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Zwangsarbeiter in Unterschleißheim:Mahnung in Zartblau

Denkmal Flachsröste. Siegerentwurf aus dem Wettbewerb zum Denkmal für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter der Flachsröste Lohhof, Unterschleißheim

Bürgermeister Christoph Böck stellte mit Künstlerin Kirsten Zeitz das Mahnmal vor.

(Foto: Florian Peljak)

Stauden-Lein und Stahlplatten mit 462 Namen sollen an die Zwangsarbeiter der Lohhofer Flachsröste während der NS-Zeit erinnern. Der Siegerentwurf für das Denkmal stammt von der Münchner Künstlerin Kirsten Zeitz.

Kirsten Zeitz wird in nächster Zeit viel zu hämmern haben. Die Künstlerin will 462 Namen in Stahlplatten stanzen, die einst den Weg zum "Denkmal Flachsröste für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter der Flachsröste Lohhof" säumen werden. Die Stadt hat am Dienstag ihren Siegerentwurf für das Denkmal vorgestellt, der im ersten Halbjahr 2020 umgesetzt werden soll und dessen Realisierung die Stadt sich 45 000 Euro kosten lässt. Neben dem Weg sieht der Entwurf acht Stelen auf Betonsockeln vor, die jeweils das Konterfei von zwei Personen zeigen, umgeben von einem blauen Meer von Stauden-Lein.

Sie sollen auf das Schicksal der Zwangsarbeiter aufmerksam machen, die im Nazi-Regime unter menschenverachtenden Bedingungen Flachs im Unterschleißheimer Ortsteil Lohhof bearbeiten mussten.

Das Konzept stammt von dem Historiker Maximilian Strnad. Er verfolgt damit nach eigenen Worten zwei Ziele: Historische Orte sollen wieder sichtbar gemacht und die Stadtgesellschaft in den Prozess einbezogen werden. In der Lohhofer Flachsröste, die 1937 gebaut wurde mit dem Ziel, das Reich unabhängiger von Importen zu machen, wurden in den Vierzigerjahren viele Zwangsarbeiter eingesetzt. Es waren Strnad zufolge hauptsächlich jüdische Frauen aus München und Umgebung, aber auch Frauen und Männer aus Polen und der Ukraine. Viele wurden später in Vernichtungslager deportiert. "Es geht um die individuelle Erinnerung an die Verfolgten", sagte Strnad.

Unterschleißheims Bürgermeister Christoph Böck schätzt nach eigenen Worten, dass höchstens zehn Prozent der Unterschleißheimer von der Flachsröste wüssten. Selbst im Geschichtsleistungskurs am Carl-Orff-Gymnasium sei die Flachsröste zu seiner Zeit kein Thema gewesen. Damit sich das ändert, hat Kirsten Zeitz einen Weg der Erinnerung gestaltet. Die Künstlerin, die an der Münchner Akademie der Bildenden Künste studierte, hat einen besonderen Zugang zur Thematik: "Mich interessieren grundsätzlich Schicksale und wie der Mensch damit umgeht."

Turm und Lagerhallen der Flachsröste

Der Weg wird am Bahnhof von Lohhof beginnen, gegenüber der FOS/BOS. Auf zwei größeren Pflanzflächen will Zeitz Stauden-Lein setzen, die blau blühende Flachspflanze, dazwischen sollen drei Stelen an die Zwangsarbeiter erinnern. Die Betonsockel werden unterschiedlich groß, die Metallsilhouetten variieren. Gemeinsam wird allen Sockeln die Größe von 1,68 Metern sein, der Durchschnittsgröße eines Europäers in den Vierzigerjahren. Nach etwa 500 Metern, an der Carl-von Linde-Straße, Ecke Johann-Kotschwara-Straße, soll ein Informationspunkt entstehen mit Sicht auf den noch bestehenden Turm der Flachsröste und Lagerhallen.

Zeitz plant, im Gehweg davor 150 bis 200 flachs-blaue Betonblüten einzulassen und die Stahlplatten mit den Namen am Rand entlangzuführen. Außerdem werden an dieser Stelle die anderen fünf Stelen platziert. "Ringsherum wächst das Flachsmeer."

Die Stelen sollen dem Betrachter ermöglichen, mit den Personen in Beziehung zu treten. Über einen QR-Code und Info-Tafeln sollen noch mehr Informationen zugänglich sein. Dabei gibt es noch Recherchebedarf, denn wo genau die Baracken standen, in denen etwa 80 Zwangsarbeiterinnen übernachten mussten, ist noch nicht geklärt. Strnad hofft auf Fotomaterial älterer Schleißheimer.

Eine sehr aufwendige Recherche haben auch etliche Schüler der Stadt betrieben. So berichtete etwa Roland Hackl, Geschichtslehrer an der FOS/BOS, wie seine Schüler sich in alte Unterlagen vertieft, ja sie überhaupt erst in Archiven und Behörden zu Tage gefördert hätten, um Biografien von Zwangsarbeitern zu erstellen. Wie die von Richard Lindner, einem Münchner Arzt, der vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertiert war, im Ersten Weltkrieg in einem Lazarett diente und 1936 verurteilt wurde, weil er 14 Abtreibungen vorgenommen hatte. Er kam 1941 nach Lohhof, überlebte den Krieg und bekam 1945 seine Approbation zurück. Ähnliche Ansätze mit biografischer Arbeit verfolgen auch die Schüler des Carl-Orff-Gymnasiums. Die Elftklässler haben in ihrem Projekt-Seminar eine interaktive Plattform namens Actionbound zur Flachsröste entwickelt, die bald online gehen soll.

Ein Jahr lang recherchierten Schüler

Ziel sei es gewesen, sich mit der Geschichte der jüdischen Zwangsarbeiter auseinanderzusetzen, erläuterte Geschichtslehrer Manuel Weskamp. Ein Jahr lang haben sie daran gearbeitet, Schicksale recherchiert, Fotos aufgetrieben, an Konzepten gearbeitet und etwa Quiz- und Schätzfragen eingebaut. Dabei haben sie durchaus auch Neues erfahren und beispielsweise Bilder vom alten Brauhaus am Bahnhof bekommen, wo die Zwangsarbeiterinnen verköstigt wurden.

Ihre Arbeit hat auch den Schülern viel gebracht. Leopold Osterried vom COG sagte, "ich habe erst jetzt richtig wahrgenommen, wie die Situation für die Menschen war". Bürgermeister und Kulturreferentin Daniela Benker waren begeistert vom Einsatz der Schüler und Lehrer. Nur wenn die junge Generation eingebunden werde, gelinge es, dass die schrecklichen Ereignisse nicht vergessen werden, so Böck.