Landtagswahl-Direktkandidaten (I):Mit Radl, Muskeln, Eisbachwelle

Lesezeit: 5 min

Die SPD setzt auf ein neues Gesicht, die CSU auf ihren starken Mann und die Grünen zeigen Muskeln -die Direktkandidaten des Stimmkreis 108 Schwabing.

Jan Bielicki

Es gibt noch Türen, die sich mit der Buchstabenkombination SPD öffnen lassen. Eben noch hat Isabell Zacharias vergeblich an der Klinke gerüttelt, die den Weg zu den Briefkästen des Wohnblocks versperrt. Da lehnt sich ein Mann aus einem Fenster des zweiten Stocks. "Wir kommen von der SPD", ruft Isabell Zacharias hinauf. "Dann ist es ja gut", tönt es herunter, "ich dachte schon, ihr wärt von der Kripo." Der Kopf verschwindet, der Türöffner summt.

Landtagswahl-Direktkandidaten (I): Die Neue im Gäu: SPD-Kandidatin Isabell Zacharias sucht potentielle Wähler auf dem Odeonsplatz.

Die Neue im Gäu: SPD-Kandidatin Isabell Zacharias sucht potentielle Wähler auf dem Odeonsplatz.

(Foto: Foto: Schellnegger)

An diesem Morgen klappert Zacharias die Wohnanlage an der Neuchinger Straße ab, in der Alten Heide, einer traditionellen Hochburg der Sozialdemokraten. In den Wahllokalen der Umgebung hat die SPD noch bei der Kommunalwahl im März mehr als die Hälfte aller Wählerstimmen abgeräumt. Hier muss Zacharias die Leute bei der Landtagswahl an die Urnen bringen, will sie ihr ehrgeiziges Ziel erreichen.

"Natürlich", sagt sie, "will ich das Direktmandat gewinnen." Deshalb klingelt sie an allen Türen und steckt eine Postkarte in jeden Briefkasten: "Ich war da", steht da und das Gesicht der Kandidatin mit der roten Balkenbrille lächelt vom Foto. Die Wähler können die Karte mit Anregungen an die Kandidatin zurücksenden - und sie tun das auch. Manche freilich, erzählt sie, "schimpfen nur, ob ich den Aufkleber ,Keine Werbung nicht lesen könnte".

Mühseliger Klingelputz-Wahlkampf

Mühselig ist der Klingelputz-Wahlkampf. "Ich bin die Neue im Gäu", sagt Isabell Zacharias. Zwölf Prozentpunkte Vorsprung hat ihr Gegenkandidat Ludwig Spaenle von der CSU vor fünf Jahren vor der damaligen SPD-Bewerberin Monica Lochner-Fischer herausgeholt. Dabei gehört München-Schwabing zu den ganz wenigen Stimmkreisen, in denen es sogar beim landesweiten CSU-Triumph von 2003 noch eine rot-grüne Stimmenmehrheit gab - die sich die SPD freilich mit Margarete Bause teilen musste, der Chefin der grünen Landtagsfraktion.

Jetzt soll Zacharias mehr machen aus dem Stimmkreis, der sich von Freimann über Schwabing nach Neuhausen über viele, vor Jahren noch sozialdemokratische Kerngebiete streckt. Vor acht Jahren ist sie nach München gekommen. Die heute 43-Jährige stammt aus einer Gegend, wie sie norddeutscher nicht sein könnte. Der Bauernhof ihrer Eltern stand in den Marschen Nordfrieslands. Und sie hat ihren Meisterbrief in ländlicher Hauswirtschaftslehre gemacht. Später studierte sie Ernährungswissenschaften, heiratete, bekam zwei Töchter und folgte ihrem Mann nach München, den es beruflich in den Süden verschlug. Sie fühlt sich längst angekommen in München-Schwabing, "obwohl ich vielen hier noch viel zu schnell rede".

Schnell redet sie in der Tat, und schnell macht sie auch Politik. Erst in München ist sie in die SPD eingetreten, obwohl "ich eigentlich immer politisch war". Bekannt geworden ist sie durch ihr Engagement in den Schulen. Als Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands - ein reines Ehrenamt, und doch "ein 60-Stunden-Job" - hat sie sich nicht nur reichlich "bildungspolitisches Tiefenwissen" und "ein großes Netzwerk" erworben, wie sie sagt, sie war auch immer gut für deutlich formulierte Kritik an freistaatlicher Bildungspolitik.

Darüber, wie eine dem Bedarf der Schüler flexibel angepasste, dezentral gesteuerte Schule aussehen soll, kann sie viel sagen - und vieles schnell. "Im Landtag kann ich damit voll loslegen", ist sie überzeugt. "Ich bin jemand, der machen will", sagt Zacharias, die sich durchaus als links sieht innerhalb der Sozialdemokraten, allerdings auch als pragmatisch: "Ich persönlich bin ein Mensch, der die Macht will."

Fahrradtour durch den Stimmkreis

Darin tickt sie durchaus ähnlich wie ihre beiden Gegenkandidaten. Wie die Vielfahrradfahrerin Zacharias hat sich auch Ludwig Spaenle aufs Fahrrad geschwungen und tourt so durch seinen Stimmkreis. Der 47-Jährige hat bewiesen, dass er sich durchsetzen kann, nicht nur in einem Stimmkreis, der, wie er stolz vermerkt, "strukturell für die CSU eigentlich schwer zu gewinnen ist". Auch in der Partei hat der gelernte Fernsehredakteur enorm an Gewicht gewonnen, seit er jene christsoziale Gruppe anführte, die den einstigen, doch bald von Skandalen umwölkten Parteiliebling Monika Hohlmeier erst von der Stadtparteispitze und dann auch aus dem Ministeramt drängte.

Seither gilt der auch äußerlich durchaus wuchtige Spaenle als starker Mann in der München-CSU, und dass er weiteren Ehrgeiz hat, ist spürbar. Da streift er sich ein T-Shirt mit der Aufschrift "Retter der Eisbachwelle" über und versichert, dass er sich des Anliegens der Surfer, weiter mit Brett in den Eisbach springen zu dürfen, annehmen werde -"in welcher Funktion auch immer". Soll heißen: womöglich von einem Posten im Kabinett aus.

Derzeit leitet der ehemalige Theologiestudent und promovierte Historiker den Hochschulausschuss des Landtages, und schon das ist eine Funktion, die nahezu perfekt auf den eigenen Stimmkreis zugeschnitten ist. Beide Universitäten liegen hier, die Fachhochschule, die Filmhochschule, die Kunstakademie, viele staatliche Museen - "ich habe hier alles bei mir", sagt er. Spaenle ist einer, der sich für Kultur und Stadtplanung interessiert und demonstrativ vor den Pinakotheken für eine großzügige Umplanung des Museumsviertels eintritt - auch wenn gerade weit und breit keine Wähler an den Infostand kommen, sondern Touristen vorbeihasten. Aber es sind auch solche Themen, die Spaenle als einen Exponenten jener "liberalen Großstadtpartei" erscheinen lassen, zu der die München-CSU so gerne werden möchte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB