Lesung in München:Der Unmut gilt den Kritikern

Noch deutlicher wird der Soziologe Armin Nassehi den Unmut der Zuschauer zu spüren bekommen: Zwar hatte er im Vorfeld angekündigt, er wolle die Rolle des "mäßigenden Wissenschaftlers" einnehmen und die Debatte auf eine sachliche Ebene zurückführen. "Mein Ziel ist es nicht, Herrn Sarrazin zu ändern. Der Adressat ist das Publikum und die Öffentlichkeit", hatte er gesagt. Er sollte bitter enttäuscht werden.

In seiner Rede dröselt Nassehi die Argumentation des Politikwissenschaftlers Charles Murray und des Psychologie-Professors Richard Herrnstein in dem umstrittenen Werk The Bell Curve auf. Die Autoren wollen darin herausgefunden haben, dass Schwarze durchschnittlich einen niedrigeren Intelligenzquotienten hätten als Weiße. Das Werk hatte in den USA Mitte der neunziger Jahre für ähnlichen Wirbel gesorgt wie nun Sarrazins Buch in Deutschland. Nichts Neues also, erklärt Nassehi und Herr Sarrazin hätte nur mal die bestehende Fachliteratur sichten müssen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Das Publikum wird unruhig.

Und dann sagt dieser kleine Mann mit dem rundlichen Gesicht und den messerscharfen Analysen folgenden Satz zu Sarrazin, der sich in der Zwischenzeit in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und den Redner von der Seite beäugt: "Sie kommen mir vor wie ein bürgerlicher Beobachter, der mit der Unordnung der Welt nicht klarkommt." Das saß. Es hagelt Buhrufe.

"Der gefällt sich schon sehr", murmelt einer in den vorderen Reihen des Publikums und wird dabei immer lauter, während Nassehi vorne weiterspricht. Das Ende seiner Rede geht im Geraune unter. "Oberlehrer! Oberlehrer!" skandieren welche. Der Mann von vorher ruft: "Schluss! Machen Sie Schluss!"

Öffentliche Kritik? Nicht in München

Jetzt sind die Fronten endgültig geklärt. Öffentliche Kritik? Nicht in München. Gut abgeschirmt hat die Polizei Sarrazin in die Reithalle gebracht, hier im Saal mustern einige Sicherheitsleute unauffällig das Publikum. Von der Protestaktion in der Infanteriestraße draußen dürfte der SPD-Politiker kaum etwas mitbekommen haben.

Knapp 100 Demonstranten haben sich dort an der Zufahrt zur Reithalle am Abend eingefunden. Die Antifa hat zum Protest aufgerufen. Gekommen ist eine bunte Truppe aus Altlinken, Autonomen und Punks. Einige halten Plakate hoch mit der Aufschrift: "Wir schaffen Deutschland ab." Es sei ihnen wichtig, Stellung zu beziehen gegen den "offenkundigen Rassisten im Literaturhaus", sagt einer der jungen Burschen. "Am liebsten wäre es uns gewesen, das Literaturhaus hätte die Veranstaltung nicht gemacht", erklärt ein anderer, denn: "Mit Rassisten diskutiert man nicht."

Ein Mann steht etwas verloren am Rande der Gruppe. Es ist Grünen-Stadtrat Siegfried Benker, der sich zu den Demonstranten gesellt hat. Das ist insofern bemerkenswert, als die Stiftung des Literaturhauses auch Fördermittel der Stadt München erhält, ohne dass die Stadt aber Mitspracherecht beim Programm hat. Benker ist hier, "um deutlich Stellung zu beziehen", auch wenn er eine breit aufgestellte, bürgerliche Protestaktion bevorzugt hätte. Für das Literaturhaus hat er klare Worte der Kritik übrig: "Die wären ja auch nicht auf die Idee gekommen, einen Franz Schönhuber eine Bühne zu geben, wenn der ein Buch geschrieben hätte."

