Leben und Gesellschaft:Die Armut in den Heimen

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Leben und Gesellschaft: Rente und Erspartes reichen bei immer mehr alten Menschen nicht mehr aus, um den seit Jahren steigenden Eigenanteil für die Kosten in einem Pflegeheim aufzubringen.

Rente und Erspartes reichen bei immer mehr alten Menschen nicht mehr aus, um den seit Jahren steigenden Eigenanteil für die Kosten in einem Pflegeheim aufzubringen.

(Foto: Catherina Hess)

Immer mehr Senioren sind auf Sozialhilfe angewiesen, weil ihre Rente und ihr Vermögen nicht reichen, um die Unterkunft, Pflege und Verpflegung zu bezahlen. Gleichzeitig kämpfen die ambulanten Dienste mit Personalmangel, schon jetzt werden deshalb Verträge mit Patienten gekündigt

Von Sven Loerzer

Wer im Pflegeheim lebt, muss einen immer größeren Teil der Kosten selbst aufbringen. Zunehmend sind Menschen deshalb auf Sozialhilfe angewiesen, weil ihre Rente und ihr Vermögen nicht reichen, um die Kosten zu decken. Der Eigenanteil, den Senioren für Unterkunft, Verpflegung und Pflege in Münchner Heimen aufbringen müssen, ist nach Berechnungen des Sozialreferats in den letzten zwei Jahren um fast 300 Euro auf rund 2800 Euro monatlich im Einzelzimmer gestiegen. In besonderen Pflegebereichen, wie etwa gerontopsychiatrischen Wohngruppen, liegt der aufzubringende Eigenanteil bereits bei fast 3500 Euro monatlich. Insgesamt konnten fast 2600 Seniorenheim-Bewohner Ende 2020 ihren Pflegeplatz nicht aus eigenen Einkünften bezahlen. Der Anteil der Heimbewohner, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, stieg in den vergangenen zwei Jahren um 1,6 Prozentpunkte auf 36,3 Prozent, wie der "Marktbericht Pflege" des städtischen Sozialreferats ausweist. In der ambulanten Pflege sind nur 10,9 Prozent der Betreuten auf Sozialhilfe angewiesen.

Auch die mit dem im Juni beschlossenen Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung beschlossene schrittweise Senkung der Eigenanteile gilt unter Experten nicht als großer Wurf. Um Pflegebedürftige vor einer finanziellen Überforderung zu schützen, soll es einen Zuschlag zur Leistung der Pflegeversicherung für stationäre Pflege geben, der mit der Dauer der Pflege steigt. Im ersten Jahr trägt die Pflegekasse laut Gesundheitsministerium fünf Prozent des pflegebedingten Eigenanteils, im zweiten Jahr 25 Prozent, im dritten Jahr 45 Prozent und danach 70 Prozent. Der pflegebedingte Eigenanteil aber macht bei den Münchner Einrichtungen nur etwas weniger als die Hälfte des gesamten monatlichen Eigenanteils in Höhe von rund 2800 Euro aus, denn die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sind ohnehin selbst vom Bewohner zu tragen.

Die in dem Gesetz beschlossene schrittweise Senkung der Eigenanteile "entlastet viele Bewohnerinnen und Bewohner - insbesondere im ersten Jahr ihres Aufenthaltes in der vollstationären Pflegeeinrichtung - nur minimal", betont die Münchner Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) in dem Marktbericht Pflege, den sie am Donnerstag dem Sozialausschuss des Stadtrats vorlegt. Da rund ein Drittel der Heimbewohner bereits im ersten Jahr nach dem Einzug sterben, kämen "viele auch nicht in den Genuss der in den Folgejahren steigenden Entlastungen". Schiwy fordert deshalb, die Eigenanteile für die Pflegebedürftigen "dauerhaft und nachhaltig auf ein verträgliches Maß zu begrenzen". Die Pflegeversicherung müsse dazu umfassend reformiert werden.

Nach der Erhebung des Sozialreferats gab es zum Stichtag 15. Dezember 2020 insgesamt 7955 vollstationäre Pflegeplätze in 59 Einrichtungen. 401 Plätze davon waren zu dem Zeitpunkt wegen der Schutz- und Hygienevorgaben aufgrund der Corona-Pandemie nicht belegbar. Die Auslastung der belegbaren Plätze ist nach Angaben des Sozialreferats mit 94,3 Prozent auf einem hohen Niveau. Der Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund stieg von 7,5 Prozent (2019) auf nun 9,6 Prozent. Den größten Marktanteil bei den Pflegeplätzen hat nach wie vor der städtische Träger Münchenstift mit rund 26 Prozent, gefolgt von Caritas (mit katholischen Einrichtungen) und privaten Trägern mit jeweils knapp 20 Prozent. Ist schon für die Heimträger die Gewinnung von Personal ein Dauerthema, so stellt sich die Situation bei den ambulanten Pflegediensten offenbar noch schwieriger dar, wie aus den Ergebnissen eine Befragung durch das Sozialreferat hervorgeht.

Etwa 300 Dienste versorgen 11 300 pflegebedürftige Menschen in München, das entspricht etwa 30 Prozent aller zu Pflegenden. Knapp mehr als die Hälfte werden von Angehörigen gepflegt. Die Nachfrage nach ambulanter Pflege ist stark gewachsen, die Dienste versorgen rund 3700 Personen mehr als noch 2015. Die Pflegedienste stünden unter hohem Druck, berichtet Schiwy. Der Anteil der Dienste, die keine weiteren Pflegebedürftigen mehr aufnehmen können, sei deutlich gestiegen, von 1,7 Prozent (2014) auf nun 18,5 Prozent. Für Absagen auf Anfragen war überwiegend Personalmangel der Grund, in einigen Fällen gab es sogar Kündigungen bestehender Verträge, weil die Dienste die Versorgung der Senioren nicht mehr sicherstellen konnten. Etwa 40 Prozent der Dienste, die an der Befragung teilnahmen, bräuchten mehr Personal zur Versorgung ihrer Kundschaft. Verschärft hat die Lage auch noch der Mehraufwand wegen der Corona-Pandemie. Schiwy befürchtet, dass der Personalmangel "die Versorgungssicherheit in der ambulanten Pflege mittelfristig gefährdet". Die Stadt lege deshalb bereits seit längerem Förderprogramme zur Qualifizierung sowie zur Personalbindung und -gewinnung auf.

Angesichts des schon seit Jahren bestehenden Fachkraftmangels macht sich überdies die Fraktionschefin von SPD/Volt im Rathaus, Anne Hübner, auch für die stärkere Verknüpfung von stationärem und ambulanten Bereich bei der Entwicklung neuer Angebote stark. Sie plädiert deshalb dafür, "die aktuell in Freiham geplante Einrichtung" nicht als reines Pflegeheim zu gestalten. Stattdessen könnte dort "ein Mix aus vollstationärer Pflege, einer Tagespflege, Seniorenwohnen und Personalwohnungen" entstehen. Die SPD-Politikerin betont: "Eine den verschiedenen Lebensphasen gerecht werdende Angebotsvielfalt ist genau das, was die Senioren und ihre Angehörigen suchen.

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