Süddeutsche Zeitung

Leben im Asylbewerberheim:"Die Menschen sollen zermürbt werden"

Nächtliche Razzien, defekte Toiletten, nur eine einzige funktionierende Männerdusche: Wie Asylbewerber in München leben - trotz der Reform des Zuwanderungsgesetzes.

Tritt Uche Akpulu aus seinem Zimmer und schaut durch die Tür am Ende des Korridors von Baracke Nummer vier, sieht er einen Zaun mit Stacheldraht. Eine Frau und ihre junge Tochter gehen hinter dem Zaun an der Tür vorbei. Einen Moment unterbrechen sie ihr Gespräch, der Blick des blonden Mädchens trifft Uche Akpulu. "Die Leute, die hier entlang kommen, denken doch, hier wohnen Kriminelle", sagt er, nachdem die beiden Frauen weitergegangen sind.

Uche Akpulu ist kein Krimineller. Er ist Asylbewerber und lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende in der Emma-Ihrer-Straße. Das Eingangstor zu dem Gelände mit den sechs Holzbaracken steht offen, als sei der Stacheldrahtzaun purer Hohn.

15 Quadratmeter für drei Personen

Vor mehr als dreieinhalb Jahren kam Uche Akpulu nach Bayern und bat um Asyl, weil ihn die Polizei in seiner Heimat Nigeria verfolgte. Genaueres mag der 40-Jährige nicht sagen, denn sein Asylverfahren läuft noch. Seit Januar 2004 wohnt er mit bis zu drei anderen Menschen in einem Zimmer in der Emma-Ihrer-Straße - auf weniger als 15 Quadratmetern. Momentan sind sie nur zu dritt. "Derzeit ist die Unterkunft nicht ausgelastet", sagt Uche Akpulu.

Aber auch mit nur drei Betten ist es eng. Dazu noch ein Schreibtisch, ein Kühlschrank und zwei ausrangierte Bundeswehrspinde, da bleibt nur noch Platz für einen schmalen Gang durch das Zimmer. Vor das einzige Fenster passt gerade noch ein Fernseher.

Für ihre Habseligkeiten haben die drei Bewohner nur die Spinde. Manche Flüchtlinge lagern ihr Eigentum teilweise auf dem Korridor der Baracke: Laken, Handtücher und Schuhe stapeln sich an den Wänden. Drei Menschen und die materiellen Reste ihrer Biografien auf weniger als 15 Quadratmetern. "Ein Chaos", sagt Uche Akpulu.

Bayern besonders strikt

Wo und wie ein Asylbewerber in Deutschland wohnt, entscheidet jedes Bundesland selbst. Nach dem Asylverfahrensgesetz des Bundes soll er möglichst in einer Gemeinschaftsunterkunft ein Quartier beziehen. Bayern setzt das besonders konsequent um. Nach einer Untersuchung des Politikwissenschaftlers Tobias Pieper von der Freien Universität Berlin beherbergt der Freistaat von allen Ländern mit 87 Prozent den größten Anteil an Asylbewerbern in solchen Einrichtungen.

Außerdem bringt Bayern diese Klientel so lange wie möglich in einer der 154 Gemeinschaftsunterkünfte des Freistaats unter. Auch Flüchtlinge, die nach dem neuen Bleiberecht eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen können und noch keine eigene Wohnung haben, sollen dort weiterhin wohnen.

Das ermöglicht eine Öffnungsklausel, die vor allem auf Drängen Bayerns für das neue Bleiberecht vereinbart wurde. Sie erlaubt es, bedürftige Flüchtlinge trotz Aufenthaltsgenehmigung weiterhin mit Sachleistungen statt Geld zu versorgen - Asylheim statt Hartz IV. Das spare Geld im dreistelligen Millionenbereich, behauptet die bayerische Regierung. "Die Sozialkassen sind belastet. Dafür hat jeder Verständnis", sagt auch Bruno Lischke, zuständiger Referatsleiter im bayerischen Sozialministerium.

Schwierige Jobsuche

Für einen Asylbewerber wie Uche Akpulu verschärft aber gerade das Leben im Heim die Abhängigkeit von staatlicher Hilfe. "Für Flüchtlinge ist es ohnehin schwierig, Arbeit zu finden", sagt Wilhelm Dräxler von der Münchner Caritas, seit 20 Jahren im Bereich Migration tätig. Denn die Arbeitsagentur muss einen Job vorrangig an einen arbeitslosen Deutschen oder EU-Ausländer vergeben.

Trotz unzähliger Bewerbungen hatte Uche Akpulu nur einmal Glück. Da bekam der Biochemiker aus Nigeria eine Stelle als Spüler in einem Altenheim, verdiente für ein paar Monate zwischen 300 und 400 Euro. Für eine Wohnung reichte das trotzdem nicht und er musste weiter im Asylheim wohnen. "Dieser Wohnsitz macht es dem Flüchtling aber gleich doppelt schwer", weiß Caritas-Mitarbeiter Dräxler. Nach seiner Meinung schreckt eine Bewerbung aus dem Asylheim mögliche Arbeitgeber zusätzlich ab.

