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Leben im Asylbewerberheim:"Die Menschen sollen zermürbt werden"

Wie viel Platz einem Flüchtling im Asylheim zusteht, das lässt Bayern wie die meisten Bundesländer offen. Im Freistaat liegt dies im Ermessen der Bezirksregierungen, die die Unterkünfte betreiben. Uche Akpulu hat weniger als fünf Quadratmeter für sich.

Bei einem Hartz-IV-Empfänger hält die Stadt München eine Wohnung zwischen 20 und 45 Quadratmeter für angemessen. "Die Flüchtlingsunterbringungen entsprechen natürlich keinen Hotelunterkünften", sagt Bruno Lischke vom Sozialministerium. "Das sind Gemeinschaftsunterkünfte, wie es sie auch anderswo gibt, zum Beispiel bei der Bundeswehr."

Nächtliche Razzien

Uche Akpulu fühlt sich in der Emma-Ihrer-Straße eher wie in einer Zelle denn wie in einer Kasernenstube. Auch klagen er und andere Bewohner bei Flüchtlingsorganisationen immer wieder über Schikanen. Tobias Klaus vom Bayerischen Flüchtlingsrat berichtet beispielsweise von nächtlichen Polizeirazzien. Die Polizei suche dann nach Besuch von außerhalb des Heims, denn der ist nach 22 Uhr verboten. "Dabei treten die Beamten schon mal die Türen ein, wenn die Bewohner nicht schnell genug aufmachen. Nur um eventuelle Fremdschläfer zu entfernen", sagt Klaus.

Das bayerische Innenministerium will Behauptungen in der Form nicht kommentieren. "Pauschalvorwürfe sind unangebracht", sagt Sprecher Rainer Riedl. "Die Polizei schützt, wie überall, auch in den Gemeinschaftsunterkünften die Sicherheit und öffentliche Ordnung. Dabei nimmt sie Rücksicht auf die Bewohner."

Defekte Toiletten und kaputte Duschen

Asylbewerber in Deutschland, das ist ein Leben am Rande der Gesellschaft. "Die Ausgrenzung der Asylbewerber in den Heimen hat politische Gründe", glaubt Caritas-Mitarbeiter Dräxler. "Insbesondere die bayerische Regierung stellt sich auf den Standpunkt, dass diese Menschen zurück in ihre Heimatländer müssen." Deshalb versuche man Integration zu verhindern. Tobias Klaus geht noch weiter. "Die Menschen sollen in diesen Unterkünften zermürbt werden, damit sie freiwillig ausreisen."

Uche Akpulu aber gibt nicht auf, obwohl Demütigungen wie die nächtlichen Razzien manchmal nahezu unerträglich sind. An andere Widrigkeiten der Unterkunft, wie defekte Toiletten oder oft nur eine intakte Männerdusche bei mehr als 40 Barackenbewohnern, hat er sich dagegen fast schon gewöhnt. Denn Uche Akpulu ist zäh.

Manche Bewohner lassen die erlebten Qualen in der Heimat und die Isolation in Deutschland verzweifeln, Uche Akpulu nicht. Er hat trotzdem Deutsch gelernt. Auf seinem Bett liegen eine Tageszeitung und ein Nachrichtenmagazin. Er spielt Theater, momentan probt er für ein Projekt der Münchner Kammerspiele. Daneben macht er eine von der EU geförderte Weiterbildung - "Business Management", sagt er.

Alltag in der Enge

Doch Uche Akpulus Möglichkeiten für ein Leben jenseits der Enge in der Emma-Ihrer-Straße sind begrenzt. Von der Regierung Oberbayern bekommt er etwa 40 Euro Taschengeld im Monat und zwei Essenspakete pro Woche. Ob das reicht oder nicht, das interessiert niemanden. "Hier geht es nicht um mich und was ich brauche." Er tippt sich mit der Hand auf die Brust. "Ich bekomme, was die Regierung von Oberbayern für ausreichend hält."

Wie es weitergeht, weiß er nicht. Er erzählt von seiner Nachbarin, einer Frau aus Togo, die seit zwölf Jahren in der Unterkunft wohnt. Sie hat Zwillinge, die vor neun Jahren auf die Welt kamen. Sie kennen kein anderes Zuhause als die Emma-Ihrer-Straße. Wenn sie zwischen den Haufen aus Laken und Schuhen auf dem Korridor in der Baracke herumtollen, dann schauen auch sie auf einen Zaun, einen Zaun mit dem Stacheldraht.