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Lange Nacht der Musik:Wenn die ganze Stadt zur Bühne wird

"Lange Nacht der Musik" in München, 2017

Auch in der Philharmonie im Gasteig finden in der Langen Nacht Konzerte statt, im vergangenen Jahr trat die Band Ganes aus den Dolomiten auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

20 000 Gäste schwärmen bei der "Langen Nacht der Musik" zu 400 Konzerten aus - in Bars, Kirchen, Yoga-Studios, Geschäften oder Museen.

Das Konfliktfeld "Nächtliches Feiern in München", zu dem das Sozialreferat gerade eine "Gesamtstrategie" erarbeitet, lässt sich gut am neuen Club Zehner nahe dem Sendlinger Tor schildern. Obwohl genau in diesem Lokal im dichtesten Ausgehviertel jahrelang Halligalli-Discobetrieb herrschte, und obwohl die neuen Betreiber den Keller extra schalldicht gemacht haben, dürfen sie bisher nur sehr eingeschränkt Konzerte veranstalten. Das hat damit zu tun, dass handgemachte Musik in München anders als DJ-Partys offiziell als Lärm und nicht immer als Kulturprogramm gelten. Jedenfalls werden Bühnen-Konzessionen in der Innenstadt ungefähr so großzügig erteilt wie Lizenzen für neue Bierzelte auf dem Oktoberfest.

Zehner-Chefin Danny Kuffner ist dennoch hoffnungsfroh, dass ihr Antrag auf eine Nutzungsänderung zum Musikclub von der Lokalbaukommission bald abgesegnet wird. Was im Falle eines positiven Bescheids in dem Raum für 150 Gäste stattfinden könnte, zeigt das Zehner in der Langen Nacht der Musik: Da spielen Singer-Songwriter und Bands wie das Manchester-München-Duo Mathew Mathilda Folk, Soul, Jazz und Pop - alles eher beschaulich und ruhig. "Wir wollen unsere Nachbarn ja nicht belasten", sagt Kuffner, die sich ein bisschen wundert, wie locker man ihr an diesem Abend erlaubt hat, bis 3 Uhr Musik zu machen, weil das ja im Rahmen der Langen Nacht laufe.

München

Hier wird bei der "Langen Nacht der Musik" gefeiert

Einmal im Jahr geht in München, was sonst eher stört. Wenn bei der Langen Nacht der Musik, die heuer bereits zum 19. Mal stattfindet, 20 000 Gäste auf den Straßen zu 400 Konzerten ausschwärmen, sind sie willkommenes Nachtleben und kein Ärgernis. Wohl auch, weil 108 Spielstätten beteiligt sind, diesmal 23 neue. Die Klage der Musikszene, es gebe in München zu wenig Auftrittsorte, gilt zumindest in der Langen Nacht nicht. Auf einmal tun sich zu den bestehenden viele neue Bühnen auf - in Bars, Yoga-Studios, Geschäften, Museen, Kirchen, Tanzschulen und Behörden.

Prominentestes Beispiel: Joachim Herrmann öffnet den überdachten und bewachten Hof seines Innenministeriums. Der war, bis er 1944 von Fliegerbomben zerstört wurde, einmal der wichtigste Konzertort der Stadt: das Odeon. In dem 1828 von Leo von Klenze erbauten Saal sei etwa Brahms als Solist und Dirigent seiner eigenen Werke aufgetreten, sagt der Hausherr stolz. Nun werden hier 200 Gäste nach Passieren der Sicherheitsschleusen drei Ensembles des Polizeiorchesters Bayern und Solisten des BR-Symphonieorchesters hören. Im Technikum des Werksviertels, wo das neue Münchner Konzerthaus einmal stehen soll, spielen ebenfalls BR-Musiker. Der Freistaat leistet seinen Beitrag, damit München "Weltstadt der Musik" bleibt, wie Herrmann sagt.

Auch die Mitarbeiter des Müller'schen Volksbads lieben ihr Jugendstil-Gebäude so sehr, dass sie ihre beiden Becken-Säle in der Langen Nacht zeigen wollen. Der missverständliche Hinweis zu den Auftritten von Vokalgruppen wie dem Kneipenchor oder dem Jungen Kammerchor Lucente, man könne "auch ohne Badebekleidung" kommen, wurde noch in "auch in Straßenkleidung" umformuliert.

Viele Behörden wollen ihr Image polieren

Dass das Arbeitsamt an der Kapuzinerstraße mit dem BIZ über einen Veranstaltungssaal für mehrere Hundert Gäste verfügt, bekommen die wenigsten mit. In der Langen Nacht zeigt die ZAV-Künstlervermittlung der Arbeitsagentur hier, wen sie für Firmen- und andere Feste zu bieten hat: vom "Tatwort"-Improtheater über junge Musical-Studenten der Everding-Akademie bis zu den Walking-Act-Performern Foolpool.

Eine weitere Behörde, die Gema neben dem Gasteig, nutzt die Lange Nacht seit einigen Jahren, um ihr Image aufzupolieren. Im Foyer zeigen die Musikrechteverwerter, wem die Gebühren letztlich zugute kommen: Musikern wie den Bayern-Rockern Woas Mas? oder der Jazz-Sängerin Anna Lemann.

Künstler und Kultur gebe es genügend in München, finden die Piano-Entertainer Bastian Pusch und Andreas Speckstein. Das Problem liege vielmehr bei den Konsumenten: "Es gibt zu wenige, die den Hintern hochkriegen." Deswegen freuen sich die beiden darauf, in der Langen Nacht "massenhaft" Menschen zu erreichen, die "sonst nur Youtube-Videos schauen". Bei ihrer Gala "Notenlos durch die Nacht" spielen und singen sie in der Kleinkunstbühne Drehleier querbeet alles, was ihnen die Gäste zurufen. "Der infame Plan ist, dass sie später einmal wiederkommen."

Lange Nacht der Musik , Samstag, 28. April, 20 bis 3 Uhr, Tickets für 15 Euro gibt es in allen beteiligten Spielstätten und in der Festivalzentrale am Odeonsplatz, wo auch die vier Bus-Routen starten und enden. Programm unter www.muenchner.de