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Landrat:Ein neuer Name für den Kreis

Josef Niedermaier erklärt, welche Bezeichnung besser wäre, warum Wolfratshausen und Geretsried zusammenwachsen und Orte sich verändern müssen.

Der Kreis ist schön, aber er gerät unter Druck: Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) nimmt bemerkenswert offen Stellung zur SZ-Umfrage und den Streitfragen - warum etwa Münsing und Icking mehr Wohnungen brauchen, Gemeinden viel dichter und höher bauen und Senioren auf kleinerem Fuß leben sollten. Der Landrat erklärt, wann weniger Naturschutz mehr wäre, was ihn am Namen des Kreises stört - und warum er keinen Konflikt zwischen Nord und Süd sieht.

Herr Niedermaier, in der SZ-Umfrage erklärt jeder zweite Teilnehmer aus dem Landkreis, dass er es liebt, hier zu wohnen, vor allem wegen der Natur. Kein anderer Landkreis schneidet so gut ab. Was sind Ihre Lieblingsplätze?

Soll ich die verraten? Es gibt schon so ein paar Kraftorte, den Kalvarienberg in Tölz zum Beispiel. Wenn man da vor der Kirche sitzt und hinunter schaut, dann ist nach fünf Minuten vieles wieder in Ordnung. Da kann ich von daheim aus zu Fuß hingehen, das ist ein Ort, den ich sehr oft aufsuche. Da war ich schon als Kind, ich bin dahinter aufgewachsen. Im Sommer wie im Winter ist mir der Blomberg wichtig. Da stehst du oben und siehst den ganzen Landkreis. Und an schönen Tagen nehme ich einfach das Fahrrad und fahr' an der Isar entlang. Das letzte Mal bin ich bis nach Freising gefahren, weil es so schön war. Dann setze ich mich in den Zug und fahre wieder heim.

Die Berge locken viele Mountainbiker, die Seen die Sonnenanbeter und die Isar die Schlauchbootfahrer. Die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer stört das. Wie kann man den Andrang in den Griff bekommen?

Da werden wir um Einschränkungen nicht ganz herumkommen. Die Isar ist ein Wildfluss, den kann man sportlich nutzen und freizeitmäßig - und viele missbrauchen das. Wir probieren es jetzt mit einer Bootsverordnung. Die Diskussion wird interessant, aber wir müssen uns wegen unserer Landschaft dieser Diskussion stellen.

Wie schaut es mit den Mountainbikern aus? Das Landratsamt lässt derzeit eine Machbarkeitsstudie erstellen.

Da gibt es bereits ein von Tölzer Land erstelltes touristisches Wegeangebot. Das funktioniert nicht auf der Basis von Verboten, sondern von Geboten. Mit Schildern wie: "Hier wird zu Fuß gegangen." Die Gemeinde Jachenau ist hier Vorreiter und hat ein Konzept erstellt. Das könnte Muster für den Landkreis werden. Im Norden macht der Isartalverein ganz viel. Das Gute ist, dass viel über Ehrenamtliche läuft, aber in der Verantwortung steht natürlich jeder, und damit auch der Landkreis.

Der Kreis ist auch bei Zuzüglern beliebt. Die Bevölkerung soll in nicht einmal zwei Jahrzehnten um zehn Prozent wachsen, also um 12 000 Einwohner. Wie soll der Wohnraum geschaffen werden und wie sollen die Ortsbilder gewahrt bleiben, die laut Umfrage so viele Bürger schätzen?

Die Ortsbilder werden sich ändern müssen. Die Architektur hat sich über die Jahrhunderte oft gewandelt, genau wie die Bedürfnisse. Die Wohnform mit Satteldach ist nicht unbedingt raumsparend, wir werden nicht immer weiter so bauen können. Mit einem Pultdach kann man mit viel weniger Baumasse viel mehr Wohnraum schaffen. Wir müssen dichter und höher bauen, aber so, dass es einigermaßen generationengerecht bleibt. Beispiel Münsing am Milchhäusl: Das ist der helle Wahnsinn. Da schafft die Gemeinde zwölf Wohnungen und wird rundherum beklagt. Mitten im Ortszentrum. Wenn nicht da, wo sonst? Aber wir haben nicht so wenig Wohnraum. Ich weiß, ich spreche einen wunden Punkt an. Aber es wohnen manchmal die verkehrten Leute darin, wenn zwei ältere Menschen noch auf 160 Quadratmetern leben. Zu zweit! Da nehme ich meine Familie gar nicht aus. Das ist vergeudeter Wohnraum. Es gibt so viele Familien, die den perfekt brauchen könnten, oft auch in der eigenen Familie!

"Nach fünf Minuten ist vieles wieder in Ordnung": Wenn Landrat Josef Niedermaier abschalten will, blickt er vom Kalvarienberg auf Bad Tölz.

