Ausstellung im Bayerischen NationalmuseumDas Lebensbaumprojekt von Ernst Gamperl

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Der Künstler Ernst Gamperl umringt von den Gefäßen seines Lebensbaumprojekts.
Der Künstler Ernst Gamperl umringt von den Gefäßen seines Lebensbaumprojekts. (Foto: Bernhard Spöttel)

Eine 230 Jahre alte Eiche, zehn Jahre Arbeit und 97 Gefäße. So entstand das „Lebensbaumprojekt“ von Ernst Gamperl. Seine außergewöhnlich gedrechselten Kunstwerke sind nun im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen.

Von Anna Grimbs

Ein Gefäß reiht sich an das nächste. Mal sind sie hochgeschlossen, aus dunklem Holz und von feinen Rissen durchzogen. Mal hell, glatt und bauchig. Eines eint alle 97 Werke: Sie stammen von demselben Baum – dem „Lebensbaum“, wie ihn der Künstler Ernst Gamperl nennt. Eine 230 Jahre alte Eiche, die ein Sturm fällte. Aus ihr drechselte der gebürtige Münchner im Laufe eines Jahrzehnts das Lebensbaumprojekt.

Die Titel der Werke lauten etwa „18/2016/230“ oder „1/2019/230“. Keine verborgenen Botschaften, keine geheimen Codes, lediglich eine nüchterne Sortierung nach Werksnummer, Jahr ihrer Vollendung und dem Alter des Baumes. Gamperls Arbeiten beanspruchen keine inhaltliche Tiefe oder interpretatorische Ebene. Müssen sie auch nicht. Kunst darf ebenso durch Ästhetik faszinieren und mit bis zur Perfektion getriebener Handwerkskunst überzeugen. Genau das leisten seine Werke.

Bereits vor dem Eingang der Ausstellung duftet es nach Holz und Bienenwachs. Ein kleiner Vorgeschmack auf das sinnliche Erlebnis, das auf die Besucher wartet. Auch visuell ziehen Gamperls glänzende Gefäße den Betrachter sofort in ihren Bann. Gleichmäßige Rillen durchziehen die Oberfläche. Sie verführen zum Anfassen der Werke, doch wie in den meisten Ausstellungen, ist das tabu. Ihre Wände sind hauchdünn. Kaum vorstellbar, dass diese zarten Gebilde aus einem massiven Stamm und mit großer Kraft geformt wurden.

Ihre Herstellung erfordert großes handwerkliches Geschick. Dieses wurde 2017 mit dem international renommierten „Loewe Craft Prize“ ausgezeichnet. Bereits vor der Fertigstellung des Projekts überzeugte eines der Lebensbaum-Objekte die Jury. Der Preis würdigt besonders gelungene, innovative Handwerkskunst.

Die präzise gedrechselten Kerben auf den Gefäßen erinnern schon fast an optische Täuschungen.
Die präzise gedrechselten Kerben auf den Gefäßen erinnern schon fast an optische Täuschungen. (Foto: Bernhard Spöttel)

Bereits früh in seiner Karriere machte sich Gamperl mit seiner charakteristischen Drechseltechnik einen Namen. Heute gilt er als feste Größe in der nationalen wie internationalen Kunsthandwerkerszene. Auch deshalb widmete ihm die Galerie Handwerk im Juli anlässlich seines 60. Geburtstags eine Einzelausstellung.

Sein Können hat sich der gelernte Schreiner über dreißig Jahre hinweg autodidaktisch angeeignet. Das Besondere an seiner Technik: Er drechselt das Holz im noch feuchten Zustand, also bevor es vollständig getrocknet ist. Der vermeintliche Nachteil liegt darin, dass sich das Material nach der Fertigstellung des Gefäßes verformt, verfärbt und sich Risse bilden. Gamperl nutzt diese Eigensinnigkeit bewusst als Stilmittel. Erst dadurch erhalten seine Arbeiten ihren einzigartigen Charme.

Bei den ersten Werken der Lebensbaum-Serie ist davon zunächst noch wenig zu erkennen. Gamperl hat anfangs noch absolute Perfektion angestrebt und die Verformung eher hingenommen. Später ist Gamperl nach eigener Aussage dann von diesem Gedanken abgewichen. Zum einen, weil die eigensinnige Eiche zu häufig Risse erzeugte und den ursprünglichen Sinn des Gefäßes zunichtemachte. Somit wurden seine Werke endgültig zu Kunst statt zum Gebrauchsobjekt. Zum anderen habe er die Schönheit und das Potenzial der Risse erkannt. In der Endphase des Projekts fixierte er diese mit kleinen Holzklötzen, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern.

