Lerchenau Es fehlt das Forum

Das Sozialnetzwerk Regsam hat identifiziert, was die Bevölkerung in der Siedlung am Lerchenauer See dringend braucht: eine zentrale Anlaufstelle. Womöglich bekommt das Viertel auch bald einen Quartiersmanager

Von Simon Schramm, Feldmoching

In der Siedlung am Lerchenauer See braucht es einen Ort zum Austausch, einen Ort, an dem jemand die Einwohner unterstützt und ihnen bewusst macht, welches Potenzial im gemeinschaftlichen Leben liegt - das ist wohl die wichtigste Erkenntnis des regionalen Netzwerks für soziale Arbeit (Regsam) und der Diakonie Hasenbergl. Die sozialen Organisationen haben jetzt das Viertel jeweils auf eigene Weise ausführlich erkundet.

Die Netzwerker von Regsam haben in den vergangenen drei Jahren den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Siedlung am Lerchenauer See gelegt und drei Anwohner-Gruppen identifiziert, deren Lebensumstände verbessert werden sollten: ältere Menschen, Familien mit alleinerziehenden Elternteilen und Migranten. Die Unterstützung könnte in einem im Viertel ohnehin notwendigen Nachbarschaftstreff gebündelt werden, ist der Verein überzeugt.

In dem Wohnviertel gibt es nach wie vor keinen Bürgertreff; die von Regsam anvisierten Räume wollte der Eigentümer nicht hergeben. Dafür wurde Regsam seitens der Stadtpolitik angekündigt, dass die Forderung nach einem Treff nach den Ferien in Form einer Stadtratsvorlage öffentlich behandelt werde. Das Fazit von Regsam-Moderatorin Friederike Goschenhofer nach drei Jahren: "Wir sind im Rahmen unserer Möglichkeiten grundsätzlich zufrieden."

Das Regsam-Team hat im Laufe seiner Arbeit einige Projekte angestoßen: Das Programm mit dem Titel "Mama lernt Deutsch" ist für Mütter mit Migrationshintergrund gedacht. Es bleibt weiter bestehen, ebenso wie die "Frühe Förderung", eine Kontaktstelle für Eltern zu Fragen der Erziehung und Förderung ihrer Kinder. Überdies wurden ein Elterntreff und eine Spielgruppe von Regsam initiiert - zumindest die Spielgruppe soll weitergeführt werden. Allerdings sei noch offen, unter welcher Trägerschaft, sagt Goschenhofer. Immer noch mangele es jedoch an ausreichender Nahversorgung.

Viel Verbesserungspotenzial: Die sozialen Organisationen weisen darauf hin, dass es kaum Einkaufsmöglichkeiten in der Siedlung gibt.

(Foto: Robert Haas)

Wenn Regsam einen Schwerpunkt auf einen Stadtteil legt, erkundigt sich der Verein bei möglichst vielen Einrichtungen und Akteuren im Viertel nach den Problemen, definiert daraus einen Bedarf und untersucht, wie dem entsprochen werden könnte. Ein Beispiel: Apotheker in der Siedlung erzählten dem Verein von Senioren, die im Laden nach Hauswirtschafts- oder Putzhilfen fragen, Unklarheiten zur Rente artikulieren. Die Gespräche am Tresen offenbarten einen speziellen Informationsbedarf der Anwohner - mittlerweile finden die älteren Bewohner der Siedlung die gewünschten Auskünfte in einer Broschüre, die Regsam zusammengestellt hat. Ferner hat der Senioren-Pavillon der Diakonie in der Siedlung nun eine Sprechstunde etabliert. Das Angebot bleibt, ist aber provisorisch, ohne PC, ohne Telefon, ohne eigene Räume. Erneut zeigt sich: Nötig wäre eine feste Anlaufstelle in einem Vierteltreff.

Die Diakonie Hasenbergl will auf den Erkenntnissen von Regsam aufbauen und hat sich um Fördergelder für die Stelle eines Quartiersmanagers im Viertel beworben, dessen Fokus auf der Seniorenarbeit liegen soll. "Regsam besitzt die Kompetenz, Menschen im Stadtteil zusammenzubringen, während es sonst nur beim Austausch zwischen einzelnen Zirkenl bleibt", sagt Stefan Fröba, Bereichsleiter der Diakonie. Er berichtet, wie auch Regsam-Mitarbeiterin Goschenhofer, dass dem Viertel seit der Schwerpunkt-Arbeit mehr Aufmerksamkeit geschenkt werde. Die Siedlung habe wenig Lobby, so Fröbas Einschätzung. Das Augenmerk von Politik und Verwaltung liege eher auf Vierteln, in denen die Unterstützung sehr dringlich sei.

Die nächsten Stationen

Im Oktober schließt Regsam seine Arbeit in der Siedlung am Lerchenauer See mit einem Bilanzbericht und einer Abschiedsfeier ab. Welche Viertel von November an unter die Lupe genommen werden, steht schon fest. Die Organisation wird sich drei kleinere Quartiere vornehmen.

In der Nordhaide in Milbertshofen will Regsam vorbeugend arbeiten; die Gegend sei noch nicht als schwierig einzuschätzen, sagt Regsam-Mitarbeiterin Friederike Goschenhofer. Es sei aber nötig, das Zusammenleben der Bewohner aus unterschiedlicher Herkunft zu fördern; überdies sei der Anteil der Bürger in prekären Lebenssituationen gewachsen. Ob das ein Problem werden könnte, soll die Schwerpunkt-Aktion aufzeigen. An der Mitterfeldstraße im Stadtteil Laim wohnen viele ältere Münchner Bürger, die sich mit Mobilitäts-Problemen herumschlagen. Und was die Jugendlichen in der Aubinger Wildenrother Straße beschäftigt, will Regsam ebenfalls von diesem Herbst an herausfinden. ssr

Die Diakonie will nun, wie Regsam, die Bürger in die Diskussion über das Viertel einbeziehen. "Wir wollen Frau Huber und Herrn Müller eine Plattform bieten", sagt Fröba. Wie das konkret ablaufen soll, ist noch nicht klar. Womöglich gibt es erneut eine Zusammenarbeit mit Studenten aus dem Bereich "Soziale Arbeit", die jüngst schon für die Fördergeld-Bewerbung den Sozialraum der Siedlung unter anderem mittels Passanten-Interviews analysiert haben. Eines der Ergebnisse: Der Stadtteil wird älter. "Die Bewohner müssen mehr aktiviert werden", sagt Fröba. Auch sei der Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund gestiegen. Alteingesessene und Zugezogene seien sich noch fremd. Viele ausländische Bewohner hätten ihre Wohnungen als Eigentum gekauft, was Fröba als Zeichen wertet, dass sie in München bleiben wollten. Quartiersmanager sei auch dafür da, die offensichtlichen Hürden abzubauen.

Die Diakonie erwartet im Frühjahr 2018 eine Entscheidung, ob sie die Förderung erhält. Der Quartiersmanager könnte dann im August 2018 seine Arbeit beginnen.