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Musikalische Weltreise:"Passt's auf d' Erd auf"

Doro Heckelsmüller reiste mit ihrer Harfe um die Welt

Doro Heckelsmüller reiste mit ihrer Harfe um die Welt und will mit Musik erreichen, dass die Menschen besser auf die Erde aufpassen.

(Foto: Andreas Winter, privat (2), Adobe Stock)

Doro Heckelsmüller trat im Hardrockcafé in Singapur auf und spielte Harfe auf der Chinesischen Mauer. Nun will die Musiktherapeutin die Menschen zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und der Welt ermuntern.

Von Anna Heun

Vor vier Jahren, sagt Doro Heckelsmüller, habe es ihr einfach gereicht. Das Insektensterben, die Regenwaldrodungen - sie konnte all das nicht mehr hören. "Es ist doch ein Witz, schon in den Neunzigerjahren haben wir Joghurt-Becher gesammelt, nichts hat sich geändert." Sie färbte weißen Stoff, den sie daheim hatte, sie nähte aus dem Stoff lange, schmale Fahnen, sie schrieb darauf das Wort "weltbewusst", auf die andere schrieb sie mit Stoffbuchstaben "hier und jetzt" und stellte sich damit, ein gutes halbes Jahr vor Greta, sechs Samstage hintereinander auf den Marktplatz in Landsberg am Lech, wo sie wohnt.

Hervorgegangen ist aus ihrem leisen Protest letztlich eine Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie, zum einen. Zum anderen gründete dann Doro Heckelsmüller selbst kurz drauf die Initiative "Singing Planet", die die Leute ermuntern will zu einem achtsameren Umgang mit sich selbst und auch mit der Welt - indem alle zusammen singen.

Denn Doro Heckelsmüller ist Musiktherapeutin und Musikerin - und nicht nur musikalisch, sondern auch von ihrem Denken her in der Welt zu Hause. Schon als junges Mädchen, erzählt sie, sei sie fasziniert gewesen vom Jodeln, Musik lernte sie ohnehin von klein auf. "In verschiedenen Chören war ich sowieso." Und als Fünfjährige hatte sie der Oma erklärt, sie wolle einmal die ganze Welt sehen. Genau das hat sie inzwischen, gut vier Jahrzehnte später, auch gemacht, bis auf Australien und Neuseeland hat sie jeden Kontinent bereist. Überall hat sie Lieder gelernt, selbst Musik gemacht und so einige Instrumente gekauft. Sie sagt, sie habe gedacht, dass sie nie sesshaft werden könne. Aber irgendwann verliebte sie sich in diese Altbauwohnung in der Fußgängerzone von Landsberg - und schlug eben doch Wurzeln. Heute lebt sie dort mit Mann und Kind.

Das erste Mal brach Doro Heckelsmüller auf, da war sie grade fertig mit dem Abi. Sie wollte nach Indien und Nepal, und die Freundinnen ihrer Mutter erklären die für verrückt, dass sie ihre Tochter ziehen ließ. "Meine Mutter war ein Freigeist, sie hat mich gelassen", sagt Doro - und lacht ziemlich viel, wenn sie davon erzählt, was sie alles erlebt hat auf dieser ersten großen Reise. Sie arbeitete bei Mutter Teresa und schüttelte ihr sogar einmal die Hand, den Dalai Lama sah sie zumindest aus der Ferne, in der Gegend um Darjeeling bekam sie Hepatitis. Wieder zurück, ging sie nach Holland, um dort die Ausbildung zur Musiktherapeutin zu machen.

Man sitzt noch nicht lang in ihrer Wohnung, man hat die ersten Geschichten erzählt bekommen, dann holt Doro Heckelsmüller die Tiroler Hakenharfe, die im Wohnzimmereck gestanden hatte, und spielt einem ein Lied vor, das sie in der Transsibirischen Eisenbahn geschrieben hat, es gibt den Rhythmus des Zuges vor. Sie hat die Augen geschlossen und grinst vor sich hin. Sie hatte, als sie sich nach der Ausbildung wieder auf die Socken machte, inzwischen Harfe zu spielen gelernt, sie hatte sich selbst eine Hakenharfe mit 35 Saiten gebaut; und genau diese Harfe nahm sie jetzt, weil sie es schade gefunden hätte, erst einmal nicht weiter darauf spielen zu können, mit auf die Reise.

Diesmal ging es erst in die USA, wo ihre Schwester sich gerade aufhielt, wo Doro dann Straßenmusik machte in Philadelphia und in die Zeitung kam, dann kreuz und quer mit dem Greyhound-Ticket durch Kanada, nach San Francisco und Los Angeles, schließlich mit dem Schiff nach Singapur und über Thailand und Laos nach China. Sie sah Schattentheatervorstellungen in Indonesien bis vier Uhr morgens und aß dann mit den anderen Besuchern süße Suppe. Sie trat selbst auf im Hardrockcafé in Singapur, spielte Harfe auf der Chinesischen Mauer und machte mit alten Männern, auch in China, Karawanenmusik. Sie sagt: "Durch die Harfe konnte ich natürlich schneller Kontakte knüpfen", in jeder Jugendherberge spielte sie, wenn sie Lust hatte, am Abend ein wenig Musik. Mit vielen der Leute, die sie unterwegs traf, steht sie noch immer in Verbindung.

