Landtagswahl in Bayern Im Stimmkreis Giesing kehren sich die Parteiklischees um

Geht um es um den Zuzug, sagt Lorenz, München müsse weltoffen bleiben. Es wäre ihm aber auch Recht, wenn der Run auf die Stadt kleiner werden würde. Er zum Beispiel kam damals von Mühldorf am Inn. Heute wäre es "am besten, wenn Leute aus Mühldorf oder Altötting nicht auch noch herziehen." Zum Studieren sei auch Bayreuth schön - "und nicht jeder Hamburger hat das Recht auf ein Studium in München." Lorenz selbst wohnt nicht weit vom Flaucher entfernt, in Sendling. Im Gegensatz zu manch anderer Kandidatin "kandidiere ich aus dem Stimmkreis für den Stimmkreis", schiebt er nach. Eine Anspielung auf Gülseren Demirel, die in der Isarvorstadt lebt. Dort tritt allerdings schon der Spitzenkandidat der Grünen an.

Und so steht Gülseren Demirel nun also im Grünspitz in Giesing, ihrem liebsten Ort im Stimmkreis, gerade hat es zu regnen aufgehört. Sie zieht die Jacke zu, der Boden ist noch nass. Sie kenne das Viertel gut, sagt Demirel, von ihren zehn Jahren im Stadtrat. Sie schlägt ein Café gleich um die Ecke vor. Nicht weit entfernt liegt eines von Demirels Wahlplakaten umgeworfen am Boden, durchnässt vom Regen. Es ist nicht das erste. Im Stimmkreis steht Demirel wie keine andere Kandidatin für eine offene Stadt. Sie nimmt in dem kleinen Café mit Bäckertheke Platz, vor dem Fenster die Tegernseer Landstraße - erst neulich hatte sie dort gezielt junge Leute mit Migrationshintergrund zum Dinner ins Grünspitz eingeladen. Die seien dann auch gekommen. Demirel ärgert, dass selbst in ihrer Partei noch immer kaum Mitglieder mit Migrationshintergrund zu finden sind.

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Es gehe ihr darum, dass in München alle gut leben können, unabhängig von ihrer Nation, unabhängig von ihrem Einkommen - im Landtag will sie sich wie zuvor im Stadtrat für bezahlbare Mieten einsetzen. Die meisten Parteien haben sich das Wohnen ins Programm geschrieben; Andreas Lorenz von der CSU zum Beispiel verweist auf die bis zu 1000 Wohnungen, die Ministerpräsident Markus Söder auf dem Geländer der alten McGraw Kaserne in Obergiesing versprochen hat. Demirel fordert eine schärfere Mietpreisbremse, längere Preisbindungen von Sozialwohnungen. Es sei eine Unverschämtheit, dass in dieser reichen Stadt eine Rentnerin Zeitungen austragen müsse, um ihre Miete zu bezahlen. Warum sie nie in die SPD eingetreten sei? Demirel lacht. Weil ihr Feminismus wichtig sei, weil die SPD ihr zu sehr auf den Arbeiter ausgerichtet war - aber genauso gut könne man von Brunn von der SPD fragen, warum er nicht zu den Grünen gegangen ist.

Im Stimmkreis Giesing kehren sich die Parteiklischees um: Während die Grünen-Politikerin Demirel auf soziale Themen setzt, wirbt von Brunn vor allem mit Verkehr und Umwelt. "Nur ein Baum kann die Temperatur in einem Hof um acht Grad senken", sagt er am Harras, im Bushäuschen - das ist zwar nicht einer seiner liebsten Orte im Stimmkreis, aber der passe zu seiner Politik. Vorne auf der Brücke fährt die S-Bahn vorbei, die müsse endlich besser ausgebaut werden, sagt er, bis dahin sollte es längere Züge geben. Wenn die Menschen keine gute Alternative hätten, ließen sie das Auto nie stehen.

Florian von Brunn sperrt sein Fahrrad ab, vom Harras ist es jetzt nicht weit in sein Bürgerbüro. Dort sind die Scheiben in den Fenstern wieder ganz, im Mai hatten Unbekannte Steine geworfen. Es gab ein angebliches Bekennerschreiben aus der linken Szene, noch aber hat die Polizei die Täter nicht gefunden. Drinnen auf dem Tisch steht der Spezialkleister für die Plakate, 200 Gramm, auch rote Päckchen mit Blumensamen. Schon seine Urgroßtante sei für die SPD im Reichstag gesessen, sagt von Brunn, angeblich ist sie zu Sitzungen der Partei in Männerkleidung erschienen. Und, Herr von Brunn, warum sind Sie kein Grüner? Er sei wegen der Verbindung von Umwelt und sozialer Gerechtigkeit in die SPD eingetreten, sagt er - und sehe das zunehmend bürgerlich-konservative Publikum der Grünen skeptisch. Dem fehle es manchmal an sozialer Sensibilität.

Schräg gegenüber des Büros liegt ein winziges Café, dort geht von Brunn oft hin - das ist einer seiner liebsten Orte im Stimmkreis. Von Brunn öffnet die Türe, die Inhaberin des Café Kreislauf kennt ihn schon, diesmal aber sagt sie: "Dich habe ich lange nicht gesehen." Florian von Brunn nickt. Wahlkampf.

Die Direktkandidaten im Stimmkreis 103 München – Giesing

Andreas Lorenz (CSU): Der 47-jährige Kaufmann war früher Stadtrat und sitzt seit 2008 im Landtag.

Florian von Brunn (SPD): Der 49-jährige Historiker und IT-Berater ist seit 2013 Mitglied des Landtags.

Michael Piazolo (Freie Wähler): Der 58-jährige Hochschulprofessor sitzt seit 2013 im Landtag.

Gülseren Demirel (Grüne): Die 53-jährige Sozialpädagogin ist seit 2008 Stadträtin.

Julika Sandt (FDP): Die 46-jährige Kommunikationsberaterin saß von 2008 bis 2013 im Landtag.

Renate Cullmann-Reder (Linke): Die 69-jährige Buchhändlerin engagiert sich in einer Mieterinitiative.

Johann Altmann (Bayernpartei): Der Polizeibeamte im Ruhestand, Jahrgang 1954, sitzt seit 2002 im Stadtrat. Zuerst für die CSU, dann für die Freien Wähler, seit 2016 für die Bayernpartei.

Gwendolyn Böhm (ÖDP): Die 44-jährige Ärztin will sich vor allem für Gesundheitsthemen einsetzen.

Uli Henkel (AfD): Der 63-jährige Jurist arbeitet als selbständiger Unternehmensberater.

Harald Faust (Mut): Der 53-jährige Privatier will sich für eine weltoffene Stadt engagieren.

Gerd Bruckner (Die Partei): Der Kaufmann, Jahrgang 1958, ist Kreisvorsitzender für München Stadt.

Stephanie Weiser (Tierschutzpartei): Die Marketingleiterin, Jahrgang 1979, will Massentierhaltung abschaffen.

Henrik Lange (V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer): Der 39-jährige IT-Berater ist Mitglied im Bundesvorstand der Partei.