Berührende Doku über Deutschlands ersten Olympia-SurferDer Surferfilm, der keiner ist

Lesezeit: 4 Min.

Mit sechs Jahren bricht die heile Welt von Leon Glatzer zusammen: Der neue Partner der Mutter will eine Familie gründen, aber in der Stadt, weit weg vom Meer.
Mit sechs Jahren bricht die heile Welt von Leon Glatzer zusammen: Der neue Partner der Mutter will eine Familie gründen, aber in der Stadt, weit weg vom Meer. (Foto: Ben Thouard)

„Against Gravity“ begleitet den Münchner Leon Glatzer auf seinem Weg von den Wellen Costa Ricas  bis nach Tokio – und erzählt dabei vor allem eine dramatische Familiengeschichte

Von Thomas Becker

Immer wieder ärgerlich, wie man doch daneben liegen kann. Ein Surf-Film über Leon Glatzer, den ersten deutschen Wellenreiter bei Olympia, Tokio 2021? Schön. Sicher tolle Bilder, irre Akrobatik an Traumstränden, lachende Menschen mit viel Wind und Sonne im Gesicht, wie in der Werbung. Nur: Viel Neues wird man wohl nicht erfahren, hat man doch schon zig Mal mit ihm gesprochen, kennt ihn seit Jahren. Ihn kennen? Von wegen! Nach 77 Filmminuten muss man eingestehen, nicht mal den halben Hauch einer Ahnung vom Leben des Leon Glatzer zu haben.

„Against Gravity – A surfer's journey of resilience“ – Jenseits der Schwerkraft – heißt das Werk (ab Dienstag auf Red Bull TV), und der Untertitel gibt schon einen Hinweis darauf, dass es um mehr geht als den üblichen Surf-Porn. „Es ist kein Surf-Film, es ist ein Schicksalsfilm“, sagt Katja Glatzer nach der Premiere im Foyer des Royal-Filmpalasts. Sie ist Leons Mutter, und ohne diese Frau mit den langen, blonden Haaren und ohne den venezolanischen Strahlemann Matteo Cossovich wäre dies ein ganz anderer Film geworden. Weil Katja Glatzer im Film von Regisseur Matt Pain die dramatische Familiengeschichte erzählt, zum Reden gebracht von Matteo, einem Freund der Familie und des Regisseurs. „Matt hat mir Fragen gestellt wie ein Computer“, erzählt sie, „da gingen bei mir alle Rollläden runter. Ich hab' ihm gesagt: ‚Mit Matteo könnte es vielleicht gehen.‘“ Und es ging. Katja Glatzer konnte sich öffnen, auch wenn sie im Kinosaal nun erstaunt war: „Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Familiengeschichte so viel Raum bekommt.“

Leon Glatzer bei der Premiere von „Against Gravity“ mit seiner Freundin Bianca Baldi.
Leon Glatzer bei der Premiere von „Against Gravity“ mit seiner Freundin Bianca Baldi. (Foto: Johannes Simon)

Aber von vorn. Leon kommt auf Hawaii zur Welt, Unterwassergeburt, zwei Jahre später ziehen die von Kassel ausgewanderten Glatzers nach Costa Rica, an den Strand von Pavones, einem bekannten Surf-Spot, vorgestellt gleich in der ersten Wow-Szene des Films. Auf einem Kilometer Länge bricht sich eine Traum-Welle, die nicht zu enden scheint. Ein Paradies für Surfer – und Leons Spielplatz. „Mit acht Monaten konnte er auf mich zu tauchen“, erzählt die Mutter, mit zwei wirft sie ihn ins Wasser, legt ihn aufs Surfbrett, mit vier kann der Junge selbst in die Welle paddeln, fragt jeden Local nach Tipps, verbringt mehr Zeit im Wasser als an Land – doch mit sechs bricht die heile Welt zusammen. Der neue Partner der Mutter will eine Familie gründen, aber in der Stadt, weit weg vom Meer. Leon ist am Boden zerstört, findet im Skateboarden etwas, das dem Surfen zumindest nahe ist, unglücklich ist er dennoch. Die Mutter leidet mit – und packt ihn ein Jahr später kurzerhand ins Auto und flüchtet zurück nach Pavones. Leon erinnert sich: „Die Fahrt dauert neun Stunden. Die ganze Zeit über bin ich gesurft, mit den Fingern.“

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Zurück in seinem Element stellt er fest: Die Anderen sind viel besser geworden! Machen sich über ihn lustig, über seinen Stil, in den Wellen wie beim Skateboarden nach einer Rampe zum Springen zu suchen – bis Leon es schafft, diese Sprünge zu stehen und weiter zu surfen. Jetzt reiben sich die Anderen die Augen: Wie schafft der das? Benutzt der Kleber? Der deutsche Surf-Profi Thomas Lange versorgt ihn mit ein paar Brettern, und als Leon mit 14 ein spektakuläres Manöver gelingt, filmt zum Glück jemand mit – das Paar-Sekunden-Video wird sein Einstieg in die Welt des gesponserten Surfens, der Traum eines jeden Wellenreiters. Doch dann der Alptraum: Mit quietschenden Reifen rast plötzlich der Stiefvater vor das Haus, packt Leons sieben Jahre jüngeren Bruder Sean und braust mit ihm davon. Drei Jahre sollte es dauern, bis sich die Brüder wieder sehen.

