Lehel Die heilige Weiblichkeit

Der Künstler und sein Werk: Maximilian Fliessbach gen. Marsilius zeigt in der Orangerie Arbeiten, die deutlich vom Jugendstil inspiriert sind.

(Foto: Robert Haas)

Arbeiten von Maximilian Fliessbach in der Orangerie

Von Udo Watter, Lehel

Der rote Teppich führt direkt zum Ewig-Weiblichen. Wer die Orangerie am Englischen Garten betritt und den schlanken, roten Vorleger entlangschreitet, der fixiert am Ende ein auffälliges Gemälde. Aus einem üppig ornamentierten goldenen Rahmen, umgeben von floralen Motiven, blickt eine Göttin in ovalem Spiegelsymbol dem Betrachter entgegen, gleichsam Urmutter des Seins, Magna Mater, heiliges Weib. Die Kristallkugel in ihren filigranen Händen beinhaltet Luft, Erde, Feuer und Wasser. Daneben schließen sich an: Zeichnungen von grazilen, allegorischen Frauen, die von kalligrafischen Gedichten flankiert werden.

"Mater: Die heilige Weiblichkeit - von der Magna Mater bis zur Madonna" heißt die Ausstellung, die der Künstler Maximilian Fliessbach gen. Marsilius in der Orangerie präsentiert. Es sind Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, die gleichsam als Hommage an den göttlichen Aspekt des Weiblichen aufwarten. Vom Jugendstil inspirierte Arbeiten, symbolistisch, spirituell, esoterisch. Zu sehen ist auch ein Musikbilder-Zyklus, den Fliessbach aus Anlass des 200. Geburtstags von Charles Gounod geschaffen hat - der Franzose hat die Oper "Faust" geschrieben, in der am Ende ja das Ewig-Weibliche die Rettung bringt. Ebenso das "Ave Maria" zu Bachs C-Dur-Präludium. Je zwölf Collagen sind zu beiden Kompositionen wie eine Buchmalerei als Alphabet konzipiert und verschmelzen Musik, Text und Bild.

Die Beschäftigung Fliessbachs mit dem Thema der (heiligen) Weiblichkeit zeitigte auch skulpturale Ergebnisse: Auf einer Stele ist ein Buch mit versteiften leeren Papierseiten fixiert, ein zusammengerolltes Pergament steckt in der Mitte des sakralen Objekts. "Die Seiten sind unbeschrieben", sagt Fliessbach. "Unbeschriebene Blätter können alles beinhalten aus dem Fundus des Geistes. Es ist alles da in der Form fallender Buchstaben, man muss es nur erkennen und zusammenfügen." Die Stele als Sinnbild für Hagia Sophia, die Heilige Weisheit. Sophia, die einst (weiblicher) Teil der göttlichen Trinität war, sei später verdrängt worden zugunsten des Heiligen Geistes, erklärt der Künstler.

Ja, der Ausstellung, die noch bis zum 2. Dezember dauert, wohnt mit ihrer Fülle von schwer symbolischen Arbeiten viel spirituelles Assoziationspotenzial inne. Manches mag ein bisschen dick aufgetragen sein. Gerade aber die Göttinnen-Porträts, mögen sie Gaia, Demeter, Kybele oder Maria darstellen, entfalten eine mitunter auratische Wirkung - das Ewig-Weibliche im Geist des Jugendstils.

"Mater: die heilige Weiblichkeit", noch bis 2. Dezember, Orangerie am Englischen Garten, täglich von 14 bis 18 Uhr.