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Legaler Steuertrick:Klein-Panama im Wald

Briefkastenfirmen im Ebersberger Forst

Der bescheidene Stadel im Forst ist Sitz von acht international agierenden Firmen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mitten im Ebersberger Forst betreibt der Landkreis nun selbst eine Steueroase - mit Briefkästen und Mini-Büros

Von Barbara Mooser, Ebersberg/München

Wer zum Hauptsitz der international agierenden H.F.S. Immobilienfonds GmbH will, darf die Abzweigung im Ebersberger Gewerbegebiet nicht verpassen. Eine schmale Straße führt über ein Wildgatter, knapp drei Kilometer lang vorbei an Fichten und Tannen, das letzte Stückchen muss man zu Fuß gehen. Kurz hinter dem Forsthaus Hubertus sieht man ihn dann auch schon, den Seegrasstadel: Einen braunen Schuppen, der auf den ersten Blick so wirkt, als könnte man darin höchstens Werkzeug für Waldarbeiter finden. Doch der Eindruck täuscht: Außer H.F.S. haben noch sieben weitere Fonds hier ihren Sitz, die alle zu einem Münchner Konzern gehören. Sie teilen sich einen silbernen Postkasten und ein kleines Büro - und profitieren von der Steueroase mitten im Forst. Nirgendwo in Deutschland zahlt man weniger Gewerbesteuer als hier.

Die Bürozeiten sind mit Tesafilm unter den Briefschlitz geklebt. Mittwochs von 9 bis 10 Uhr und freitags von 14 bis 16 Uhr kümmert sich ein Mitarbeiter der Firmen hier um die Geschäfte. Die Auslastung des Büros könnte durchaus gesteigert werden - und daran wiederum hat der Landkreis Ebersberg gesteigertes Interesse. Denn sind die Firmen erfolgreich und machen Gewinn, fließt kräftig Gewerbesteuer in die Kreiskasse. Das liegt daran, dass der Ebersberger Forst zu keiner Gemeinde im Landkreis gehört, also außermärkisches Gebiet ist, in dem aber der Kreis Steuern erheben kann. Das tut er auch - allerdings mit einem Gewerbesteuerhebesatz von 200 Prozent, dem niedrigsten, der überhaupt möglich ist. Zum Vergleich: Die nahe Landeshauptstadt München verlangt 490 Prozent, in Bayern liegt der Durchschnitt bei 422. Ähnlich wenig wie im Ebersberger Forst wird in Grünwald mit 240 Prozent verlangt. Der Münchner Vorort ist damit die größte Steuersparoase im Münchner Umland und ist deutlich gefragter als der Seegrasstadel. 7000 Firmen sind mittlerweile in Grünwald angesiedelt und bringen ihm gewaltige Einnahmen: 172 Millionen Euro waren es im Jahr 2015, heuer werden es immerhin noch 143 Millionen sein.

Das besondere am Seegrasstadel ist freilich, dass von Januar an der Landkreis nicht nur von der Gewerbesteuer profitiert, sondern sogar selbst als Vermieter auftritt: Die Staatsforsten, denen das Anwesen gehört, zeigten sich nach der Berichterstattung über Steueroasen im Zuge der Panama Papers genervt über das neu aufgeflammte öffentliche Interesse an Mini-Panama im Wald. Nun vermietet sie das Büro für 292,75 Euro monatlich an den Kreis und hat mit der großen Finanzwelt nichts mehr zu tun. "Der, der den Nutzen hat, soll auch über das Gebäude verfügen", sagt Heinz Utschig, Leiter der zuständigen Forstdienststelle.

Die Idee, aus der ungewöhnlichen Situation Kapital zu schlagen, hatte im Jahr 2004 eine Kreisrätin. Große Gewerbegebiete sind aus nachvollziehbaren Gründen zwar im sensiblen Forst nicht möglich, aber ein Briefkasten und ein Mini-Büro, das ging. Mehrere Jahre lang sprudelten die Einnahmen nur so: Zeitweise waren bis zu 16 Firmen in St. Hubertus 2, so die offizielle Adresse, ansässig. Laut Finanzmanagerin Brigitte Keller hat der Landkreis über die Jahre an die 15 Millionen Euro eingenommen, allein 2009 waren es 7,2 Millionen. Momentan ist zwar gerade eine Flaute eingetreten, doch das kann sich auch wieder ändern. Und möglicherweise kommen ja sogar noch andere Firmen, das Interesse ist riesig: Mehr als 40 Anfragen liegen derzeit auf Kellers Schreibtisch. Moralische Bedenken gibt es im Landratsamt ob der Briefkasten-Geschäfte übrigens nicht: "Wir finanzieren mit den Einnahmen Schulen und Straßen - das kommt allen Landkreisbürgern zugute."

© SZ vom 09.12.2016
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