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Legasthenie:Im Gedächtnis von Audio auf Video umschalten

SZ-Leser geben Anregungen für Betroffene, hadern aber auch mit gängigen Therapien und dem Schulsystem

Worte "fotografieren" im Kopf - eine Strategie gegen die Rechtschreibschwäche.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Wenn die Buchstaben keinen Sinn ergeben" vom 30. Januar:

Gene spielen doch eine Rolle

Über Ihren sehr informativen Bericht habe ich mich als selbst Betroffener gefreut. Ich hoffe, dass sich dadurch das Verständnis für diese Teilleistungsstörung weiter verbessert. Allerdings muss ich der Schulpsychologin Oberhofer in einem Punkt widersprechen, die meint: "Ein verantwortliches Gen gibt es ... nicht". Legasthenie hat eine sehr starke genetische Komponente als Ursache. Inzwischen sind über 20 Genorte beziehungsweise Gene bekannt, die eine Rolle bei der Entstehung der Legasthenie spielen. Bei einigen Genen weiß man auch, dass sie in der embryonalen Gehirnentwicklung eine wichtige Rolle spielen. Bei Veränderungen in diesen Genen ist die Wanderung der Neuronen im Gehirn gestört (etwa Paracchini et al., 2007). Prof. Dr. med. Tiemo Grimm, Veitshöchheim

Stärkenorientierte Schule

Eine ganze Seite, in der beschrieben wird, welche Störungen Kinder zeigen, für die "Buchstaben keinen Sinn ergeben". Zwischen den Zeilen kann man lesen, dass Schule nicht allen Kindern gerecht wird. Statt zu erkennen, dass das Lehrsystem diese "Störungen" verursacht, werden die Defizite den Kindern zugeschrieben und diagnostiziert. Bei einem Stromausfall sucht man doch den Fehler auch nicht beim nicht mehr funktionierenden elektrischen Gerät, sondern sorgt dafür, dass es wieder mit Strom versorgt wird! Doch die Kinder funktionieren nicht im System für alle. Ihnen werden Lern- und Entwicklungsstörungen zugeschrieben, obwohl sie nur nicht so lernen, wie die Erwachsenen annehmen oder es gerne hätten.

Es ist einfacher, Hilfssysteme zu installieren, als ein Bildungssystem, das nicht mehr mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung Schritt halten kann, anzupassen. Bei Kindern wird diagnostiziert, Therapien, Nachhilfe, Apps werden auf den Markt geworfen und Eltern müssen sehen, wie sie ihre "nicht-funktionierenden Kinder" wieder einpassen können. Das staatliche Schulsystem ist kostenfrei und kommt seiner Aufgabe nicht nach, wenn es durch kostenpflichtige Stützsysteme ausgeglichen werden muss. Wie praktisch, denn solange es diese Stützsysteme gibt, die auch in Anspruch genommen werden, muss man an der Ursache nichts verändern.

Die Lösung? Sehr einfach: Individualisiertes Lernen auf Augenhöhe im Miteinander mit stärkenorientierter Unterstützung. Es gibt genügend Schulen, die das bereits auf eigene Kosten oder eigene Verantwortung erfolgreich leben. Allein die Haltung dazu aufzubringen ist das Schwierige daran! Alexandra Lux, München

Der Trick mit der Erinnerung

Die Lehrerin und auch die Schulpsychologin richten sich in dem Artikel konsequent nach dem, was die pädagogische Forschung (und der Bundesverband Legasthenie) seit Jahrzehnten vorgeben. Ist das wirklich alles, was die Forschung zu bieten hat? Die Bildungsberichte von Bund und Ländern zeugen von den tragischen Folgen. Der Artikel verströmt Mühe, Frust, Versagensängste. Man versetze sich in das Gemüt der Schüler (und ihrer Eltern), wenn bei allem langwierigen Bemühen weiter nichts dabei herauskommt als: "Das Frustrierende ist, dass mit der Förderung nicht der große Durchschlag kommt" (die Mutter), und: "Kinder, Eltern und Lehrkräfte müssen die Beeinträchtigung annehmen und nicht davon ausgehen, dass in einem halben Jahr alles vorbei ist. Es ist wie bei einer Kurzsichtigkeit. Eine Brille kann helfen und unterstützen, aber ich muss trotzdem lernen, damit zu leben" (die Schulpsychologin). Der pure Fatalismus! Ich vermute, dass die therapierten Schüler das Rechtschreiben nicht wirklich beherrschen, denn von deutlichen Erfolgen ist nirgends zu lesen.

Es gibt seit über fünfzig Jahren eine Erklärung, seit mehr als einem Vierteljahrhundert praktische Erfahrungen in Deutschland. Derzufolge ist Legasthenie (und andere Einschränkungen beim Lernen) die Folge eines fehlgeleiteten Erinnerungswegs. Gute Rechtschreiber erinnern Wörter, die sie schreiben wollen, visuell, sie sehen sie innerlich (mental) als Wortbild. Legastheniker dagegen erinnern ein Wort auditiv, das heißt sie sprechen sich das Wort innerlich vor und schreiben dann "nach Gehör".

Dies erklärt, warum die meisten fehlerhaft geschriebenen Wörter verständlich klingen, wenn man sie sich vorliest. Den Betroffenen kann man den anderen Weg recht leicht beibringen.

Nach meiner Erfahrung mit Legasthenikern, die den neuen Zugang kennenlernen, sind sie überrascht, wie einfach das geht. In wenigen Stunden lernt der Schüler den visuellen Zugang, übt ihn ein und benutzt ihn danach selbständig - wer's nicht glaubt, liest weiter auf der Webseite des Fachverbands "nlpaed". Über tausend KollegInnen mit einer Ausbildung als Lerncoach-NLP/nlpaed stehen allein in Deutschland zur Verfügung.

Auch ist die pädagogische Forschung anzumahnen, dass sie sich dieses Wegs annimmt, um ihn gegebenenfalls der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Dr. Franz Karig, Freiburg

© SZ vom 12.02.2020
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