Leib und Seele Unprätentiös gut

Das "Leib & Seele" bezeichnet sich als "Speiselokal und Hopfothek".

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Das Leib und Seele bietet seinen Gästen als Speiselokal gute Wirtshauskost, der Beiname "Hopfothek" weckt bei den Gästen allerdings Erwartungen, die sich nicht erfüllen.

Von Alois Gudmund

Es ist an der Zeit, die Zirbeldrüse zu preisen. Nicht nur trägt sie einen besonders schönen Namen und wacht, in unserem Zwischenhirn sitzend und das Hormon Melatonin produzierend, über unser Schlafen und Wachen. Sie ist dazu auch noch ein bedeutender Ort der Philosophiegeschichte. In ihr nämlich verortete der große Denker Rene Descartes die Stelle, an der Körper und Geist, Leib und Seele aufeinandertreffen.

Ob diese beiden nun tatsächlich zwei oder doch nur eins seien, darüber haben die Gelehrten seither viel gedacht, geschrieben und gestritten. Doch allein die Wirtshaus-Philosophen haben das Leib-Seele-Problem theoretisch wie praktisch wirklich durchdrungen - mit der Erkenntnis: Soll sich der Gast wohl fühlen, muss das Gasthaus Leib wie Seele zufriedenstellen.

Nun ist das Leib & Seele genau der richtige Ort, tiefen Gedanken über Sein und Werden nachzuhängen. Das gebietet schon die Geschichte des Hauses. Zwar reicht dessen Tradition nicht ganz in cartesianische Zeiten zurück, aber immerhin bis ins Jahr 1790, als Kurfürst Karl Theodor seinem verdienten Wasserbaudirektor Adrian von Riedl Grund im feuchten Gelände des nördlichen Lehel schenkte. Riedl legte einen Park an samt einem verkleinerten Nachbau des Chinesischen Turms. Es wurde Bier ausgeschenkt, und bald war der so genannte Paradiesgarten, auch Riedlgarten genannt, beliebtes Ausflugsziel.

Hierher luden die Waschermadl am Sankt-Anna-Tag zum Ball; und die Aussicht seelischer wie leiblicher Vereinigung mit dem anderen Geschlecht lockte die Holztriftsknechte, die Müllerburschen und die Soldaten aus der nahen Kaserne. Wie in Erinnerung daran erhebt sich draußen unter den Kastanienbäumen, auf dem von Gründerzeitfassaden gefassten Platz, der Wirtsgarten auf einem tanzbodenartigen Holzpodest - sehr beschaulich, auch wenn der Verkehr auf der als Isar-Schnellweg geführten Oettingenstraße arg laut vorbeirauscht.

Immerhin aus dem Jahr 1895 stammt auch das prächtig neubarocke Eckhaus, das heute, so bezeichnet sich das Leib & Seele, "Speiselokal und Hopfothek" beherbergt. Wer diese hopfendoldenhafte Wortschöpfung als Versprechen eines besonders breiten Bier-Sortiments liest, sieht sich freilich in die Irre geführt. Seit 1900 liefert hier die Franziskaner-Brauerei das Bräu und hat den Wirten wie üblich das erste Gebot der Branche auferlegt: Du sollst keine anderen Biere neben den meinen zapfen! Also fließen allein die Produkte der Spaten-Löwenbräu-Gruppe, zu der die Marke Franziskaner heute gehört.

Die Halbe Helles kostet 3,30 Euro und lässt sich drinnen, hinter den großen Holzsprossenfenstern, in bestem Münchner Wirtshausstil leeren - auf blanken Holztischen. Holz täfelt übermannshoch auch die Wände des großzügigen, einfach schönen Gastraumes.

Unprätentiöse Wirtshauskost Unverschnörkelt gibt sich auch die Speisekarte. Am Morgen - der hier bis 15 Uhr dauert - bietet sie opulente, nett komponierte Frühstücksplatten (bis 10,50 Euro). Mittags und Abends offeriert sie wenige Standard-Gerichte, zumeist bayerisch-bürgerlicher Richtung mit ein paar Pasta- und Asien-Einsprengseln für den schnellen Appetit, dazu auf Einlegeblättern eine Angebotsliste, die alle paar Tage wechselt und in der Preisgestaltung nicht über die 15-Euro-Marke hinausgeht.

Was die sehr freundlichen Bedienungen aus der Küche brachten, war nicht immer völlig fehlerlose, aber angenehm unprätentiöse Wirtshauskost. Da war das Zanderfilet im generös dimensionierten "Gourmet-Salat" ein Spur zu trocken geraten. Dafür waren die Schwammerl auf dem saftigen, noch bissfesten Blattspinat genau recht gebraten. Das Wiener Schnitzel kam dünn, in eine feine, goldbraune Blasen werfende Panade gehüllt aus der Pfanne. Die geschmorte Lammkeule war saftig, die Soße dazu von eher deftiger Natur.

Salzige Gerichte Das Rinderpaillard dagegen war nicht ganz so dünn geklopft, dass man, wie die Vorschrift übertreibt, durch die Fleischscheiben eine Zeitung hätte lesen können - wir hatten jedenfalls daran zu kauen. Das war insofern schade, als der lauwarme Kartoffelsalat dazu von allererster Güte war. Mit allen anderen Erdäpfeln - ob es die Bratkartoffeln zum Schnitzel oder die Rosmarin-Kartoffeln zum Lamm waren - war der Koch/die Köchin freilich unkonzentriert oder verliebt, jedenfalls mit allzu viel Salz zugange.

Und das passierte nicht nur an einem Abend: Anderntags war die Soße des sonst ordentlichen Spanferkelbratens ebenfalls zu salzig. Die Bauernente löste sich dafür zart und weich vom Knochen, die Mini-Semmelknödel dazu gehörten der festeren, doch noch nicht allzu festen Art an. Statt des angekündigten Blaukrauts lag ein fruchtigsaures Rahmsauerkraut auf dem Teller, aber das war gut so.

Zum Nachtisch gab es ein feines Schokoladen-Mousse, umgeben von unsaisonalen Erdbeeren. Die Apfelkücherl dagegen machten Körper, Geist und womöglich Zirbeldrüse glücklich. Sie taten dem Leib so wohl, wie sich die Seele in so einem Wirtshaus ohnehin fühlt.