Selbst der Künstler dachte, der Riss würde sich nach dem Trocknen bis zum Gefäßrand ziehen, doch der Baum hatte andere Pläne.
Selbst der Künstler dachte, der Riss würde sich nach dem Trocknen bis zum Gefäßrand ziehen, doch der Baum hatte andere Pläne. (Foto: Bernhard Spöttel)

Die Ergebnisse sind faszinierend. Bei einem Objekt wirkt ein aufgebrochenes Astloch so, als hätte jemand eine Kugel durch das Gefäß gejagt. Ein anderes hat die Form eines weiblichen Torsos. Ständig fragt man sich: Wie viel davon ist der Wille des Künstlers? Wie viel der der alten Eiche?

Ernst Gamperl selbst bezeichnet es als Zwiesprache zwischen ihm und dem Holz: „Es ist, als ob die Hände und das Holz eine Einheit wären.“ Die Wuchsrichtung verrate ihm welches Gefäß sich daraus drechseln lasse. Gleichzeitig könne er die Verformungen durch seine Arbeit vorbestimmen. Darüber philosophiert er gerne in öffentlichen Führungen durch die Ausstellung.

Ernst Gamperl lebt seine Leidenschaft zum Werkstoff Holz nicht nur in seinen Arbeiten aus, sondern teilt sie auch gerne in regelmäßigen Führungen durch die Austellung. Besonders angetan hat es ihn der Dialograum des Museums.
Ernst Gamperl lebt seine Leidenschaft zum Werkstoff Holz nicht nur in seinen Arbeiten aus, sondern teilt sie auch gerne in regelmäßigen Führungen durch die Austellung. Besonders angetan hat es ihn der Dialograum des Museums. (Foto: Bastian Krack)

Im Dialog steht Gamperl nicht nur mit den Besuchern und dem Werkstoff Holz. Für die Sonderausstellung trat der Künstler zusätzlich in eine gestalterische Auseinandersetzung mit Objekten aus der Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums. Diese umfasst eine Vielzahl gedrechselter Kelche, Dosen und Pokale aus Holz und Elfenbein. Eine Kollaboration zwischen den historischen Objekten und zeitgenössischem Schaffen drängte sich also geradezu auf. Dafür wurde ein separater Raum geschaffen. Mal treten die bis zur Perfektion geglätteten Elfenbeinobjekte in einen spannungsvollen Kontrast zur gerillten Oberfläche der Holzarbeiten. Mal tanzen Gamperls Amphoren mit einer Leuchte aus den 1910er-Jahren in vollkommener Harmonie.

Ernst Gamperl fertigte dieses Werk (l.) extra für den Dialograum im Bayerischen Museum und ließ sich dabei von der Astbrecher Bronze (r.) inspirieren.
Ernst Gamperl fertigte dieses Werk (l.) extra für den Dialograum im Bayerischen Museum und ließ sich dabei von der Astbrecher Bronze (r.) inspirieren. (Foto: Bastian Krack)

Ursprünglich war geplant, bestehende Werke Gamperls mit Exponaten des Museums auszustellen. Doch der Künstler war von einigen Werken so angetan, dass er inspiriert von ihnen, passende Stücke schuf. Ein gelungenes Beispiel dafür ist der „Astbrecher“, eine Bronze des Nürnberger Künstlers Adam Kraft aus dem Jahre 1490. Wie der Titel bereits vermuten lässt, bricht ein für die damalige Zeit äußerst detailgetreu dargestellter Mann einen Ast. Eine längliche, gräuliche Vase versucht diesen in Mitleidenschaft gezogen Stock sowohl mit den zugehörigen Löchern, als auch in der geschwungenen Form nachzuempfinden. Besonders eindrucksvoll zeigt sich hier Gamperls innige Liebe zum Detail.

Wer hätte gedacht, dass man über gedrechselte Gefäße dermaßen ins Schwärmen geraten kann? Ein unterschätztes Kunsthandwerk, das nicht nur auf Handwerkermärkten oder Designmessen zu Hause ist, sondern auch im Museum eine gute Figur macht.

Lebensbaumprojekt von Ernst Gamperl, Bayerisches Nationalmuseum, bis 5. Oktober 2025

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