Lebensbrücke:Wie Münchner Ärzte der kleinen Kamilla ein neues Leben schenkten

Lebensbrücke: Diana Sadykova und ihre Tochter Kamilla auf der Kinder-Intensivstation des Herzzentrums. Beide haben einiges hinter sich.

Diana Sadykova und ihre Tochter Kamilla auf der Kinder-Intensivstation des Herzzentrums. Beide haben einiges hinter sich.

(Foto: Catherina Hess)
  • Die kleine Kamilla ist in Russland mit einem Herzfehler geboren worden.
  • In ihrer Heimat konnte dem Baby niemand helfen.
  • Die Deutsche Lebensbrücke brachte das Mädchen nach München. Am Deutschen Herzzentrum retteten die Ärzte ihr Leben.

Von Anna Hoben

Kamilla liegt in ihrem Bettchen auf der Kinder-Intensivstation im Deutschen Herzzentrum, einer Spezialklinik in Neuhausen. Ein blasses, zartes Baby, deutlich kleiner als andere Babys in seinem Alter. Ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass es sich um eine "Zone erhöhter Hygieneanforderungen" handelt. Diana Sadykova streicht ihrem Baby vorsichtig über den Kopf. "Kamilla wird es schaffen", sagt die Mutter, "sie ist eine Kämpferin."

Zehn Monate alt ist Kamilla, und wenn sie dies überstanden hat, dann wird sie wohl auch andere Krisen überstehen, die das Leben noch für sie bereithalten mag. Den größten Teil seines bisherigen kurzen Lebens hat das Mädchen aus Russland in Krankenhäusern verbracht. Im Dezember haben die Münchner Ärzte Kamilla am Herzen operiert, und wenn alles gut geht, kann sie bald nach Hause. Endlich.

Kamilla wird am 1. März 2016 in Moskau geboren, als zweites Kind ihrer Eltern Diana und Alexej Sadykova, 43 und 45 Jahre alt. Während der Schwangerschaft erfuhren sie, dass das Mädchen einen schweren Herzfehler hat. In der Nacht der Geburt erleidet Kamilla eine schwere Blutvergiftung. Die Ärzte sagen, ihr Leben werde eine Sache von Stunden oder Tagen sein. Einen Monat liegt das Mädchen im Koma. "Doch eines Tages hat sie ihre Augen geöffnet", sagt Diana Sadykova. Ohne große Herz-Operation, das ist allerdings klar, wird Kamilla nicht überleben. Und die Ärzte in Russland können ihr nicht helfen.

"Ich wusste, die besten Mediziner sind in den USA und in Deutschland", sagt Diana Sadykova. Sie weiß auch, dass eine exzellente Behandlung Geld kostet. Viel Geld, das die Familie nicht besitzt. Zwar haben beide Eltern gute Jobs; Alexej Sadykova arbeitet in der IT-Branche, Diana war Personalmanagerin, sie erzählt ihre Geschichte in fließendem Englisch. Aber die Gehälter in Russland sind nicht mit jenen hierzulande zu vergleichen, und zu Kamillas Krankheit kommt eine weitere Belastung. Alexejs erste Frau starb 2015 an Krebs. Die beiden Kinder aus erster Ehe zogen zu ihrem Vater. Neben Kamilla und dem vier Jahre alten Emil gehören nun auch der elfjährige Michael und Maria, 18, zur Familie.

Als die Ärzte in Russland sagen, sie könnten nichts für Kamilla tun, beginnt Diana Sadykova im Internet zu recherchieren - und stößt auf die Münchner Hilfsorganisation Deutsche Lebensbrücke. Seit 1989 hat der Verein es sich zum Ziel gemacht, armen und von Krankheiten heimgesuchten Menschen in Not zu helfen. Lebensbrücke-Chefin Petra Windisch de Lates zögert nicht, Kamillas Familie ihre Hilfe zuzusagen. 35 000 Euro sollen Operation und Aufenthalt mindestens kosten.

