Landwirtschaft Sklaven im Leistungsparcours

Ministerin Michaela Kaniber erntet Kritik von Bauern

"Im Nahkampf mit den Bauern" vom 24. Mai, "Charmeoffensive für die Bauern" vom 20. Mai und "Baum fällt" vom 15. Mai:

Nichts gelernt

Bis vor kurzem noch stellte Walter Heidl in seiner Funktion als Präsident des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) in jeder Rede und in jedem Interview die Behauptung auf, dass die öffentliche Meinung zur Landwirtschaft grundsätzlich positiv sei, während die Medien ein verzerrtes und negatives Bild zeichneten. Präsident Heidl verwendete für seine Behauptung dabei das Gegensatzpaar von der öffentlichen Meinung, die eine andere sei, als die veröffentlichte Meinung.

Man könnte diese Behauptung als Wortspielerei abtun, als Floskel eines Funktionärs, der mit der medialen Berichterstattung hadert, weil es ihm nicht gelingt, seine Sicht der Dinge in den Medien zu platzieren. Aber das ist zu kurz gegriffen, denn letztlich behauptet der BBV-Präsident Heidl nichts anderes, als dass die Berichterstattung über die Landwirtschaft grundsätzlich einseitig und fehlerhaft sei. Mit dieser Haltung - nämlich Berichterstattungen, die nicht der eigenen Sichtweise entsprechen, pauschal zu diskreditieren, statt sie argumentativ zu widerlegen - befindet sich BBV-Präsident Heidl in "prominenter" Gesellschaft: Der amerikanische Präsident Trump und dessen Klagen über "fake news" sowie die Pegida-Anhänger mit ihren Schmähparolen von der "Lügenpresse" lassen grüßen. Aber geschenkt: Das erfolgreichste Volksbegehren in der Geschichte Bayerns hat Herrn Heidl und dessen Sicht der Dinge eindrucksvoll widerlegt.

Wer nun darauf hofft, dass Präsident Heidl und die anderen Funktionäre des BBV mit Hilfe des Volksbegehrens gelernt hätten, dass Realitätsverweigerung kein guter Ratgeber ist, der hofft offensichtlich vergebens. Statt den Dialog mit der Gesellschaft zu suchen und die Ergebnisse des Runden Tisches, denen der BBV am Runden Tisch noch zugestimmt hat, nun konstruktiv umzusetzen, werden auf BBV-Veranstaltungen die Ergebnisse des Runden Tisches verzerrt dargestellt und gezielt Emotionen geschürt. Merken die Funktionäre des BBV nicht, dass sie ihrem Berufsstand damit erneut einen Bärendienst erweisen? Roland Sommer, Diedorf

Wertschätzung tut not

Es mag ja eine gute Kampagne für die CSU sein, wenn jetzt die Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber mit acht Konferenzen durchs Land zieht. Was wir jetzt eigentlich brauchen, ist eine Wertoffensive für die bayerische Landwirtschaft. Schaut man auf die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zurück, so muss man feststellen, dass mit den heimischen Bauern immer nur das "Hase-und-Igel-Spiel" betrieben wurde. Es wurde hauptsächlich der Wert auf billige Nahrungsmittelerzeugung gelegt. Die Ausbildung der Landwirte zu hervorragenden Produktionsgenies ist optimal gelungen. Subventionspolitik, Hightech-Landmaschinen, Agrochemie, Importfuttermittel und ein florierender Lebensmittelhandel erzeugen einen Leistungsparcours, der die Bauern mehr und mehr zu Sklaven macht. In dieser Situation wurde den Bauern jetzt durch das Volksbegehren "Artenvielfalt" eine andere Wertvorstellung von einer bayerischen Landwirtschaft aufgezeigt. Aus meiner Sicht ist dieser Paradigmenwechsel dringend notwendig.

Als Landwirt verstehe ich jetzt aber auch die wahnsinnige Irritation innerhalb meines Berufsstandes, die durch die Diskussion um den Artenerhalt (zu der auch die Bauern gehören) ausgelöst wurde. Wir brauchen jetzt einen andauernden "Runder Tisch" auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Nur ein solidarisches Miteinander sowie eine gegenseitige Wertschätzung zwischen Landwirtschaft, Verbrauchern, Naturschutz, Handel und Politik bringen die Agrarstrukturen wieder ins Lot. Max Keil, Puchheim