Festival des Labels Hausmusik:Macht halt mit, wer mag

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Festival des Labels Hausmusik: "Ich wollte einmal in meinem Leben eine Schallplatte rausbringen" - Wolfgang Petters hat Visionen.

"Ich wollte einmal in meinem Leben eine Schallplatte rausbringen" - Wolfgang Petters hat Visionen.

(Foto: Ricardo Molina)

Mit seinem Label "Hausmusik" hat Wolfgang Petters der oberbayerischen Subkultur einst eine wichtige Stimme verliehen. Bei der neuen Reihe "Machen" im Stadttheater Landsberg wird es nun ein bisschen retro - aber nicht nur.

Von Martin Pfnür

Was die Euphorie nach einem Konzertabend so alles bewirken kann, lässt sich etwa mit einer Geschichte illustrieren, die sich irgendwo in der Pampa zwischen Franken und Oberbayern zugetragen hat. Es sind die späten Achtziger, als Wolfgang Petters eines Abends mit Freunden von Nürnberg zurück nach Landsberg fährt. Sie kommen von einem Gig der US-Indierock-Band The Feelies, der die Fahrgemeinschaft derart unter Strom gesetzt hat, dass noch während der Autofahrt ein Entschluss gefasst wird. Eine Band wollen sie gründen, ganz unbedingt. Was macht es da schon, dass nur zwei der sechs Involvierten ein Instrument beherrschen.

Man trifft sich in Petters Landsberger Innenstadtwohnung, um sich dort an vier Gitarren, einem Bass und einer Art Impro-Drum-Set mit solcher Ausdauer durch Songs von The Velvet Underground, Neil Young oder den Feelies zu klampfen, dass regelmäßig die Polizei vor der Tür steht. Also Ortswechsel. Im Wechslerhof außerhalb der Stadt, kommen sie in einem Kellerraum unter, hängen sich einen alten Tanzkapellen-Wimpel vom Flohmarkt an die Wand, und übernehmen auch gleich noch den darauf eingestickten Namen. Meist zu sechst, mal auch zu acht oder zehnt, sind sie nun das hausmusikalische Fred-Stocker-Quartett. Doch Petters, der sich bald auch ein Vierspur-Aufnahmegerät zulegt, will noch mehr. "Ich wollte einmal in meinem Leben eine Schallplatte rausbringen", sagt er.

Eine Vision, die nicht jeder aus seiner Combo mitträgt. Doch Petters' Vernetzung ist da schon so weit fortgeschritten, dass er sich sagt: Macht halt mit, wer mag. Und so erscheint im September 1991 als erste Veröffentlichung auf Hausmusik eine Lo-Fi-Compilation, deren undergroundiger Charakter gewiss nicht nur auf den Kellerraum zurückzuführen ist. 17 Leute, verteilt auf 14 mitunter eigens für die Compilation herbeifantasierte Bands entfalten darauf ein wunderbar rumpeliges Flair zwischen Melodie und Krach - darunter auch die beiden Weilheimer Markus und Micha Acher von The Notwist, die hier nicht zum letzten Mal mit Wolfgang Petters als Village of Savoonga lärmexperimentieren.

Die Platten erscheinen in Auflagen von 500 bis 1000 Stück

Es ist der Beginn umtriebiger Jahre, denn bei einer Platte sollte es dann doch nicht bleiben. Stets in kleinen Auflagen von 500 bis 1000 Stück, stets mit liebevoll in Eigenarbeit gestaltetem und gefaltetem Artwork vom Siebdruck bis zur Pop-up-Fledermaus versehen, veröffentlichen Petters und sein Team fortan Musik, die kaum einer kennt. Petters selbst spricht von einer "experimentellen Spielwiese, auf der jeder machen kann, was er oder sie will".

Von Beliebigkeit kann dennoch nicht die Rede sein, dafür sind Petters' Sensoren zu ausgeprägt. Ist er einerseits Geburtshelfer für Indietronic-Acts wie Lali Puna oder das Tied & Tickled Trio, die um The Notwist herum aufploppen, so ist da andererseits auch dieses feine Gespür für die Americana. Der große Songwriter-Kauz Will Oldham, der knarzstimmige Bill Callahan oder die Tex-Mex-Spezialisten Calexico, alle haben sie vor ihrem Durchbruch bei Hausmusik veröffentlicht - Calexico sogar ihr Debütalbum.

Umso bitterer, dass der mp3-bedingte Absturz der Musikindustrie 2007 auch Hausmusik mit in den Abgrund reißt. Petters erzählt von Tausenden Platten, die wieder zurückkommen, von einem Vergleich, der ihn vor der Insolvenz bewahrt, und vom Finanzamt, das ihn nicht aus dem Geschäft rauslässt, weil sonst horrende Steuernachzahlungen fällig gewesen wären. Also macht er weiter. Erst mit dem Plattenladen "Hausmunik" in München. Dann per Mailorder, um hier und da Projekte alter Freunde wie Carl Oesterhelt ("Carlo Fashion") oder Klaus Patzak ("Broken Radio") rauszubringen.

Musste er die Feierlichkeiten zum 30-Jährigen letztes Jahr noch aufgrund der Pandemie absagen, so blickt er nun zusammen mit Marion Epp, die seit jeher das Hausmusik-Artwork verantwortet, gleichsam nach vorne und zurück. Schlicht "Machen" nennen sie ihre neue Reihe, die halbjährlich im Landsberger Stadttheater stattfinden soll. Eine reine Retro-Veranstaltung wollten sie vermeiden, sagt Petters, aber ein bisschen retro darf es mit einer Cover- und Tourplakat-Ausstellung sowie der Vorführung von Ricardo Molinas Doku "Hausmusik - ein Film über musikalische Selbstermächtigung" natürlich schon sein. Dafür stehen ja mit den Release-Konzerten zu den neuen Hausmusik-Alben von Mathias Götz alias "Le Millipede" und Petters langjährigem Solo-Projekt "A Million Mercies" gleich zwei groß gedachte Premieren an, die unterstreichen dürften, dass dieses feine kleine Label auch nach 31 Jahren nichts von seinem Zauber verloren hat.

Machen 1, Freitag, 25. Nov., 19 Uhr, und Samstag, 26. Nov., 17 Uhr, Stadttheater Landsberg, Schlossergasse 381a, www.stadttheater-landsberg.de

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