Sie kommt aus Tallin, der Hauptstadt von Estland, jetzt lebt sie in Prag, dazwischen war sie in Nürnberg, in München und wahrscheinlich auch noch in ein paar anderen Städten - und jetzt ist sie hier gelandet, Saal B 175 im Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße, vor sich die Schwurgerichtskammer: Rechts der Staatsanwalt - und links der Mann, dessen Geliebte sie war, mit dem sie ein neues gemeinsames Leben plante. Nun ist dieser Mann des Mordes angeklagt, und sie muss aussagen, was sie erlebt hat an jenem Novembertag des vergangenen Jahres, an dem Beatrice F. zu Tode kam im Bogenhauser Reihenhaus. Derweil stand sie, die Geliebte, draußen vor der Tür.
Margareta R., 27 Jahre alt, ist die wichtigste Zeugin im Prozess um die "Leiche vom Feringasee". Angeklagt ist Konstantin V., er hat am ersten Verhandlungstag zugegeben, für den Tod seiner Lebensgefährtin Beatrice F. verantwortlich zu sein - allerdings stellt er die Tat als "schreckliches Unglück" dar. Zwei Tage nach Beatrice F.s Tod fuhr er die Leiche zum Feringasee, legte sie auf einer Wiese ab, übergoss sie mit Benzin und zündete sie an.
Die Zeugin spricht englisch, was angeblich im Gericht für größere Erleichterung gesorgt hat, denn ein Dolmetscher dafür ist leichter zu finden als einer für die estnische Sprache. Margareta R., dunkler Hosenanzug, flache Schuhe, spricht über mehrere Stunden konzentriert und gefasst, sichtlich bemüht, sich zu erinnern und die Wahrheit zu berichten. Wenn Michael Höhne, der Vorsitzende Richter, ihr etwas aus der polizeilichen Vernehmung vorhält, dann sagt sie zur Bestätigung nicht einfach "yes", sondern "that's correct". Zum Angeklagten schaut sie nicht und er auch nicht zu ihr; allerdings wendet Michael Höhne des Öfteren den Blick zu Konstantin V., um zu sehen, wie er auf die Aussagen reagiert.

Vor Gericht:Leiche am Feringasee: Verteidiger widerspricht dem Mordvorwurf
Zum Prozessauftakt stellt der Lebensgefährte von Beatrice F. ihren Tod als unglückliches Ergebnis eines Streits dar.
Die beiden hatten sich in Prag kennengelernt, in einem Club, daraus ergab sich etwas, was beide zunächst als One-Night-Stand einordneten. Der Kontakt blieb aber erhalten, zumeist über den Facebook Messenger, schließlich traf man sich wieder, in Prag, in Nürnberg, und weil der Jung-Manager Konstantin V. ein Angebot von der Firma bekam, in der auch Margareta R. arbeitete, begannen vorsichtige Planungen, gemeinsam nach Amsterdam zu gehen, wo V.s neuer Arbeitsplatz sein sollte.
Ganz zu Beginn hatte V. seiner neuen Freundin erzählt, dass er Single sei. Als sie ihn in München besuchen sollte, den Termin mehrmals verschieben musste, er aber nie Probleme deswegen machte, bestärkte sie das in der Annahme, er sei tatsächlich ungebunden. Mit dem Fernbus reiste sie an, er holte sie ab, dann aber wunderte sie sich: Warum in dem angeblichen Single-Haushalt Frauensachen herumstehen? Seine Geschichte einer schon lange verstorbenen Lebensgefährtin akzeptierte sie, dann war alles gut: Die beiden spazierten durch die Stadt, gingen essen, bis V. am Abend des zweiten Besuchstags in einem Restaurant einen Anruf bekam, der ihn offensichtlich nervös machte. Seiner Freundin erzählte er, im Haus habe es Alarm gegeben, er müsse schnell zurück. In Wirklichkeit aber kam der Anruf von Beatrice F., die von einer Dienstreise heimgekommen war und sich nun ihrerseits wunderte über Margareta R.s Sachen in ihrem Haus.
Konstantin V. fuhr schnell mit der U-Bahn nach Hause, Margareta R. solle doch auf ihn warten, schlug er vor - aber sie wollte unbedingt mitkommen. Vom U-Bahnhof Böhmerwaldplatz lief er voraus, und als Margareta R. am Haus ankam, hörte sie drinnen einen Schrei und Lärm, als würde jemand zu Boden fallen. Voller Angst lief sie weg. Konstantin V. erzählte ihr später eine äußerst merkwürdige Geschichte, wonach er mit der Schwester seiner angeblich schon lange verstorbenen Lebensgefährtin eine Konfrontation gehabt habe - aber Margareta R. fuhr dann doch lieber wieder zurück nach Prag. Dort las sie im Internet, dass ihr Geliebter wegen Mordverdachts verhaftet worden war. Der Prozess wird fortgesetzt.