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Leben im Bauwagen:Ein Leben, das Konsum ablehnt

Florian Böhner, der Mann mit dem roten Halstuch, hat kaum Zeit zu reden. Die beiden Wägen, in denen er mit seiner Frau Claudi und seinem Sohn Fynn lebt, ziehen heute schon um, die anderen kommen nach. Obwohl die Waldwiese nur zwei Kilometer vom alten Platz entfernt ist, ist der Aufwand gigantisch. Der rot-weiße Holzwagen ist zu groß, um ihn an der Straße stehen zu lassen, das alte Militärfahrzeug, das ihn ziehen soll, hat Probleme mit der Bremsleitung.

Umzug Wagenburg von der Barlowstraße 6 in die Denninger Straße 190

Flo Böhner und sein Sohn sind bereits umgezogen.

(Foto: Florian Peljak)

Immer wieder steigt schwarzer Rauch auf. Fynn, Juni und ihr kleiner Bruder Jaro sitzen auf dem Bürgersteig und halten sich die Nasen zu. Ihre dreckverschmierten Gesichter leuchten vor Aufregung. "Wir ziehen direkt neben meinen Kindergarten, den Waldkindergarten", erklärt Juni hustend. Die neue Wiese ist die Nachbarwiese von ihrem Kindergarten, ein kleiner Trampelpfad führt von einer zur anderen. Ein großes Glück, das finden alle. "Wir haben bewusst nach einem Grundstück gesucht, das in der Nähe ist, damit die beiden weiter in den Kindergarten gehen können", sagt Junis Vater Ulf, "aber dass uns dann dieses Grundstück angeboten wurde, ist schon perfekt."

Wie ein solches Arrangement zustande kommt, ist unterschiedlich. Die Wagenburgen bilden eine rechtliche Grauzone. Die Behörden sind auf diese Wohnform nicht eingestellt. Doch wenn sich Vermieter und Mieter einig sind, sehen sie auch keinen Anlass, einzuschreiten. Und manchmal erhalten die Wohnprojekte auch Unterstützung: Die Wiese in der Denninger Straße wird den Bewohnern von der Stadt vermietet. Trotzdem werden die Wagenburgen von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Nur der "Stattpark Olga" in Giesing - mit etwa 20 Erwachsenen momentan das größte Wagenburgprojekt in München - ist in den vergangenen Jahren durch Berichte in verschiedenen Fernsehsendern und Zeitungen bekannt geworden.

Alternative Lebensform

Wirklich neu sind die Bauwägen eigentlich nicht. "Hin und Weg" gibt es seit fast 15 Jahren, sieben davon standen die Wagen in Englschalking. Bewohner Thomas schätzt, dass seit 1998 Wagenburgen in München stehen. Doch lange hat sich kaum jemand für diese Art zu leben interessiert.

Umzug Wagenburg von der Barlowstraße 6 in die Denninger Straße 190

Die ersten Wagen rollen am neuen Standort ein.

(Foto: Florian Peljak)

Inzwischen ist das anders. Hohe Mieten, die Sehnsucht nach alten, ursprünglichen Dingen, der Trend zum Selbermachen: Wagenburgen boomen. In Deutschland soll es zwischen 150 und 200 Wagenplätze geben, in München sind in den vergangenen Jahren drei neue hinzugekommen. "Die Wohnprojekte stehen alle im Westen der Stadt und sind noch am Entstehen", sagt Thomas. An die Öffentlichkeit wagen sich die Bewohner noch nicht. Nicht immer ist der rechtliche Status so klar wie bei "Hin und Weg".

Die Ursprünge dieses Lebensentwurfes liegen, wie Thomas sagt, "in der Hausbesetzerszene, in der Idee, freien Wohnraum zu nutzen". Dass sie heute Miete zahlen, steht für ihn nicht im Widerspruch dazu. "Das Gefühl, man könnte jederzeit geräumt werden, wäre nichts für mich", sagt er. 135 Euro Miete hat er in Englschalking im Monat gezahlt, wie viel es auf der Wiese sein wird, weiß er noch nicht. Doch ums Geldsparen geht es Thomas, der als Regisseur arbeitet, nicht so sehr. Und auch die anderen Bewohner haben Jobs, mit denen sie eine Wohnung mieten könnten: Florian ist Messebauer, seine Frau Claudi Erzieherin. Der Vater von Juni und Jaro arbeitet als Zimmerer und Forstingenieur.