(Foto: Manfred Neubauer)

Aber wie wollen Sie das alte Ehepaar aus dem Haus bekommen?

Mir steht nicht zu, das zu kritisieren. Ich sage nur: Uns muss bewusst werden, so kann es nicht weitergehen.

Drohen hier Münchner Verhältnisse?

Ich bin mir sicher, es gibt Bauformen, die den Charakter unserer Dörfer erhalten können. Aber wenn ich die Bauformen so lasse, dann wird es irgendwann ein Museum, dann leben nur noch die alten Leute dort. Die Dörfer werden sich verändern. Ich sage das in jeder Bürgerversammlung. Je näher an München, umso mehr werden sie sich verändern müssen - auch das traditionelle Icking mit lauter großen Villen. Sonst bekommen wir dort ein Hollywood, und das wollen die Ickinger doch auch nicht. Aber dann müsste man auch Entwicklungen zulassen und etwa auch mal auf einer Wiese Wohnungen errichten und Möglichkeiten suchen, dass diejenigen zum Zug kommen die jetzt keine Chance auf eigenen Wohnraum haben. In Egling hat sich praktisch noch in der Bürgerversammlung eine Initiative gegen ein neues Wohnprojekt gegründet. Ich weiß, dass meine Aussagen einen Riesenrummel geben. Aber die Diskussion muss geführt werden.

Auch ein anderes Thema treibt die Leute um. Der Landkreis ist erst 1972 aus den Altlandkreisen Bad Tölz und Wolfratshausen entstanden. Nur die Hälfte der Befragten ist der Meinung, beide Teile seien seitdem zusammengewachsen.

Da bin ich überzeugt, dass die Realität anders ist. Im täglichen Leben ist das kein Thema. In der Politik kommt es ab und zu noch und dann wird es medial aufgekocht. Aber in der täglichen Arbeit habe ich das in den vergangenen Jahren das erste Mal wieder bei der Entscheidung über die Geburtshilfen in Bad Tölz und Wolfratshausen erlebt.

Aber die Lebenswelten unterscheiden sich doch?

Der Süden hat sich wirtschaftlich gemausert in den vergangenen 20 Jahren. Früher gab es rein touristische Arbeitsplätze und vielleicht noch ein bissl Handwerk. Jetzt gibt es da hoch spezialisierte Firmen, die weltmarktfähig sind. Das hat sich viel ausgeglichen, der Norden hat seine Stärken und der Süden auch, im Grunde wissen doch fast alle, dass einer es ohne den anderen schwerer hätte. Das größere Thema, das mich politisch bewegt, sind momentan die Nickligkeiten im Mittelzentrum, also Wolfratshausen und Geretsried. Das ist ein viel größeres Problem für eine gemeinsame Landkreis-Entwicklung.

Warum?

Da will ich mich jetzt nicht zu viel einmischen. Aber wenn sie gemeinsame Sache machen, kann jeder mit seinem Pfund wuchern. Wolfratshausen hat eine Altstadt, die entwicklungsfähig ist, die Charme hat - wenn auch nicht an allen Ecken, die aber ausbaufähig ist. Aber die Stadt hat keine Flächen, um sich zu entwickeln. Geretsried hat die Dynamik. Wenn man beide Teile zusammenfügt, dann ist Fläche da, dann ist Historie da, dann ist Landschaft da....

Wie müssen Wolfratshausen und Geretsried zusammenwachsen?

Das ist visionär und diese These ist gewagt - aber am besten komplett. Es ergäbe ein Zentrum fast von der Größe Rosenheims und das mit eigener Geschichte und Identität im Süden Münchens. Wenn es Synergien geben soll, dann muss immer irgendjemand auf irgendwas verzichten, nur dann entsteht Dynamik. So ein Zentrum hätte insgesamt positive Effekte auf den gesamten Landkreis, auch auf den Süden und Bad Tölz. Da wäre enorme wirtschaftliche Stärke und zusätzlich erlebenswerte Natur und Landschaft. Das haben unsere Vorväter schon gut überlegt. Die hätten ja auch den Süden von Miesbach mit dem Altlandkreis Bad Tölz zusammenlegen können und Wolfratshausen mit Sauerlach und Holzkirchen. Dann hätte es aber gewaltige Unterschiede und Strukturprobleme gegeben. Diese Verschiedenheit zusammenzubringen, war nicht so dumm.

Gibt es eine Landkreis-Identität? Oder eine im Norden und eine im Süden? Die WOR-Kennzeichen wurden seit ihrer Einführung 12 000 Mal beantragt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Braucht es so etwas wie eine Landkreis-Identität? Haben wir eine?

