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Leica Galerie München:Hits aufs Auge

Lenny Kravitz vermarktet sich perfekt. Als Rockstar, als Schauspieler, als Duftmarken-Kreateur und als Fotograf. Seine Bilder werden nun in München gezeigt. Dass er einen so guten Blick hat, hängt auch mit seiner Familie zusammen

Von Oliver Hochkeppel

Wenn man den Begriff Multitalent für jemanden neu erfinden müsste, dann wäre Lenny Kravitz ein geeigneter Kandidat. Der 56-Jährige ist Soulshouter, Rockstar, Sex-Symbol, Multiinstrumentalist, Produzent, Schauspieler, Bestseller-Autor, Designer, Namensgeber einer eigenen Duftlinie und - Fotograf. Diese letzte, vielleicht noch am wenigsten bekannte seiner Leidenschaften ist jetzt in München zu entdecken. Die Leica Galerie präsentiert - je nach Corona-Lage mit Voranmeldung oder frei zugänglich - bis zum 30. Juni in der Ausstellung "Drifter/Flash" 27 seiner fotografischen Werke.

Lenny Kravitz

Vor und hinter der Kamera: Lenny Kravitz 2015 bei einer seiner Ausstellungen in der Wiener Galerie Ostlicht. Im selben Jahr hatte er seinen ersten Fotoband veröffentlicht.

(Foto: Hans Punz)

Wie schon bei der Vorgänger-Ausstellung des Rock-Kollegen Bryan Adams ist es vermutlich nicht die Fotokunst, die die meisten Besucher lockt. Sondern der prominente Name, den auch Kravitz zuallererst seiner Karriere im Showbiz verdankt. In mehr als 30 Jahren als Musiker hat er Ohrwürmer wie "Let Love Rule", "Fly Away" oder "Mama Said" geschaffen. Er hat zwölf Studioalben - meist gegen Verrisse vieler Kritiker - über 40 Millionen mal verkauft, mit seinem soulig-funkigen Retro-Rock auf diversen Welttourneen die Stadien gefüllt und einen Grammy-Rekord in der Kategorie "Best Male Rock Vocal Performance" aufgestellt. Er arbeitete als Partner und Produzent für Stars wieMick Jagger, Madonna, Mary J. Blige, Aerosmith, Pharrell Williams oder - kurz vor dessen Tod - Michael Jackson. Auch in Hollywood konnte Kravitz reüssieren, etwa in den hoch gelobten Filmen "Precious" und "The Butler" oder als Cinna in der "Die Tribute von Panem"-Reihe. Nicht zuletzt hat der Beau mit dem eindrucksvollen Sixpack auch durch seine Liebeleien - angedichtet oder echt - mit Madonna, Vanessa Paradis oder Lisa Bonet (die ebenfalls erfolgreichschauspielende Tochter Zoe entstammt dieser Verbindung) reichlich Spuren in den Klatschspalten hinterlassen.

Bei all dem sollte man nie die Ernsthaftigkeit von Lenny Kravitz' künstlerischen Ambitionen unterschätzen. Das zeigen auch seine Fotografien, schon die Beispiele aus "Flash", seinem 2015 entstandenen ersten Bildband. Er dreht hier die Situation des auf Schritt und Tritt von Paparazzi oder Fans mit ihren Kameras verfolgten Stars um - und fotografiert einfach zurück. Bei "Drifter" geht es nun um einen anderen Aspekt seines Lebens, um das Unstete, Spontane, Momenthafte. "Ich bin ein Drifter," sagt der Mann, der mit 15 sein Elternhaus verließ, um fortan in der Welt zuhause zu sein, mal in New York, mal in Paris, mal auf den Bahamas. "Ich bin immer unterwegs. Ein freier Geist, offen für Abenteuer."

So nimmt er den Betrachter - wieder ausschließlich in Schwarzweiß - mit auf seine Reisen, zu intimen Porträts, lakonischen Momentaufnahmen, genau beobachteten Straßenszenen oder Stillleben. Etwa, wenn er einen "besonderen Engel des Hotels" (so der französische Bildtitel) als weiblichen Akt zeigt, der gerade ins Bett schlüpft. Oder quasi im Vorbeigehen den Torso der Dragqueen "Lola" erwischt. Sollten diese Aufnahmen tatsächlich spontan entstanden sein, dann ist Kravitz ein wahrer Meister des besonderen Blicks und des Gespürs für den Moment. Denn schaut man genau hin, sind die Sujets perfekt komponiert und technisch umgesetzt. Zum Beispiel die Bewegungsunschärfe der nur von der Hüfte an abwärts zu sehenden Models auf dem Laufsteg, die im Kontrast zu den messerscharfen Betrachtern dem nach seinem Songs "Strut" betitelten Bild eine enorme Dynamik verleiht. Oder die fast wie platziert wirkenden geometrischen Muster von Wand, Bett und Bettdecke beim Porträt seines telefonierenden Freundes, des herausragenden Jazz-Posaunisten Trombone Shorty.

Dass Kravitz den Umgang mit der Kamera beherrscht, kommt nicht von ungefähr, seine Faszination für die Technik reicht bis in die Kindheit zurück. Arbeitete doch schon sein Vater Seymour, bevor er ein erfolgreicher Fernseh-Produzent wurde, als Bildreporter für NBC News. "Ich spielte schon als Kind mit der Leicaflex meines Vaters, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie man sie benutzt. Ich fühlte mich von der Kamera und dem Design angezogen", erinnert sich Kravitz. Später, als er dann ständig selbst fotografiert wurde, freundete er sich mit Fotografen an. "Ich ging in ihre Dunkelkammern und Studios, sah ihnen bei der Arbeit zu. Ich fand es magisch." Insbesondere die Fotografen Mark Seliger und Jean-Baptiste Mondino wurden wichtige Lehrmeister. Bei der Hardware blieb er der Marke seiner Jugend treu. So groß ist die Liebe zur Leica, dass er schon 2015 für den Hersteller in Erinnerung an seinen Vater die Sonderedition "Correspondent" des legendären M-Modells gestaltete. Jetzt hat er wieder zugeschlagen: Das auf 125 Stück limitierte Sondermodell "Drifter" (zu haben für schlappe 22 900 Euro) kommt mit einer sepiabraunen Speziallackierung, Messing-Details und einer Kunstleder-Verkleidung im Schlangenhaut-Look daher. Typisch der schillernde Kravitz eben.

Unter günstigeren Umständen hätte er die Ausstellung womöglich selbst eröffnet, denn Kravitz mag München. Nicht zuletzt das nur einen Steinwurf von der Leica Galerie entfernt gelegene Hotel Bayerischer Hof. Dort logiert er nicht nur bei seinen Auftritten, auch wenn er sonst in Süddeutschland unterwegs ist, hat er schon gerne im Blue Spa entspannt. So eng ist das Verhältnis, dass Kravitz mit seiner Kreativfirma Kravitz Design Inc. - die auch schon ganze Apartment-Blocks eingerichtet, Privatresidenzen gestaltet und für High-End-Marken entworfen hat - die Innenausstattung einer Hotelsuite besorgte.

Dort könnte man sich hoffentlich bald wieder einmieten, um sich dem Star näher zu fühlen. Oder man investiert das Geld in eine seiner Fotografien. Abzüge der in "Drifter/Flash" gezeigten Bilder sind dort käuflich zu erwerben.

Lenny Kravitz: "Drifter/Flash", Leica Galerie München, Maffeistraße 4, noch bis 30. Juni, Montag bis Samstag, 10 bis 19 Uhr, Telefon 69 313 89 0

© SZ vom 13.04.2021/van
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