Der Vorwurf des Rassismus kommt auch im Saal zur Sprache. "Die jungen Leute da draußen lesen ihr Buch als rassistisches Werk", sagt Steingart. "Sie haben den Dialog nicht gerade erleichtert. Sie schaffen eine integrationsfeindliche Umwelt. Sie haben in ihrem Buch ihrem Herzen Luft gemacht, das bleibt ihr persönliches Versäumnis", hält er Sarrazin vor.

"Anatolisierte Generationen"

Sarrazin gibt sich als der Gelassenste im Saal. Das Publikum hat er auf seiner Seite. Und so rudert er in München nicht zurück aufgrund der heftigen öffentlichen Kritik in den vergangenen Wochen. Vielmehr fühlt er sich vom Zuspruch bestätigt, schimpft auf die Berichterstattung der Journalisten und bekräftigt erneut seine Thesen der integrationsunwilligen Muslime, spricht gar davon dass "jede Generation neu anatolisiert werde". Auch hier klatschen einige im Publikum.

Sarrazin predigt ungestört in dem "glockenhellen Ton des Wissenden", wie es Steingart ausgedrückt hatte und warnt vor einer rechtspopulistischen Partei in Deutschland. Wohlgemerkt: Er warnt. Allerdings nicht etwa, weil seine Thesen rechte Ressentiments hoffähig machen könnten. Vielmehr müsse die Politik die Realität, die er predigt, erkennen, jene Maßnahmen ergreifen, die er fordere. Zum Beispiel Sozialhilfe für Zuwanderer streichen. Auch dafür gibt es wieder Applaus.

Schließlich widmet der Heilsbringer seinen Jüngern noch ein paar Signierminuten. Die Druckauflage seines Buchs liegt inzwischen bei 650.000 Exemplaren. Zwei davon hat sich Peter gesichert, der seinen Nachnamen an dieser Stelle nicht lesen will, der aber Deutschland schafft sich ab auf der Brust trägt - als Aufdruck auf einem roten T-Shirt. Die beiden signierten Exemplare wickelt er sorgfältig in eine Folie mit Luftpolstern ein, bevor er sie in seine Tasche packt. Als "netten, faktischen Menschen", beschreibt Peter den Herrn Sarrazin. "Bei uns bauen sie eine Moschee", sagt er. "Muss ich dann in die Moschee zum Beten? Ist das der nächste Schritt der Integration?" Da komme er schon ins Grübeln.

Reinhard Wittmann, der Leiter des Literaturhauses, hat das Geschehen die ganze Zeit über von der ersten Reihe aus verfolgt. Der Mann ist blass im Gesicht, die Anstrengungen der vergangenen Tage sieht man ihm an. Nun, nach der Veranstaltung, blickt er in die Zuschauerreihen, die sich langsam leeren und sagt: "Ich war selber überrascht, dass das Publikum so emotionalisiert war." Von der Diskussion hätte er sich mehr erhofft: "Das waren die üblichen Themen, die schon zu Genüge behandelt wurden", sagt er. Es sei nicht tief genug eingestiegen worden in Sarrazins Buch.

Hat es denn nun unbedingt eines Auftritts von Sarrazin bedurft? Die Sicherheitsvorkehrungen, der Ärger im Vorfeld - war's das wert? Hätte man nicht auch ohne die Person Sarrazin über dessen Thesen diskutieren können? Nein, sagt Wittmann, denn: "Wenn ich vor einem halben Jahr ein ähnliches Thema vorgeschlagen hätte, dann hätte es keinen interessiert." Anscheinend brauche es die Person Sarrazin, sagt er, um eine derartige Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Noch einer sieht erschöpft aus: Soziologieprofessor Nassehi, der den stärksten Gegenwind von den Zuschauern bekommen hat. "Ich bin erstaunt über die Proletarisierung des Publikums", sagt er. "Ich hätte gehofft, dass das Literaturhaus eine Atmosphäre schaffen kann, in der eine solche Diskussion möglich ist."

Nun sei er um eine Erkenntnis reifer: Er, als Redner auf der Bühne, habe eine Menge vom Publikum gelernt. Umgekehrt scheine dies allerdings nicht zu funktionieren.