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50. Todestag von Liesl Karlstadt:Die traurige Ulknudel

Auf der Bühne brillierte sie neben Karl Valentin, im Leben kämpfte sie gegen die Traurigkeit. Vor 50 Jahren starb die Komödiantin Liesl Karlstadt. Ihr Leben in Bildern.

Petra Markovic

14 Bilder

Liesl Karlstadt, 20er Jahre

Quelle: www.sz-photo.de

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Am 6. April 1935 wird in München eine Frau aus der Isar gezogen, die sich offenbar ertränken wollte: Liesl Karlstadt. Der Suizidversuch schlägt fehl, doch es ist ein Zeichen, dass etwas nicht stimt. Die Polizei vermerkt damals als Grund "Kummer". 

Eigentlich ist die Komödiantin immer lustig, besticht durch Humor - als kongeniale Partnerin von Karl Valentin begeistert sie die Massen. Doch sie hat auch traurige Seiten.

Alles fängt an am 12. Dezember 1892. An diesem Tag wird Liesl Karlstadt als Elisabeth Wellano in der Zieblandstraße in der Münchner Maxvorstadt geboren. Sie ist das fünfte von neun Kindern einer Bäckerfamilie aus Italien. In der Schulzeit rufen ihre Mitschüler ihr häufig hinterher: "Wellano - Italiano - lebst aa no?" Das trifft Liesl sehr: Vier ihrer Geschwister sind früh gestorben.

Liesl Karlstadt, 20er Jahre

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Nach der Volksschule macht sie eine Ausbildung zur Textilverkäuferin und arbeitet in der Kurzwarenabteilung des Warenhauses Hermann Tietz, später bekannt als Hertie. Doch die Arbeit füllt sie nicht aus. Eines Abends sitzt sie als Zuschauerin im Bamberger Hof - und wird vom Fleck weg engagiert. Schon bald entscheidet sie sich für ein Leben auf der Bühne. Von dieser Zeit an tritt sie bei den Volkssängern als Solistin auf, singt im Chor, spielt lustige Einakter und dramatische Schauspiele.

Liesl Karlstadt und Blädl, 1954 | Liesl Karlstadt

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1911 lernt sie Karl Valentin kennen. Er tritt zu jener Zeit noch als Solist auf. Sie nimmt auf seinen Rat den Künstlernamen "Karlstadt" an ("Wellano hört sich so nach Trapeznummer an."). Außerdem konzentriert sie sich von nun an auf humoristische Rollen, die ihr mehr liegen.

(Im Bild: Liesl Karlstadt und der als Karl Valentin verkleidete Volksschauspieler Georg Blädl auf dem Festzug anlässlich der Einweihung der Gedenktafel am Geburtshaus von Valentin am 5.9.1954)

Liesl Karlstadt in 'Mädchenpensionat', 1935 | Liesl Karlstadt

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Liesl Karlstadt glänzt vor allem in Männerrollen, die sie so gut spielt, dass sie von vielen Zuschauern für einen Mann gehalten wird. Sie soll sogar Heiratsanträge von Frauen bekommen haben. Neben der langjährigen Bühnenpartnerschaft beginnt sie auch ein Verhältnis mit dem zehn Jahre älteren Valentin. Dieser hatte bereits 1911 Gisela Royes geheiratet und hatte zwei Kinder mit ihr.

Liesl Karlstadt | Liesl Karlstadt

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Liesl Karlstadt leidet immer mehr unter der Rücksichtslosigkeit und den Ängsten Valentins. Die schwierigen Verhältnisse führen auch dazu, dass sie Depressionen bekommt. Trotzdem bleibt sie weiterhin an seiner Seite und regelt sein berufliches Leben, und das, obwohl weder ihr schauspielerisches Talent, noch ihr Einsatz als gleichberechtigte Direktorin des kleinen Ensembles wahrgenommen werden. Im Gegenteil: Theaterkritiker ignorieren sie in ihren Besprechungen.

Liesl Karlstadt tanzt, ca. 1950er Jahre | Liesl Karlstadt

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Ihr Verhältnis zu Karl Valentin wird immer schwieriger. Im Oktober 1934 eröffnet Valentin im Hotel Wagner in der Sonnenstraße seinen Gruselkeller. Liesl Karlstadt investiert ihr gesamtes Vermögen in das "Panoptikum". Doch bei den Besuchern kommt das schaurige Kabinett nicht gut an. Im November 1935 muss das Museum wieder schließen.

(Im Bild: Liesl Karlstadt tanzt mit einem Kollegen den 'Salvator-Samba'.)

Liesl Karlstadt  | Liesl Karlstadt

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Die ständige Belastung und Betreuung des Hypochonders Karl Valentin, der finanzielle Verlust und die mangelnde Anerkennung ihrer Arbeit machen Karlstadt zu schaffen. Sie leidet an Depressionen und versucht sich im Jahr 1935 in der Isar zu ertränken. Sie wird gerettet und verbringt von da an immer wieder längere Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik in der Nußbaumstraße.