Nach der Operation hat das Baby eine schwere Infektion

Im Herbst fliegen die Sadykovas nach München. Im Herzzentrum wird Kamilla untersucht. Die Chirurgen befürchten, dass durch die aufwendige Herz-OP der Druck im Kopf zu groß werden könnte. Um dieses Risiko zu vermeiden, ist zunächst eine weitere Operation notwendig. Im Schwabinger Kinderkrankenhaus legen Ärzte dem Baby eine Drainage vom Kopf in den Bauchraum, so dass zu viel gebildete Flüssigkeit jederzeit abfließen kann.

Am 5. Dezember wird Kamilla schließlich im Herzzentrum operiert, fünf Stunden dauert der Eingriff. Die Ärzte sind zunächst zufrieden. "Schon in der Nacht danach hat Kamilla selbst geatmet", sagt Gunter Balling. Der Oberarzt leitet die Kinder-Intensivstation im Herzzentrum. Doch fünf Tage später steigen Kamillas Entzündungswerte deutlich an. Eine schwere Infektion, vor allem ihre Lunge ist betroffen. Sie wird ins künstliche Koma versetzt. Diana Sadykova bangt erneut um ihr Kind. Die Mutter steht Kamilla die ganze Zeit zur Seite, ihr temporäres Zuhause ist das Ronald-McDonald-Haus neben der Klinik.

Die Kosten steigen mit jedem Behandlungstag

Mit jedem Tag auf der Intensivstation steigen die Kosten für Kamillas Behandlung weiter. Zusätzlich zu 50 000 Euro, welche die Deutsche Lebensbrücke bereits gesammelt hat, auch über verschiedene Stiftungen, werden nun knapp weitere 45 000 Euro fällig. Doch Wochen später scheint Kamilla über den Berg zu sein. "Kamilla atmet wieder selbständig, sie bewegt alle Extremitäten und wendet sich einem zu", sagt Gunter Balling. Er ist zuversichtlich, dass das Kind sich gut entwickeln wird. Diese Woche soll Kamilla auf die Normalstation verlegt werden. Zu Hause in Moskau sollen dann mit spezieller Förderung ihre motorischen Fähigkeiten trainiert werden. Vor allem aber muss sie erst einmal an Gewicht zunehmen; noch wiegt sie kaum mehr als ein neugeborenes Baby.

Die vergangenen Wochen und Monate waren für die ganze Familie eine große psychische Belastung. Mittlerweile geht es auch Diana Sadykova viel besser. "Ich glaube, sie hat die Krise überstanden", sagt sie und lächelt. Die Ärzte in München wiederum sind beeindruckt von der Stärke und dem Kampfgeist der Mutter. Und von ihrem Wissensdrang. "Sie interessiert sich für jedes Detail", sagt Balling. Diana Sadykova sagt: "Ich kann nicht rumsitzen und weinen. Ich habe das Gefühl, dass ich kein Recht habe, schwach zu sein."

Über Weihnachten und Neujahr war die ganze Familie Sadykova zu Besuch in München. Petra Windisch de Lates lud sie an Heiligabend zu sich nach Hause ein, sie zeigte ihnen die Stadt und brachte sie mit ihren Bekannten aus der russischen Community zusammen. Jetzt sind Vater und Geschwister wieder zu Hause - und warten auf Kamilla. Der vierjährige Bruder Emil fragt jeden Tag, wann seine Schwester wieder da ist. Er will ihr Geschenke geben. In Russland ist es Tradition, bis zum ersten Lebensjahr eines Kindes jeden Monat Geburtstag zu feiern. Vielleicht wird die Familie die Tradition ja verlängern. Denn so richtig fängt Kamillas Leben jetzt erst an.

Die Deutsche Lebensbrücke e.V. bittet weiterhin um Spenden für die Finanzierung von Kamillas Operation und Klinik-Aufenthalt. Weitere Informationen: www.lebensbruecke.de, 089/ 79199859.

© SZ vom 10.01.2017/vewo
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