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Lebensgefühl:Ab Mitternacht fährt so gut wie nix mehr

Herrgott, sowas sind doch die Basics, da müsste man doch gar nicht drüber reden, schon gar nicht in so einer Speckgürtel-Wohlstandsgemeinde. Aber hier schwitzt du, wenn sich ein Gast spontan ankündigt, wenn du mit den Nachbarn mal schnell irgendwohin hocken, einen weitgereisten Interviewpartner nachmittags irgendwo schön empfangen willst oder auch nur eine Flasche Wein kaufen nach acht Uhr, da musst du googlen, gibt's diese eine Tankstelle in der Innenstadt noch? Nö.

Die U-Bahn im zehn Minuten-Takt, die S-Bahn 20 Minuten. Ab Mitternacht dann so gut wie nix mehr. Waren die Verantwortlichen dafür mal irgendwo anders? Und ich meine nicht Regensburg. Dazu jeden Tag Störung. Jeden Tag: Wegen starkem Verkehrsaufkommen... . Diese Stadt ist gleichzeitig immer zu voll und zu leer. Die mag weder Neues noch schätzt sie das Alte. Die alten Straßenbahnen werden verschrottet, andere Städte würden die zum Wahrzeichen machen, aber hey, wir haben ja schon das abgefuckte Glockenspiel.

Die letzten Villen werden umstandslos durch kastige Mehrfamilienhäuser ersetzt. Du wirst irre, wenn du nicht längst auch so betäubt wärst. In London ist die U-Bahn auch Katastrophe, klar. Aber da schreiben die Verantwortlichen wenigstens jeden Morgen mit der Hand Hinweisschilder, die originell und herzlich sind und das reicht schon, da ist ein gemeinsamer Witz in der Luft und ein Berufsstolz und du kriegst überall Kaffee und jedes zweite Auto ist sowieso ein roter Bus. München ist so humorlos wie ein Sechszylinder. Aber wenn man schon in einem sterilen Sechszylinder lebt, warum funktioniert der dann nicht mal?

Es gibt große Viertel in München, in denen bist du so dankbar, wenn wenigstens mal ein Aufback-Bäcker neu eröffnet, weil es kilometerlang sonst nichts gibt als senfgelbe Wohnblöcke aus den 70er-Jahren und Bürobauten. Da ist nix. Ich bin in Laim aufgewachsen, damals war der McDonald's an der Fürstenrieder eine Sensation. Das ist er heute immer noch. Fahr mal von der Donnersberger bis Pasing, das sind zehn Kilometer bitterster, sterilster Wohnungsbau. Da schlafen hundertausend stolze Eigentümer, aber da ist kein Leben, leere Gehsteige, höchstens ein unterbudgetierter, sicherheitsfixierter Spielplatz. Und alle vier Straßen das immergleiche Kleeblatt aus Rossmann, Lidl, Apotheke und Tengelmann, damit keiner verhungert.

Die Stadt ist reich - und miserabel

Du bist hier dankbar für jeden schäbigen Getränkemarkt, der noch nicht Kinderpsychologe ist. Dankbar für irgendein altes Firmenschild, das dich daran glauben lässt, dass es hier früher auch Menschen gab. Für jede Initiative, die ein bisschen mehr als nur das Nötigste will. Aber jeder kreative Vorstoß wird ja Stadtpolitikum, jede Zwischennutzung, jedes Stadtgartendings verstrickt sich nach kurzer Zeit in Ego-Stolz-Knatsch, denn so sind wir hier. Das Mia san Mia hier ist eigentlich ein Ich bin ich. Das bedeutet eigentlich nur Mia stehen jeder einzeln in seinem 5er im Stau und zwar jeden Tag und morgens und abends. So bled san mia.

Du verlangst ja gar nicht junge Kaffeeröster, frische Blumengeschäfte, Fischläden oder stolze Metzger, wie du sie ihn Wien und Mailand noch überall findest oder gar ein echtes Cafe an jeder Ecke, wie in Triest. Aber wenn selbst Manhattan für seine Menschen eine ganze Kette an blitzsauberen Sportplätzen einrichten kann und du da an jeder Straße einen Seven Eleven findest, der zumindest die lebenswichtigen Sachen hat und zwar immer und trotzdem freundlich, dann weißt du, München ist eigentlich keine funktionierende Stadt, sondern eher ein Übungsplatz für Hausmeister.

Klar, Berliner Verhältnisse, wo du in deiner Straße alles bekommst und die Läden und Kneipen sich so schnell austauschen wie die Mieter, das gab es hier nie. Dickicht, Gemenge, Potzblitz - das kommt auch nie mehr. Jeder Zentimeter ist gekärchert und vom Ordnungsamt abgenommen. Die zehneinhalb offen kreativ Lebenden stehen genau so unter Denkmalschutz wie die vier Verrückten und die drei Traditionsgeschäfte, die es hier noch gibt. Lies mal die täglichen Münchner Polizeimeldungen, die eine Hälfte sind Senioren, die an falsche Handwerker und Polizisten versehentlich zehntausende Euro weiterreichen und das anderen sind Unfälle, in denen die gleichen Senioren mit ihrem Range Rover in einen Mini krachen.

Nach der Oper gibt es Stau auf der Maximilianstraße

Ich will keine junge Subkultur, die ist eh überbewertet. Eine Stadt braucht keine flippige Szene, um gut zu sein. Eine Stadt braucht Kaufleute, Gastronomen, Architekten, Exzentriker, Familienbetriebe und schreiende Markthändler. Ich will Kultur, Überforderung, Reizflutung. Oder wenigstens Lebensart. Weißt du wie in Wien eine Theaterpremiere gefeiert wird? Was in Mailand so wegflaniert wird, jeden Abend? Wie in Lissabon die Lichter angehen? Wenn die Münchner Abonnenten aus der Oper kommen wird nix mehr flaniert, wohin auch, da ist zehn Minuten später nur ein Stau auf der Maximilianstraße, weil alle schnell umlandheim wollen. München ist angeblich reich. Find ich gut. Aber wie äußert sich der Reichtum eigentlich?

Die schönen alten Schulen sind alle baufällig, für Fachärzte brauchst du zwei Monate Wartezeit, die Bürgerbüros sind so abgerockt, eng und beamten-analog, das willst du keinem Dänen zeigen. Gibt's irgendwas Neues, außer zweier bildschöner Tunnels? Gibt's einen Fortschritt, eine Großzügigkeit, ein Experiment, gibt's irgendwas aus dem digitalen Zeitalter? Bist du auf irgendwas stolz, das die Stadt in den letzten zehn Jahren aus sich heraus geschaffen hat? Was zeigst du einem Gast, der in München zu Recht den Wohlstandsmotor Europas vermutet? Du zeigst ihm den SUV-Stau und die Burnout-Visagen.

Klar, das ist jetzt eine ziemlich gestreute Schrotladung in den breiten Arsch der Tante. Diese Stadt hat ihre Momente, natürlich und auch ihre Adressen. Sicher, man kann hier gut leben. Aber auch nur noch in dem Sinne, wie man in einem Rewe-Markt gut einkaufen kann. Man geht halt in die vier Bars, die drei Clubs, die zwei Theater und an den einen Fluss, wie eine halbe Million anderer Bedürftiger eben auch. Und wischt sich mit ihnen einmal im Jahr auf dem Königsplatz ein Tränchen aus dem Auge, weil der Monaco wieder so schön ist. Dann bringt man den Pfandbecher zurück und fährt mit funktionierendem Rücklicht durch die fest schlafende Stadt nach Hause. Echt, zum Verklären besteht kein Anlass.

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