Mit 15 Jahren ist Glatzer zehn Monate im Jahr unterwegs – doch das Geld ist knapp

Mitten in dieses Drama platzt die erste Einladung eines Sponsors nach Europa, an Frankreichs Atlantikküste. Leon lässt schweren Herzens die verzweifelte Mutter zurück, kann es nicht erwarten, sich in den Atlantik zu stürzen. Auf den ersten Kulturschock („Mama, die sind hier am Strand alle nackt!“) folgt der nächste Dämpfer: ganz andere Wellen als daheim! „Nichts hat geklappt“, erinnert sich Glatzer, „ich wusste nicht, wie man nach rechts surft.“ Weil die Pavones-Welle nach links bricht. Der Sponsor schickt ihn drei Monate lang nach Südafrika, an einen Spot mit nach rechts brechender Welle. Glatzer lernt, ist mit 15 zehn Monate im Jahr unterwegs, doch das Geld ist knapp. Ex-Profi Lang erzählt: „Leon hatte genau ein Shirt, und das trug er im Wasser und an Land.“ Oft hat er nicht mal ein Bett, sondern schläft in der Board-Tasche. „Das hat er mir nie erzählt“, sagt die Mutter, „als ich das gehört habe, musste ich weinen.“ Da ist sie nicht allein im Kinosaal, „auch Sean hat ab und zu fest meine Hand gedrückt“.

Spektakuläre Surfszenen gibt es in „Against Gravity“ natürlich auch zu sehen.
Spektakuläre Surfszenen gibt es in „Against Gravity“ natürlich auch zu sehen. (Foto: Ben Thouard)

Leon ist nun Wettkampfsurfer, sein Ziel: der Mama möglichst viel Preisgeld schicken, um den Bruder zurückzuholen. Vor Gericht muss er als Zeuge aussagen, der Stress beschert ihm Magenkrämpfe und Schulterverspannungen. Als der Bruder mit zwölf entscheiden darf, mit wem er leben will und endlich nach Hause kommt, sind Leons Beschwerden wie weggeblasen. Endlich ist der Kopf frei für das große Ziel: Olympia. 2021 in Tokio ist Wellenreiten erstmals olympische Disziplin, doch die Qualifikation ist hart: Mehrere Hundert Athleten kämpfen um fünf „golden tickets“. Als Leon zum ersten Wettkampf ins Wasser steigt, erstarrt er vor Anspannung, lässt fünf Minuten lang alle Wellen vorbeirauschen.

Nach Olympia stürzt er in ein Loch und will nicht mehr surfen

Nun zahlt sich die Unterstützung des Deutschen Wellenreitverbands aus, der Glatzer nicht nur einen Trainer, sondern auch einen Psychologen zur Seite stellt. Martin Walz macht Atemübungen mit Leon, schickt ihn gedanklich in einen leeren weißen Raum, und als Glatzer daraus wieder auftaucht, ist er bereit – und schafft die Qualifikation. Der Olympia-Traum wird wahr – und mündet fast zwangsläufig in die nächste Krise, in das Loch, in das viele fallen, wenn alle Interviews gegeben, alle Werbespots gedreht, alle Empfänge Geschichte sind. Acht Monate lang mag Glatzer nicht surfen – verkehrte Welt. Der Psychologe schickt ihn zum Snowboarden, auf den Fußballplatz, und allmählich kehren Lust und Leidenschaft zurück. Glatzer, der mittlerweile in München lebt, sagt über diese schlimme Zeit: „Es ist egal, was vor dir ist, wenn du weißt, wer hinter dir steht.“

Das ist auch Freundin Bianca, die er in ein paar Tagen auf Sardinien heiraten wird. Das nächste Ziel ist längst definiert: „Ich will nochmal Olympionike sein.“ 2028, an den Stränden vor Los Angeles. Bis dahin wird man noch ein paar mal mit ihm sprechen – und ihn nun zumindest etwas besser kennen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, der Film hieße „Beyond Gravity“. Der Filmtitel wurde inzwischen korrigiert, richtig ist „Against Gravity“.

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Sezgin Inceel ist Wissenschaftler, Musiker, Autor, Dichter. Mit Musik ermutigt er Kinder, ihre Stimme zu erheben. Er selbst schöpft aus seinen Liedern Kraft. Sie haben ihm immer wieder in schwierigen Situationen geholfen.

Von Martina Scherf

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