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Leserbriefe:Seefahrer in Not

Würdigung von Christoph Kolumbus in der Kritik

Schon zu Lebzeiten in Ketten: Christoph Kolumbus auf dem Rückweg nach Spanien. Als Gouverneur war er abgesetzt, aber von der Königin wurde er begnadigt. Jetzt hat die Nachwelt das Wort.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Zu "Kolumbus macht Ärger" vom 1. Juni:

Die WHO vergibt Zahlenreihen und griechische Buchstaben an Virusmutanten, um das jeweilige Herkunftsland zu verschleiern. Warum verfährt München mit in Verruf geratenen Personen der Zeitgeschichte nicht genauso? Würde die Stadt den Kolumbusplatz künftig beispielsweise in "Omega.1.4.9.2" umbenennen, wären neben der "Initiative Cambio", auch all jene besänftigt, die nach über 500 Jahren die Schattenseiten des Seefahrers entdeckten. Und mit anderen Berühmtheiten, die im Nachhinein gesehen nicht ganz koscher waren, verfährt man genauso. Bis die Straßen und Plätze in München statt Namen nur noch Buchstaben und Zahlen tragen. Aus dem KolumBus der MVG-Flotte wird der GloBus und der Franz-Josef-Strauß-Airport heißt künftig auch nicht mehr so. Übrigens: Gar nicht so weit vom Kolumbusplatz liegt die Martin-Luther-Straße. Der Reformator gründete, vor ebenfalls etwa einem halben Jahrtausend, nicht nur die evangelische Kirche. Er war zuweilen auch ein glühender Antisemit. Sollte man die Straße nicht vorsichtshalber auch gleich umbenennen?Manfred Jagoda, Ismaning

Und was ist mit Napoleon?

Da legt Frau Munoz-Hüttl aber den Finger in die Wunde! Ich habe mir schon mal Aktien eines großen europäischen Straßenschildherstellers besorgt, da ich doch hoffe, dass Frau Munoz-Hüttl vor Spanien und Portugal nicht haltmacht. Das werden echte Wechseljahre! Und wo beziehen wir künftig unser Koks, wenn Kolumbien dann wie heißt? Bei British-Columbia gibt es gleich doppelten Wechselbedarf ... Und wer Columbus sagt, muss mindestens auch Napoleon rufen. Ein Kriegsverbrecher der ersten Liga! Da kann man auf die deutsch-französische Freundschaft keine Rücksicht nehmen. Aber selbst, wenn wir uns - natürlich nur vorab - mit München begnügen: die Maximilianstraße! Benannt nach einem Pädophilen, der im Alter von dreißig eine halb so alte Prinzessin ehelichte! Die Arcostraße! Aus dem Geschlecht stammte der Mörder Kurt Eisners! Wo wir doch ohnehin vor Einführung der Sippenhaftung stehen!! Ach, da weiß man gar nicht, wo man aufhören soll. Mein Vorschlag: Wir berufen aus jeder Community Münchens einen Schildbürger, der sich der Straßenschilder annimmt und auch gleich konstruktive Vorschläge zur Neubenennung einreicht. Vielleicht wird München dann endlich die weltoffene Stadt, die wir uns alle so sehr wünschen. Übrigens ist es für Atheisten eine Zumutung, sich mit Augustiner, Paulaner et alii besaufen zu müssen,was oft nach Zeitungslektüre dringend notwendig ist. No pasaran! Fred Kipka, München