Die Jüngeren interessiert eine Kreisgrenze nicht, die wundern sich, dass Penzberg nicht zu unserem Landkreis gehört. Bei Landkreisen gibt es dieses Wir-Gefühl nicht in dem Maße wie bei Gemeinden. Und bei Bindestrich-Landkreisen von Haus aus nicht. Wenn es einen Fehler in der Gebietsreform gab, dann diese Bindestriche zu machen - Bad Tölz-Wolfratshausen. Es muss und sollte bei Veränderung doch etwas Neues entstehen, sonst wird man immer an dem Alten festhalten. Und wenn das im Namen auch noch zementiert ist, war es aus heutiger Sicht nicht die beste Lösung, das zu machen.

Ist das mit der Wiedereinführung des alten WOR-Kennzeichens nicht noch verstärkt worden? Die Bürger haben es in den vergangenen vier Jahren fast 12 000 Mal beantragt.

In Landkreisen ohne Bindestrich-Namen ist das alles kein Thema. Im Oberallgäu haben sie einen neuen Namen bekommen und OA als Kennzeichen. Das für Sonthofen gibt es nicht mehr. Und beim Eishockeyspiel gegen Tölz sangen die Sonthofener Fans "Wir sind Oberallgäu".

Was wäre Ihr Vorschlag für einen neuen Namen für den Landkreis?

Ein neuer Name steht ja nicht zur Debatte. Aber mein Vorschlag wäre Münchner Oberland. Auch wenn jetzt viele bei "Münchner" schlucken. Ich sage bewusst: Münchner Oberland. Ein Name sollte schnell zu verorten sein. Und da ist München natürlich überregional unser Markenkern. Wir wollen den Namen in der Region bereits im wirtschaftlichen Bereich implementieren. München hat eine Strahlkraft und ist für uns wichtig. Wenn es wieder eine Gebietsreform gibt, dann werden wie in anderen Bundesländern die Doppelnamen verschwinden.

Könnte eine bessere Verbindung zwischen Nord und Süd nicht helfen? Zwei von drei Teilnehmern der SZ-Umfrage fordern eine bessere Anbindung per Straße, Bus und womöglich Bahn zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz.

Das wäre alles schön. Aber eine Bahnverbindung wird es nach heutigem Stand nicht geben. Im Landkreis stehen knapp 60 Prozent der Flächen unter Schutz. Darum sind ja auch so viele Leute gerne bei uns. Eines der wesentlichen Schutzgebiete ist die Isar. Wenn man die S-Bahn dann von Geretsried nach Tölz verlängern wollte, müsste man irgendwo über die Isar. Das wäre: Wünsch Dir was! Es wird nur mit Bussen gehen. Wenn die S-Bahn nach Geretsried kommt, wird unser ganzes Bussystem neu auf die S-Bahn ausgerichtet. Natürlich muss dann auch die Taktung zwischen Wolfratshausen und Tölz besser werden.

Dann bleibt der Verkehr auf der Straße. Nach der Umfrage ist der Landkreis schon jetzt der mit den meisten Autofahrern und den wenigsten Nahverkehrsnutzern im gesamten Münchner Umland.

Der Süden ist nun einmal dünner besiedelt, da bleibt nur das Auto als Hauptverkehrsmittel. Im Kreis wurden immer wieder Buslinien ertüchtigt, dann hat man die Passagiere gezählt, und dann waren 20 Prozent als Geisterbusse gefahren. Individuelle Mobilität ist in unserer heutigen Gesellschaft extrem wichtig. Die kann der Nahverkehr in München bieten mit einem Fünfminutentakt. Aber die werden wir in einem Flächenlandkreis wie dem unsrigen nicht hinbringen. Da ist ein Zweistundentakt schon ein Luxus. Was wir aber bräuchten, wären Tangentialachsen - also Querverbindungen, am besten per Schiene etwa von Bad Tölz nach Penzberg und weiter nach Weilheim. Auch im Norden wäre eine Tangentialachse zwischen Wolfratshausen und Oberhaching eine super Sache. Da gibt es jetzt nicht einmal eine Busverbindung. Wenn es diese beiden Tangentialachsen gäbe, wäre der Nahverkehr viel flexibler und besser aufgestellt. Da müssen wir aber immer über die Isar und dann gibt es wieder das Thema mit dem Schutzgebiet Isar.

Muss der Naturschutz gelockert werden?

Ich würde die Regelungen nicht grundsätzlich lockern. Es gibt in diesen fachlichen Abwägungen immer bestimmte Schutzgüter - zum Beispiel bestimmte Tierarten oder Pflanzen. Aber auch bestimmte Bedürfnisse des Menschen wären aus meiner Sicht ein Schutzgut. Da müsste man auch einmal abwägen können, ob solche Projekte möglich sind, wenn sie von überregionaler Bedeutung sind.