Konzert und neues Album:Bastler und Frickler

Lesezeit: 2 min

"Legs and Birds" heißt das dritte Solo-Album, das Mathias Götz als Le Millipede aufgenommen hat. (Foto: Andreas Staebler)

Als Posaunist gehört Mathias Götz zu den umtriebigsten Musikern der Münchner Szene. Mit seinem dritten Album als multiinstrumentaler Solo-Bastler Le Millipede beweist er nun, dass auch mal Unmögliches möglich sein kann.

Von Martin Pfnür

Der Satz, mit dem der wunderbare Wahnwitz dieses Unternehmens in Worte gefasst wird, steht ganz am Ende. Also nicht ganz am Ende, eher als eine Art Scharnier in der Mitte zweier Hälften. Doch dazu später mehr. Der Satz jedenfalls, er lautet: "Man soll überhaupt nur das Unmögliche versuchen, weil das Mögliche sowieso und ohne Widerstand geschieht." So gelesen würde sich das auch gut als Kalenderspruch für Klimaaktivisten machen. Doch bei Mathias Götz und seiner neuen Platte als Le Millipede steht die Sache mit der Unmöglichkeit natürlich in einem anderen Kontext, was allein schon seine anmutig verhackstückte vokale Bobby-McFerrin-Performance dieser fünfzehn Worte andeutet.

Unmöglich und doch möglich sind im Fall von Götz' drittem Solo-Album "Legs and Birds" vielmehr Dinge, die jeden halbwegs kommerziell orientierten Label-Menschen in den Wahnsinn treiben würden, hier jedoch als funkelnde Statements aus dem Underground aufleuchten.

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Denn wer mag es sich in der darbenden Musikbranche heute noch leisten, ein Album mit Vinylsingles jedes einzelnen Songs anzubahnen, deren Auflage ein Stück beträgt, und die dann auch noch an Freunde verschenkt werden? Und wer bitteschön veröffentlicht ein Vinyl-Doppelalbum, dessen zweite Hälfte "Birds" aus siebzehn Vogelgesängen vom Bluthänfling bis zum Baumpieper besteht, die der begeisterte Hobby-Ornithologe Götz auf den Rekorder bannte? Eben.

So gesehen kann man dem Dreigespann aus den Münchner Labels Gutfeeling Records und Hausmusik sowie Dhyana Records aus Augsburg auch als Hörer dankbar sein. Hat es doch ein Projekt ermöglicht, in dessen Rahmen der studierte Jazz-Posaunist, Kosename "Trombone Slowly", erneut zur Hochform aufläuft - und das nicht nur an seinem Hauptinstrument. Bläst er heute nach unzähligen Bigband- und Jazz-Projekten vor allem für die charmant rumpeljazzige Hochzeitskapelle der Acher-Brüder oder die Blasmusik-Rabauken G.Rag und die Landlergschwister, so steht er als Le Millipede nämlich noch mal für einen ganz anderen Sound.

Er erschafft musikalisch ganze Miniatur-Welten

Als englischer Tausendfüßler mit vorangestelltem "le" ist er ganz Bastler und Frickler. Einer, der neben der Posaune mit Drones aus dem Mini-Keyboard und dem Harmonium, feinen Klöppeleien auf dem Xylophon oder dem Glockenspiel, und seiner primär instrumental eingesetzten Stimme ganze Miniatur-Welten erschaffen kann. Oder doch eher Füßchen, um Welten zu durchwandern? Als solche jedenfalls hat er die erste Hälfte "Legs" durchnummeriert, vom "1st Leg" bis zum "10th Leg".

Das könnte in dieser chronologischen Strenge auf eine gewisse Monotonität schließen lassen, doch weit gefehlt. Knallbunt und farbensatt wie das von Elisabeth Forster kreierte Stoffbahnen-Cover lässt der Tausendfüßler Götz hier seine Experimentierfreude aus jedem lautmalerischem Düdeldüm, jeder arabesken Keyboard-Girlande und jeder ins metallisch Klirrende gefilterten Posaunen-Fanfare herausleuchten. Mal in Form eines perkussiv verklackerten Dschungelfiebers. Mal als transzendierende Interpretation gregorianischer Sangeskunst. Und mal zu einem schamanistisch pochendem Trommelschlag, der einen sogleich um ein loderndes Lagerfeuer herumtanzen lassen möchte.

Kein Wunder also, dass Götz' guter Freund Federico Sánchez alias Pico Be, seines Zeichens Sänger und Texter der Münchner Band Das Weiße Pferd, die Füßchen noch ein Stück weiter laufen ließ. Zu jeder der zehn Nummern hat er seinen Kopfkinoprojektor angeworfen und das Ergebnis in filmische Essays gefasst, die auch der Platte beiliegen. Somit steht nun im Kösk ein vielschichtiger Release-Abend mit einem Konzert in kammermusikalischer Besetzung, einer Text-Performance von Pico Be und einer kleinen Artwork-Ausstellung mit den Arbeiten von Elisabeth Forster an. Und auch wenn man das bestuhlte Konzert im Sitzen genießen darf - die eigenen Füßchen wird man dabei kaum still halten können.

Le Millipede, Freitag, 3. Februar, 19 Uhr, Kösk, Schrenkstraße 8

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