"Die Menschen sollen zermürbt werden"

Wie viel Platz einem Flüchtling im Asylheim zusteht, das lässt Bayern wie die meisten Bundesländer offen. Im Freistaat liegt dies im Ermessen der Bezirksregierungen, die die Unterkünfte betreiben. Uche Akpulu hat weniger als fünf Quadratmeter für sich.

Bei einem Hartz-IV-Empfänger hält die Stadt München eine Wohnung zwischen 20 und 45 Quadratmeter für angemessen. "Die Flüchtlingsunterbringungen entsprechen natürlich keinen Hotelunterkünften", sagt Bruno Lischke vom Sozialministerium. "Das sind Gemeinschaftsunterkünfte, wie es sie auch anderswo gibt, zum Beispiel bei der Bundeswehr."

Nächtliche Razzien

Uche Akpulu fühlt sich in der Emma-Ihrer-Straße eher wie in einer Zelle denn wie in einer Kasernenstube. Auch klagen er und andere Bewohner bei Flüchtlingsorganisationen immer wieder über Schikanen. Tobias Klaus vom Bayerischen Flüchtlingsrat berichtet beispielsweise von nächtlichen Polizeirazzien. Die Polizei suche dann nach Besuch von außerhalb des Heims, denn der ist nach 22 Uhr verboten. "Dabei treten die Beamten schon mal die Türen ein, wenn die Bewohner nicht schnell genug aufmachen. Nur um eventuelle Fremdschläfer zu entfernen", sagt Klaus.

Das bayerische Innenministerium will Behauptungen in der Form nicht kommentieren. "Pauschalvorwürfe sind unangebracht", sagt Sprecher Rainer Riedl. "Die Polizei schützt, wie überall, auch in den Gemeinschaftsunterkünften die Sicherheit und öffentliche Ordnung. Dabei nimmt sie Rücksicht auf die Bewohner."

Defekte Toiletten und kaputte Duschen

Asylbewerber in Deutschland, das ist ein Leben am Rande der Gesellschaft. "Die Ausgrenzung der Asylbewerber in den Heimen hat politische Gründe", glaubt Caritas-Mitarbeiter Dräxler. "Insbesondere die bayerische Regierung stellt sich auf den Standpunkt, dass diese Menschen zurück in ihre Heimatländer müssen." Deshalb versuche man Integration zu verhindern. Tobias Klaus geht noch weiter. "Die Menschen sollen in diesen Unterkünften zermürbt werden, damit sie freiwillig ausreisen."

Uche Akpulu aber gibt nicht auf, obwohl Demütigungen wie die nächtlichen Razzien manchmal nahezu unerträglich sind. An andere Widrigkeiten der Unterkunft, wie defekte Toiletten oder oft nur eine intakte Männerdusche bei mehr als 40 Barackenbewohnern, hat er sich dagegen fast schon gewöhnt. Denn Uche Akpulu ist zäh.

Manche Bewohner lassen die erlebten Qualen in der Heimat und die Isolation in Deutschland verzweifeln, Uche Akpulu nicht. Er hat trotzdem Deutsch gelernt. Auf seinem Bett liegen eine Tageszeitung und ein Nachrichtenmagazin. Er spielt Theater, momentan probt er für ein Projekt der Münchner Kammerspiele. Daneben macht er eine von der EU geförderte Weiterbildung - "Business Management", sagt er.

Alltag in der Enge

Doch Uche Akpulus Möglichkeiten für ein Leben jenseits der Enge in der Emma-Ihrer-Straße sind begrenzt. Von der Regierung Oberbayern bekommt er etwa 40 Euro Taschengeld im Monat und zwei Essenspakete pro Woche. Ob das reicht oder nicht, das interessiert niemanden. "Hier geht es nicht um mich und was ich brauche." Er tippt sich mit der Hand auf die Brust. "Ich bekomme, was die Regierung von Oberbayern für ausreichend hält."

Wie es weitergeht, weiß er nicht. Er erzählt von seiner Nachbarin, einer Frau aus Togo, die seit zwölf Jahren in der Unterkunft wohnt. Sie hat Zwillinge, die vor neun Jahren auf die Welt kamen. Sie kennen kein anderes Zuhause als die Emma-Ihrer-Straße. Wenn sie zwischen den Haufen aus Laken und Schuhen auf dem Korridor in der Baracke herumtollen, dann schauen auch sie auf einen Zaun, einen Zaun mit dem Stacheldraht.

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Quelle:
SZ vom 12.7.2007
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