Lange Schlangen vor der Tür Spiegelpanzer und Königsumhang

Das Gärtnerplatztheater verkauft Kostüme aus seinem Fundus - die Nachfrage ist riesig

Von Sabine Buchwald

Es hilft kein Trick und auch kein weiser Spruch: Die Türen zum Kostümverkauf des Gärtnerplatztheaters öffnen sich erst um zehn. Keine Sekunde früher, mag die Menschenschlange vor dem Haus noch so lang sein. Die Klenzestraße vor fast bis zur Fraunhoferstraße reicht sie diesen Samstag schon ab etwa neun Uhr. Warten ist angesagt, das gilt auch für Zauberer wie Uwe Seling. Mag sein, dass der stattliche Mann mit dem Kinnbart ein paar magische Formeln gemurmelt hat, als er sich um halb sechs Uhr früh mit Tochter, Stuhl und Brotzeit vor dem Eingang des Theaters niederließ. Geholfen haben sie ihm nur insofern, als er als einer der ersten die Stufen hoch zum Theaterfoyer erklimmen kann. Zaubern ist harte Arbeit und erfordert Disziplin, wer beides beherrscht, wird mit Magie belohnt. Und so werden auch Seling, Tochter Nathalie und andere Frühaufsteher am Samstagvormittag mit dem Blick auf die noch unberührten, dicht bepackten Kleiderstangen entschädigt.

In ein paar Wochen fährt Karin Simons (rechts) wieder zum Karneval nach Venedig. Im Gärtnerplatztheater hat sie dafür Kostüme gefunden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bunt und geduldig warten die gereinigten Kostüme und Accessoires aus Produktionen wie "Der Zauberer von Oz" oder "La cage aux folles" auf Käufer. Ein wahrlich magischer Anblick, der sich unter den suchenden, wühlenden Händen binnen Minuten in Unordnung auflöst. Ein Grüppchen fröhlicher Frauen startet die Suche mit dem Kommando: "Mädels, viel Spaß!" Und den konnte man haben bei diesem Kostümverkauf, der erstmals nach dem Umbau des Theaters wieder in den eigenen Räumen stattfand. 3000 Teile hatten die Direktorin der Kostümabteilung, Inge Schäffner, und ihre Mitarbeiter dafür aussortiert. Hüte, Perücken, Schuhe inklusive. Alles Stücke, die man nicht mehr länger im Fundus halten will, weil sie - wie der aus Spiegelstücken zusammengefügte Umhang aus "Der Mann von La Mancha" - nicht mehr gebraucht und auch nicht umgearbeitet werden können.

Zauberer Uwe Seling war erfolgreich.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit so einem Spiegelpanzer kann Karin Simons nichts anfangen. Sie sucht gezielt nach Rokoko-Kleidern, je üppiger, desto besser. In ein paar Wochen wird sie wieder zum Karneval nach Venedig reisen. Mit drei Seidenroben, zwei ausladenden Unterröcken und einer Jacke im Mozartstil verschwindet sie in den Umkleideraum für Damen, wo sich mehr und mehr Parfum- und Menschendüfte mischen. Da gibt es keine Kabinen wie im Kaufhaus. Alle stehen hier ungeniert voreinander in Unterwäsche, helfen sich gegenseitig mit den Häkchen und Knöpfchen, geben Komplimente und fällen Urteile. "Das musst du nehmen", sagt eine etwas füllige Dame zu einem schlanken Mädchen, das sich in eine Korsage gezwängt hat. Eine andere prüft, ob man aus einem Ballkleid nicht noch ein paar Zentimeter Saum rauslassen könnte. Nicht alle haben ein so üppiges Budget wie Karin Simons, die mit 900 Euro gekommen ist. Zwei Schülerinnen wägen lange ab, ob sie ein aufwendiges Kleid für 280 Euro wirklich nehmen sollen. Vor zwei Jahren habe sie hier ein tolles Stelzenkostüm gefunden, sagt die eine. Das habe sich schon gelohnt.

Im Gärtnerpaltztheater gab es so gut wie alles zu kaufen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Während die beiden noch grübeln, hat sich Cornelie Seifert schnell entschieden. Die Schneiderin legt sechs Unterröcke à zehn Euro auf den Kassentisch. Dazu noch zwei Hüte mit aufgedrehten Straußenfedern. Für sie hat sich der Vormittag gelohnt. "Die Unterröcke nähe ich zusammen und mache einen daraus", sagt sie. Unter ihren geübten Fingern werden sich auch die Kopfbedeckungen zu Neuem verwandeln. Wer wie sie bezahlt hat, bekommt seine Trouvaillen in einen großen weißen Plastiksack gepackt und muss dann das Theater verlassen. So ist die Regel. Schäffner erklärt das freundlich, aber bestimmt einer Dame mit einer vollen Tüte, die sich aus der wuseligen Atmosphäre offensichtlich nicht lösen kann. Für jeden, der geht, darf ein anderer kommen. Auch Kostüme werden immer wieder nachgehängt. Manche laufen mit drei Hüten übereinander auf dem Kopf durch die Reihen. Die Stimmung ist locker, 20 der 80 Mitarbeiter der Kostümabteilung haben heute Dienst, sie helfen, wo sie können.

Am Ende sind etwa 70 Prozent der angebotenen Stücke verkauft. Geschätzten 2000 Leuten hat man die Tür geöffnet, sogar bis 14.30 Uhr, eine halbe Stunde länger als geplant. "Ein überwältigender Erfolg", heißt es aus dem Theater. Wie hoch die Einnahmen waren, will man nicht verraten, gelohnt aber habe es sich, heißt es. Das eingenommene Geld fließt wieder zurück in die Kostümabteilung.

Auch Zauberer Uwe Seling ist zufrieden. Im Mai soll er als König Ludwig II. in Kempten zur Eröffnung der gleichnamigen Brücke auftreten. Er hat einen üppig gearbeiteten, dunkelroten Umhang mit Kunstpelzbesatz dafür gefunden. Für Michael Limmert ist es nicht so gut gelaufen. Er war auf der Suche nach einer historisch gearbeiteten Uniform. "Nein, so etwas hatten wir in den vergangenen Jahren nicht", erklärt ihm Schäffner. Limmert hat schon ein paar im Stil von "ein Offizier und Gentleman" im Schrank, erzählt er. Für die großen Münchner Faschingsbälle hätte er gerne dieses Jahr eine neue Uniform gefunden. "Ich komme bestimmt das nächste Mal wieder", prophezeit er, weil es einfach Spaß mache. Wann das sein wird, entscheidet die Direktion des Gärtnerplatztheaters am Anfang der kommenden Spielzeit.