Moralischer Zeigefinger

Die Kritik der Studentengruppe an der Namensgebung "KolumBus" der Busse für Schulausflüge entspricht dem empörungsfreudigen Zeitgeist. Ohne die willfährigen Medien wäre die Aufmerksamkeit entsprechend gering. Anstatt sich über die interessanten Ausflugsmöglichkeiten für die Kinder zu freuen, wird der moralische Zeigefinger erhoben. Kolumbus dient hier als Synonym für Entdeckungsinteresse. Die Gräueltaten, die dadurch mit Hilfe von Soldaten aus Südeuropa in Mittel- und Südamerika erfolgten, werden durch zahlreiche Dokumentationen vielen Erwachsenen geläufig sein. Die wichtige kritische Auseinandersetzung gehört in den Geschichtsunterricht. In der Gegenwart benötigen die Ureinwohner Lateinamerikas unsere Unterstützung, da selbst Präsidenten aus ihrer Bevölkerungsgruppe sich wenig um das Wohlergehen ihrer Landsleute scheren. Bolivien und Venezuela dienen hier als abschreckendes Beispiel. Zahlreiche deutsche Hilfsorganisationen engagieren sich in Mittel- und Südamerika, um vor allem die indigene Bevölkerung zu unterstützen. Eine Namensänderung in München hilft meines Erachtens gar nichts. Zumindest lenkt der Artikel von den aktuellen Münchner Themen wie Angriffe auf Personen des öffentlichen Dienstes (Polizei, Feuerwehr, Sanitäter, Bildungspersonal) und der Situation am Immobilienmarkt durch den ungeregelten Zuzug ab.Stephan Schmidt, Train/St. Johann

Wo bleiben die Kriterien?

Welche Kriterien legen die (selbsternannten) Namensstürmer an, wenn es um die Namenssäuberung geht? Haben sie dafür ein Handbuch? Welche universellen Regeln gibt es bei der Handhabung? Und worauf gründet sich deren Autorität? Und wie sollen wir stattdessen diese weißen Flecken auf unserer Landkarte nennen? Namensgebung durch eine Person ist immer problematisch, da wir als Menschen einfach menschlich und damit fehlbar sind. Aber was machen wir dann mit all den weißen Flecken, die dann in unserem Straßenbild auftauchen?

Sie ähnlich wie in den USA nach East/West und Zählung oder in Buchstabenkombinationen wie London oder Mannheim? Geht da nicht auch ein kulturelles Erbe verloren? Warum schießt man sich in der Debatte so sehr auf Columbus/Kolumbus ein? Nach einigem Nachdenken kann man doch eine weltweite Liste von Staaten, Städten und Kontinenten erstellen, deren Name unbedingt geändert werden müsste. Nur einige Beispiele: USA: Stadt Raleigh (nach Sir Walter Raleigh, Pirat im Namen der Königin), Städte mit dem Namen Jefferson (einer der Gründungsväter, aber eben auch Sklavenhalter), North Carolina und South Carolina (nach dem englischen König Charles I. benannt, der immerhin so nett war, dass er von Teilen seines Volkes mit Begeisterung hingerichtet wurde). Und was machen wir mit ganzen Kontinenten wie Amerika? Was wissen wir über Amerigo Vespucci? Müssen wir nicht den ganzen Kontinent umbenennen?

Und die Bewohner von Kolumbien und Bolivien? Wirklich sicher, dass die Einwohner noch glücklich sind mit den Namen ihres Staates? Ist schon jemand auf sie zugetreten, dass sie vielleicht gar nicht so stolz sein dürfen bei der Namensnennung ihres Staates? Simon de Bolivar war Freiheitsheld - aber was war er noch? Immerhin ernannte er sich 1828 selbst zum Diktator.

Ich maße mir da kein Urteil an. Alternative Namensgebungen sind allerdings nicht automatisch unbedingt besser. Nur weil die Europäer viele indigenen Völker ausgerottet haben und wir daher wenig über sie wissen, werden diese Völker nicht unbedingt zu besseren Menschen/Herrschern. Oder was fällt uns zu Maya, Azteken und Inka ein? Wahrscheinlich wurde der Großteil der Bevölkerung nicht weniger geknechtet als ihre Leidensgenossen im europäischen Feudalismus. Belehren Sie mich eines Besseren. Carmen B. Ramirez, München

© SZ vom 11.06.2021
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