Liebend gern zeigt sie einem auch Fotos aus dieser Zeit - das Fotoalbum, eigentlich ein großformatiger Künstlerblock, hat sie in ihrem Musikzimmer schon bereitgelegt. Hier stehen beziehungsweise liegen im Schrank auch die diversen Instrumente, das Angklung aus Indonesien, die tibetischen Becken, die Powwow-Drum aus New Mexico, die sie unterwegs erworben hat und einem jetzt alle erklärt und kurz vorführt, ebenso wie die pentatonisch gestimmte Harfe und die Talking Drum aus Burkina Faso - Errungenschaften einer weiteren Reise auf dem Landweg nach Westafrika, nicht minder abenteuerlich als die anderen Unternehmungen, nur diesmal ohne Harfe im Gepäck.

Wann immer es ging, sagt sie auch, habe sie aufs Fliegen verzichtet und "surface travelling" gemacht, sei also mit Schiff, Bus, Auto gereist. Und so war es auch fast Ehrensache, dass sie, als sie damals in Peking mit der Harfe angekommen war, sich ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn besorgte. Bis Moskau fuhr die, dann stieg Doro Heckelsmüller mit ihrem besonderen Gepäck um in einen Bus, der durchfuhr bis Nürnberg. "An der weißrussischen Grenze standen wir sechs Stunden."

Die Bilder von ihren Reisen hat sie nach Themen eingeklebt, es gibt Doppelseiten, die zeigen Leute beim Drachensteigen lassen, dann verschiedenste Tempel in den verschiedenen Ländern, viele Märkte, viel atemberaubende Natur. Auf einem der Fotos ist Doro Heckelsmüller beim Frühstück zu sehen in irgendeinem Regenwald, sie erzählt, die Affen hätten sich frecherweise auch mit bedient am Tisch, sie sagt: "Ich weiß überhaupt nicht, ob es diesen Regenwald noch gibt."

Schon als sie in Indien und Nepal war, erzählt sie, sei ihr klar geworden, dass "Singen mein Auftrag ist". Sie war zu der Zeit noch keine Musiktherapeutin, aber mit dem Jodeln hatte sie schon angefangen. Inzwischen kann man bei ihr, wenn nicht gerade Corona ist, immer wieder in Kursen diesen "Freudenschrei und Kraftgesang" erlernen. Doro Heckelsmüller sagt: "Das ist voll meins, spät am Nachmittag in den Bergen zu stehen und zum Abendsegen zu jodeln." Sie leitet aber auch viele andere Singgruppen an, mal in einer "Singnacht", mal unter der Überschrift "Sing to be happy".

Ansonsten arbeitet sie ja als Musiktherapeutin in der Erwachsenenpsychiatrie, und mehr oder weniger regelmäßig ist sie auf verschiedenen Bühnen in und um München in verschiedenen Formationen zu erleben. Mal gemeinsam mit einer Geigerin ehrliche "Volxmusik" mit Tango-Anklängen, mal gemeinsam mit einer Kabarettistin lyrisch-musikalisch-theatralische Programme.

Und seitdem sie mit ihren selbst genähten Fahnen auf dem Marktplatz in ihrer Heimatstadt stand, engagiert sie sich zunehmend dafür, dass die Welt, in der wir alle leben, noch eine Weile erhalten bleibt. Mit "Singing Planet", sagt sie, wolle sie "meine Liebe für die Welt" zum Ausdruck bringen. Ein erstes Festival hat sie 2019 organisiert, mit viel gemeinsam gesungenen Liedern, begleitet von verschiedenen Kunstaktionen. Bei einer der Landsberger Kunstnächte konnte man sie erleben, wie sie und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen, weil sie ja einen Stein ins Rollen bringen wollen, eine Riesenkugel aus Weidengeflecht durch die Stadt stupsten, aus der irgendwann ein kleiner, beleuchteter Erdball aufgestiegen ist. Dazu jodelten alle zusammen: "Passt's auf d' Erd auf!"

Doro Heckelsmüller, die vor Kurzem 50 geworden ist - zehnmal so alt, wie sie gewesen ist, als sie ihrer Oma von ihrer Neugierde auf die Welt erzählte -, sagt: "Ich will nichts anprangern." Sie überlegt lang, wie sie ihr Anliegen formulieren könnte. Dann sagt sie, sie wolle die "Spürsinnigkeit der Menschen" aktivieren. Sie glaubt, wir sollten und wir könnten "feiner schwingen", als wir das im Moment tun. Auf dem Flyer von Singing Planet, der eine Erde zeigt, aus der singende Menschen, Tiere, Bäume herauswachsen, steht: "Möge unser Planet weithin erkennbar sein, weil die Vögel, die Wale, die Bäume, das Wasser ... und wir Menschen mit der Vielfalt unserer Stimmen aus vollem Herzen singen!"

© SZ vom 16.03.2021/syn
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