Lerchenau:Mauer der Ablehnung

Die Online-Erörterung zu den Plänen der Eggarten-Siedlung gerät zum Spießrutenlauf für die Verwaltung. Die Kritik der Anwohner am Verdichtungsprojekt im Grünen zielt auch auf die Veränderung des Stadtklimas

Von Jerzy Sobotta, Lerchenau

Zu beneiden waren sie nicht, die Mitarbeiter des städtischen Planungsreferats. In einer Abendveranstaltung haben sie jetzt den aktuellen Stand der Planungen für die neue Eggarten-Siedlung vorgestellt. Dort wo jetzt ein paar verfallene Häuser inmitten von verschlafenen Kleingärten und alten Bäumen stehen, sollen Ende des Jahrzehnts rund 1800 neue Wohnungen in dicht bebauten Häuserblocks und einigen Wohnhochhäusern von bis zu 36 Metern Höhe entstehen. Entsprechend unbeliebt ist das Bauprojekt bei vielen Bürgern und den Lokalpolitikern im Stadtviertel. Für die städtischen Planer war die Erörterung ein Pflichttermin, nachdem der städtebauliche Entwurf der Berliner Architekturbüros Wessendorf und Loidl im März von den Politikern im Rathaus angenommen worden war.

So mussten die Planer den Bürgern ein Projekt schmackhaft machen, das sie zwar inhaltlich gestalten, deren Vorgaben allerdings vom Stadtrat und Investoren kommen. Weil von denen niemand anwesend war, entlud sich der Groll an den Mitarbeitern des Planungsreferats. Ihr einziges Glück: Die Veranstaltung fand online statt. Die wütenden Kommentare der Bürger verschmolzen so zu einem stummen Ausfluss anonymer Einträge, die den Chatverlauf schneller füllten, als man mit dem Scrollen nachkam.

Kolonie Eggarten, Ecke Daxet-/ Rehstraße

Blick zurück: Die Nachbarn kämpfen gegen das Aus für idyllisches Grün und Hütten-Romantik auf dem Eggarten-Gelände.

(Foto: Florian Peljak)

Den Ton des Abends setzte der einzige politische Vertreter, der zur Veranstaltung geladen war: Rainer Großmann (CSU), Vorsitzender des Bezirksausschusses Feldmoching-Hasenbergl. "Im Eggarten gibt es eine einzigartige Flora und Fauna, es ist der ideale Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Eine derart massive Bebauung ist hier nicht zu vertreten", sagte er und zog das Projekt grundsätzlich in Zweifel: "Hier wird eine grüne Insel zerstört."

Nach so einer Einführung hatten es die Stadtplaner selbstredend schwer, den Modellcharakter der neuen Siedlung anzupreisen. Die Investoren von CA Immo und Büschl hatten schon vorher angekündigt, dass rund die Hälfte aller Wohnungen im neuen Stadtviertel von Genossenschaften errichtet wird - also rund zehn Prozent mehr, als sonst bei solchen Bauprojekten in München üblich ist. Außerdem soll die Energie für die Wohnungen aus Geothermie und Solarzellen kommen, die zwei Drittel aller Dächer und Fassaden bedecken werden.

Die Stimmung im Chat war grundsätzlich gegen das Projekt gerichtet. "Für die Natur bleibt nichts", war zu lesen. Oder: "Die Stadt lässt sich vom Investor kaufen... erbärmlich." Doch zumindest einige der Bedenken versuchten die Planer zu zerstreuen. "Es wird keine Betonwüste", versicherte eine Mitarbeiterin des Planungsreferats. "Wir werden dafür sorgen, dass auch die Baustoffe zu dem Modellvorhaben passen und nachhaltig sind." Geplant sind überwiegend fünf bis acht Stockwerke. Hinzu kommen höhere Gebäude mit bis zu 36 Metern, die sich an der Höhe der Wohnhochhäuser in der Siedlung am Lerchenauer See orientieren. Außerdem sollen 58 Prozent der Bäume erhalten bleiben.

Lerchenau: Setzte den Ton der Veranstaltung: Rainer Großmann (CSU), Vorsitzender des Bezirksausschusses.

Setzte den Ton der Veranstaltung: Rainer Großmann (CSU), Vorsitzender des Bezirksausschusses.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Einen wichtigen Teil nahm die Erörterung des Stadtklimas ein. Der Eggarten wird in einer Kaltluftschneise entstehen, die die umliegenden Stadtviertel vor allem im Sommer mit kühler Luft versorgt. "Wir sind hier in einem kritischen Bereich", sagte der Klimafachmann des Planungsreferats. Dass die relativ hohe Bebauung diese Schneise stören wird, daran ließ er keinen Zweifel. Allerdings wolle man so bauen, dass im Süden des Eggartens ein 200 Meter breiter Korridor frei bleibt. So werde die Kaltluftschneise zumindest nicht gänzlich unterbrochen.

Für größeren Ärger sorgte im Chat, dass nur sechs Parkplätze pro zehn Wohnungen eingeplant sind. Sie sollen in Quartiersgaragen untergebracht werden, nicht in Tiefgaragen. Die Furcht ist, dass die neuen Nachbarn die anderen Siedlungen zuparken. Die Verkehrsplaner halten dem Car- und Bike-Sharing sowie die Nähe zur U-Bahn entgegen. Nicht alle künftigen Bewohner werden sich ein Auto zulegen, so die Hoffnung.

Auch positive Einträge waren im Chat immer wieder zu lesen. "Ich finde den Entwurf sehr schön und gelungen. Tolle Abwechslung von Grün und Bebauung. Weiter so," schrieb jemand. Doch solche Einträge gingen in der Flut der Ablehnung weitgehend unter. Ein externer Moderator führte durch die Veranstaltung. Er bündelte zum Schluss einige der inhaltlichen Fragen. Weil er auch unbequeme Fragen nicht mied, konnte er sich die Sympathien einiger Zuschauer sichern. Trotzdem war unverkennbar, dass viele Bürger ihren Frust nicht nur im Chat rauslassen wollten. "Diese Veranstaltung muss in Präsenz wiederholt werden!", schrieb jemand. "Kommt nach Feldmoching! Wir wollen gerne eine Diskussion vor Ort", ein anderer.

© SZ vom 30.06.2021
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