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Landtagswahlkampf:"Von meinen Freunden geht keiner wählen"

Auch Edith Neuner interessiert die Wahl nicht mehr. Sie ist 81 und gehörte in den Sechzigerjahren zu den ersten Bewohnern des Hasenbergls, erzählt sie. Gerade kommt sie vom Mittagessen im Senioren-Pavillon, 4,50 Euro die Mahlzeit. Ihre Hände ruhen auf einem Rollator, ihre Augen sind hellblau, die Lider leicht geschminkt, ihr Lächeln wirkt so bedächtig wie ihre Stimme. Seit den Sechzigern habe sich viel verändert, meint sie. "Das war mal ein ruhiges Viertel." Und heute: lauter neue Nachbarn, Feiern bis spät in die Nacht. "Ich hab' wirklich nichts gegen Ausländer", sagt Neuner immer wieder. Sie sei ja selbst ein Flüchtling gewesen, stamme aus Ostpreußen.

Aber sie ist der Meinung, dass "die Merkel" einen Fehler gemacht habe, "so viele reinzulassen". Sie sei immer wählen gegangen. Aber jetzt nicht mehr. Wen auch? Früher habe sie der SPD ihre Stimme gegeben, damals, unter Hans-Jochen Vogel, den sie nur "Dr. Vogel" nennt. Natürlich schaue sie noch Nachrichten, lese Zeitung. Ob die AfD für sie eine Alternative sei? Könnte sein, sagt Neuner, aber eher nicht. Sie wolle sich nicht mehr so sehr reindenken in die Politik. "In meinem Alter ist man froh, wenn man ein bisschen Ruhe hat."

Neuner geht mit ihrem Rollator davon. Ein Stück weiter hockt ein Jugendlicher auf einem kaputten Motorroller. Neuner will nicht mehr wählen - der Junge darf noch nicht. Dass viele im Viertel, vor allem auch junge Leute, nicht zur Wahl gehen, findet er nicht gut. "Die sind zu gangster um zu wählen", sagt er.

Im Jugendzentrum fläzen mehrere Jungs auf Sofas herum, Bauchbeutel um die Hüfte, Käppis auf dem Kopf. "Ich versteh' die Politik nicht", sagt einer. "Kaputtes System", sagt ein anderer. Einige der Jungs sind 18, es wäre ihre erste Wahl. Aber sie gehen nicht. "Von meinen Freunden geht keiner wählen", sagt einer. Sein Vater sei Iraner, die Mutter Kurdin. Ob es helfen würde, wenn es mehr junge Politiker gebe, mehr Politiker mit Migrationshintergrund, die aus eigener Erfahrung wissen, was Integration bedeutet und wie sich Jugendliche aus Vierteln wie dem Hasenbergl fühlen? "Ich glaub' schon, dass die Politiker wissen, wie es mir geht", sagt der 18-Jährige. "Es interessiert sie nur nicht."

Raus aus dem Jugendzentrum, weiter zum Goldschmiedplatz. Hier endet die Schleißheimer Straße, der Blick reicht weit über die Panzerwiese hinweg bis zur Fröttmaninger Arena. Das Hasenbergl und der FC Bayern liegen auf derselben Höhe. Was man nicht sieht, ist der Landtag. Mittwochs werden auf dem Platz Tische aufgebaut: Zwiebeln und Karotten auf der einen Seite, Spätzle auf der anderen. Menschen mit Berechtigungsausweisen stehen davor an, auch Regina und Nicole sind wegen der Münchner Tafel hier. Die Freundinnen sind Anfang 30, beide beziehen Hartz IV.

Wählen, sagt Nicole, blond und füllig, ist wichtig, "sonst ist die Stimme verloren". Nur wen sie wählen sollen, das wüssten sie nicht. Das drängendste Thema? Wohnen, finden beide. Regina, gelernte Bürokauffrau, dünn, rotbraune Haare, lebt seit eineinhalb Jahren in einer Notunterkunft für Obdachlose. Ohne festen Job sei es fast unmöglich, an eine Wohnung zu kommen, sagt sie. Regina packt Lebensmittel in ihren Trolley und erzählt von ihrem Zwei-Euro-Job, von "sinnlosen Maßnahmen" der Arbeitsagentur, von "ahnungslosen Mitarbeitern" in den Ämtern. Sie sagt: "Im Jobcenter kriegt man keine Jobs." Und: "Wenn du Hilfe brauchst, kriegst du sie nicht."

Um sich zu informieren, höre sie ab und zu Radio. "Aber dann ist Politik das Letzte, was einen interessiert", sagt sie. "Man googelt eher nach Angeboten bei Aldi." Dann fragt Regina noch: "München ist meine Heimat. Wieso hilft mir denn keiner, damit ich hier bleiben kann?"

Fakten und Hintergründe zur Landtagswahl gibt es unter www.sz.de/ltw18 und im digitalen Dossier unter www.sz.de/bayernwahl

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