Leslie Mandokis neues Album "A Memory Of Our Future":Die Rache des Analogen

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Die "Mandoki Soulmates" beim "Wings Of Freedom Concert" in Berlin. (Foto: Krisztian Miklos/Mandoki Soulmates)

Leslie Mandoki und sein Star-Ensemble "Soulmates" haben ein neues Album veröffentlicht. Mit dabei beim geradezu düsteren Fusion-Werk: Bill Evans, Ian Anderson, Tony Carey und viele mehr.

Von Oliver Hochkeppel

Von 9. bis 12. Mai 2024 findet im MOC Event Center wieder die "High End" statt, nach Angaben der Veranstalter die "international führende Audio-Messe", bei der sich alle wichtigen Hersteller von Unterhaltungselektronik präsentieren. Im vergangenen Jahr war der Gitarrenstar Al Di Meola die Galionsfigur, heuer wird es nun Leslie Mandoki mit seinen Soulmates sein. Was aus mehreren Gründen passt.

Erstens, weil Al Di Meola von Anfang an Mitglied der Soulmates ist, der Stab also quasi nur weitergereicht wird. Zweitens, weil Mandoki auch Produzent ist und in seinem Tutzinger Red Rock Studio nicht nur etliche Hit-Alben von Pop- und Rockstars wie Nik Kershaw, Phil Collins oder David Garrett, sondern auch die Sound-Designs des Volkswagen-Konzerns zur Welt gebracht hat. Drittens, weil just am 10. Mai mit dem gewohnten Getöse Mandokis neues Soulmates-Album "A Memory Of Our Future" herauskommt. Und schließlich viertens, weil Mandoki dieses Album passend zur Messe als audiophile, komplett analoge High-End-Produktion auf 24-Spur-Tonband aufgenommen hat.

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Womit wir beim Thema wären: Mandoki selbst, aber auch Mitstreiter wie - sic! - Al Di Meola, Mike Stern oder Till Brönner halten das neue Album für das Beste und Wichtigste, was bislang im Soulmates-Stil erschienen ist. Ein Stil, der immer daraus bestand, den britischen Prog-Rock und den amerikanischen Fusion-Jazz der Siebzigerjahre zu kreuzen. Unabhängig davon, dass manchen Jazzern das zu rockig-poppig und manchen Rock-Fans zu jazzig ist, hat Mandoki dafür im Laufe der 30 Jahre des Bestehens ein Millionenpublikum gewinnen können. Zuvorderst dadurch, dass seine Soulmates ein weltweit einzigartiges Star-Kollektiv ergeben.

Auch die Liste der Beteiligten an "A Memory Of Our Future" bildet wieder eine konkurrenzlose Supergroup: Neben Di Meola, Stern und Brönner finden sich da die weiteren Jazzstars Randy Brecker, Bill Evans, Cory Henry, Steve Bailey und Richard Bona sowie die Rock- und Pop-Größen Ian Anderson ( Jethro Tull), Tony Carey ( Rainbow), Nick van Eede ( Cutting Crew), Simon Phillips ( Toto), John Helliwell, Jesse Siebenberg (beide Supertramp) und Mark Hart ( Crowded House). Dazu Mandokis begabte Tochter Julia. Geballte stimmliche wie instrumentale Power, die sich ganz in den Dienst von Mandokis Ideen und Anliegen stellt.

"We Stay Loud" heißt das letzte Stück des neuen Albums. Das Bild zeigt Leslie Mandoki in seinem Tonstudio in Tutzing. (Foto: Tobias Hase/dpa)

Denn mit seiner Musik hat Mandoki auch schon immer versucht, Botschaften zu transportieren. Geprägt von seiner von Zensur und Unterdrückung geprägten Jugend im kommunistischen Ungarn, von der abenteuerlichen Flucht durch den Karawankentunnel und von seinen Erfahrungen als Asylbewerber hat sich der Freund von Michail Gorbatschow und Angela Merkel, aber auch von Victor Orban einem sehr diplomatischen Freiheitsbegriff verschrieben. Zuletzt aber hat der "Unternehmer des Jahres 2023" auch "Casinokapitalismus", wie er ihn nennt, Umweltzerstörung und die Spaltung der Gesellschaft ins Visier genommen.

Nachdem er auf "Utopia for Realists" dabei noch hoffnungsvoll auf die Allianz von "old and young rebels" setzte, klingt es auf dem neuen Album reichlich desillusioniert. "Wir sehen die Träume unserer Generation in Fetzen, finden uns ohne Kompass in einem Labyrinth von endlosen Krisen und existenziellen Bedrohungen," schreibt Mandoki im Booklet, und davon, das man das Weiterreichen der Fackel an die Jungen verschieben müsse: "Es ist an meiner Generation, den Weg heraus zu zeigen." Das Cover ziert ein schwarzer Schwan, als "personifizierter worst-case für unsere bisherige Gesellschaftsordnung", wie Mandoki sagt.

Mag also die Musik so bombastisch wie gewohnt sein und garniert mit den opulenten Zutaten seiner herausragenden Solisten ("Melting Pot", der Extra-Track des Albums, ist sogar die erste frei improvisierte Jam Session auf einem Soulmates-Album), so sind die Texte doch zumeist düster, ob bei "Blood in the Water", "The Big Quit" oder "Devil's Encyclopedia", womit die sozialen Medien gemeint sind. Immerhin, an die alte Losung "music is the greatest unifier" glaubt Mandoki mehr denn je. "We Stay Loud" heißt das letzte Stück.

Die "Rache des Analogen" nennt Mandoki seine "Memories Of Our Future" denn auch mehrdeutig. Was jedenfalls auch die Veranstalter der High End freuen wird.

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