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Landtagswahl: "Eine Spaßpartei ist die FDP"

Münchner Direktkandidaten von "Die PARTEI": Gerhard Bruckner, Marie Burneleit und Lukas Reindl.

"Satire ohne Inhalt ist bloß ein Witz": Gerhard Bruckner (links), Marie Burneleit und Lukas Reindl treten in München als Direktkandidaten für "Die Partei" an.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Satirepartei "Die Partei" ist für ihre aberwitzigen Forderungen bekannt. Dem Landtagskandidaten Gerhard Bruckner, früher CSU-nah, ist es aber auch ernst: "Satire ohne Inhalt ist bloß ein Witz."

Aus seiner Jugend, als sich die Welt noch in Ost und West, links und rechts einteilen ließ, hat Gerhard Bruckner eine Erinnerung aufgehoben: Ein Schwarz-Weiß-Foto des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, helles Jackett, dunkle Krawatte, dazu ein Autogramm. 40 Jahre später hängt dieses Foto an Laternenmasten in München. Mit dem Hinweis: "Strauß würde Bruckner wählen". Wahrscheinlich wäre Strauß lieber an einer Schweinshaxe erstickt, als sein Kreuz bei Bruckner zu machen: Der trägt auf seinem Poloshirt einen "Stoppt Söder"-Button. Verteilt bei Demonstrationen "Fuck CSU"-Aufkleber. Und würde gerne in den Landtag und den Bezirkstag einziehen - für "Die Partei", eine Satirepartei, die Kanzlerinnen-Castings veranstaltete und damit warb, ihren Kandidaten bezahlten Urlaub in Brüssel zu spendieren.

Gerhard Bruckner ist 60 Jahre alt, ein Mann, dem die grauen Haare manchmal etwas verstrubbelt im Gesicht hängen, und dem man immer noch ansieht, dass er diesen Sommer viel Zeit in der Sonne verbracht hat. Er sitzt in Sendling in einer Wirtschaft unter einem Sonnenschirm, isst drei Weißwürste, trinkt Weißbier und Spezi. Davor hat er Wahlplakate aufgehängt - diesmal nicht mit Strauß darauf, sondern einer Dame, die die weiß-blaue Bayern-Fahne als Kopftuch trägt. "Bayern ist schön" steht in arabischen Schriftzeichen darunter. "Die Leute", sagt Bruckner, "rasten aus, wenn sie das sehen". Ein Passant habe begonnen, wüste Beschimpfungen zu schreien, als er das Plakat sah. Bruckner klingt zufrieden. Und man spürt: Wenn er die Menschen so aufwühlen kann, ist für ihn schon das halbe Ziel erreicht.

Bruckner ist Direktkandidat für "Die Partei" im Münchner Süden, Vorsitzender des Kreisverbands, seit zehn Jahren Parteimitglied. Am Telefon meldet er sich mit "Die Partei Die Partei". Seine tiefe Märchenonkelstimme rutscht dann ein paar Oktaven höher, es klingt nach einer Mischung aus Callcenter und Witzhotline. Doch sind die Zeiten, in denen zum ersten Mal eine rechtspopulistische Partei im Bundestags sitzt, in denen Menschen Lügenpresse rufen und auf Demos den rechten Arm heben, nicht zu ernst für eine Spaßpartei? Auf diese Frage reagiert Bruckner fast ein wenig empört: "Eine Spaßpartei ist die FDP." Er meine es mit seinem politischen Engagement durchaus ernst. "Satire ohne Inhalt ist bloß ein Witz." Die Überspitzung sei für ihn ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu generieren - und die Menschen wachzurütteln, sei heute besonders wichtig.

Auffallen, das gelingt ihm und seinen Parteikollegen auf jeden Fall: Im Mai demonstrierten sie mit dem Banner "Grauer Block" gegen das Polizeiaufgabengesetz, alle in grauen Anzügen, blauen Hemden und mit roten Krawatten um den Hals, dem typischen Outfit ihres Parteigründers Martin Sonneborn. Im August sammelten sie an der Isar Müll, cremten Menschen mit Sonnencreme ein und verteilten Zettel auf denen "Weg mit dem braunen Dreck" stand. Und im September lief Bruckner bei der Ausspekuliert-Demo gegen Mietwucher in München mit, in der Hand ein Plakat, das ihn komplett nackt zeigt, daneben der Slogan: "Weniger Politiker mit vollen Taschen".

Den Druck solcher Plakate bezahlen "Die Partei"-Kandidaten selbst, die Sprüche denken sie sich ohne Agentur aus. Das einzige Sponsoring, das sie von Firmen erhielten, seien ab und zu ein paar Kisten Bier von einer Brauerei, sagt Bruckner. Er leitet eine Firma, die unter anderem die Info-Bildschirme in den S-Bahnhöfen mit Inhalt füllt, und schreibt für verschiedene Blogs.

Als Jugendlicher war Bruckner Mitglied der Schüler Union, einer CSU-nahen Organisation, die Anfang der Siebzigerjahre gegründet wurde. Doch weil es ihm komisch vorgekommen sei, dass die CSUler damals selbst die SPD als einen Haufen Linksradikaler einstuften, trat er wieder aus. 30 Jahre lang, bis zu seinem 50. Geburtstag, engagierte er sich danach nicht mehr in der Politik. Dann sah er in Martin Sonneborns Satire-Magazin Titanic einen Aufruf, in Bayern einen Landesverband der Partei zu gründen. "München muss wieder Stadt der Bewegung werden", stand über einem Foto, das zeigte, wie Hitler neben Soldaten durch München marschierte.

"Gescheite Oppositionsarbeit" und Vertretung der Nichtwähler

Wenn er in den Landtag oder in den Bezirkstag gewählt würde, sagt Bruckner, würde er sich für mehr Wohnungsbau einsetzen. Und für Handy-Abteile in der Münchner U-Bahn, damit sich die Telefonierer bloß noch gegenseitig belästigen. "Vor allem aber würde ich eine gescheite Oppositionsarbeit machen." Er würde den Menschen näherbringen wollen, was der Bezirkstag macht, und sich an der CSU reiben.

Was die konkreten Ziele betrifft, haben manche seiner Parteikollegen allerdings eine andere Meinung. Marie Burneleit, 39, Kandidatin im Münchner Osten, sagt, sie sehe "Die Partei" als eine Vertretung der Nichtwähler: "Ihre Stimmen tauchen ja sonst nirgends auf." An den bestehenden Verhältnissen, wie die anderen Parteien in den Landtag einziehen, wie viel Geld sie bekommen und wie viel Macht sie haben, ändere sich nichts, egal wie viele Menschen so unzufrieden sind, dass sie am Wahlsonntag zu Hause bleiben. Durch Stimmen für "Die Partei" werde ihr Unmut jedoch sichtbar.

Um konkret etwas umzusetzen, sagt auch Lukas Reindl, 26, der bei der Landtagswahl am 14. Oktober im Stimmkreis Schwabing antritt, sei seine Partei wohl die falsche. Sie wolle stören, auf Schwachstellen hinweisen. Eine Idee konkret für München hat Marie Burneleit dann aber doch: Ein Hanffeld auf der Theresienwiese mit einem jährlich Cannabis-Festival. "In 100 Jahren ist das dann das neue Oktoberfest", sagt sie. "Und die Bayern mögen doch Traditionen."

© SZ vom 01.10.2018

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