Karlstadt spielt immer seltener mit Valentin, der mittlerweile eine andere Partnerin für seine Auftritte gefunden hat. Im Jahre 1941 tritt sie in der Revue "Münchner Bilderbogen" in Adolf Gondrells Bonbonniere auf. Sie leidet unter Magenschmerzen, spielt jedoch weiterhin mit, um ihre Kollegen nicht im Stich zu lassen. Als sie dem Zusammenbruch nahe ist, beschließt sie, einen Erholungsurlaub anzutreten.

Liesl Karlstadt  | Liesl Karlstadt

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Auf Einladung von einem Freund verbringt Liesl Karlstadt auf einer Berghütte in Tirol einige schöne Tage. Karlstadt ist begeistert von der Berglandschaft und selbst als ihr Magenleiden auskuriert ist, kann sie sich nicht zu einer Rückkehr nach München entschließen.

Liesl Karlstadt , 1952 | Liesl Karlstadt

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Eines Tages erkennt sie ein Wachtmeister, der sie zu einem Besuch in der Militärdiensthütte einlädt. Sie kommt von da an häufiger und verbringt zünftige Hüttenabende mit den Soldaten. Ihr Hauptinteresse gilt jedoch den Mulis. Sie geht mit in den Stall und ist nach wenigen Wochen so weit, dass sie die Tiere allein versorgen kann. Als Anerkennung bekommt sie am 27. Februar 1941 den "Mulitreiber-Führerschein", der mit einem echten Dienstsiegel versehen ist.

Liesl Karlstadt  | Liesl Karlstadt

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Man tauft Liesl Karlstadt in Gustav (Gustl) um und ernennt sie zum Hilfstragetierführer. Sie nimmt ihre Aufgaben sehr ernst und weiß, dass sich ihre Vorgesetzten strafbar machen, wenn sie Karlstadt eine Uniform tragen lassen. Letztendlich zieht sie zu den Gebirgsjägern und verbringt - mit Unterbrechungen - fast zwei Jahre dort. Als sich 1943 die Luftangriffe auf München verstärken, verlässt der Stabsgefreite Gustav seine Kameraden und Liesl Karlstadt kehrt nach München zurück, um bei ihrer Schwester zu sein. Sie spielt wieder am Münchner Volkstheater, bis es im Jahre 1944 durch Bomben zerstört wird.

Liesl Karlstadt, 1958 | Liesl Karlstadt

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Ab 1952 spielt sie die Mutter der "Familie Brandl" im damals so beliebten BR-Hörspiel. Die Figur der Mutter Brandl scheint Karlstadt wie auf den Leib geschnitten zu sein. Dabei ist das gar nicht selbstverständlich: "Zuerst hab ich direkt Hemmungen gehabt, eine Bluse und einen Rock anzuziehen, weil ich so an Hosen und die männlichen Perücken gewöhnt war", sagt sie.

Liesl Karlstadt bei der Einweihung des Valentin-Brunnens, 1953 | Liesl Karlstadt

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Karlstadts Leistungen werden erst spät anerkannt. Sie steht noch lange im Schatten Valentins. So wird das "Karl-Valentin-Musäum" am Isartor erst im Jahre 2001 in "Valentin-Karlstadt-Musäum" umbenannt. Gleichzeitig wird dort auch ein Liesl-Karlstadt-Kabinett eröffnet, in dem unter anderem auch ein Persil-Werbefilm mit ihr zu sehen ist. Es ist der erste Werbespot im deutschen Fernsehen überhaupt.

(Im Bild: Liesl Karlstadt bei der Einweihung des Denkmals für Karl Valentin von dem Künstler Ernst Andreas Rauch auf dem Viktualienmarkt. 18.10.1953)

Tod von Liesl Karlstadt, 1960 | Liesl Karlstadt

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Am 27.7.1960, während eines Urlaubs mit ihrer Schwester in Garmisch-Partenkirchen, stirbt Liesl Karlstadt im Alter von 67 Jahren an einem Schlaganfall. Sie wird auf dem Bogenhausener Friedhof in München begraben. Ihr Grabkreuz ist ein rotgestrichenes Herz mit doppeltem Boden. Zu ihrer Beerdigung erscheinen Freunde, Familie und Fans - wie der damalige Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel.

Liesl Karlstadts 100. Geburtstag, 1992 | Liesl Karlstadt

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Auf dem Viktualienmarkt erinnert seit 1961 eine meist mit Blumen geschmückte Brunnenfigur an Liesl Karlstadt. Unweit vom Karl-Valentin-Brunnen.

(Im Bild: Der spätere Münchner Oberbürgermeister Christian Ude mit der Schwester von Liesl Karlstadt, Amalie Wellano (Mi.), zum 100. Geburtstag Karlstadts am Brunnen auf dem Viktualienmarkt.)

Quelle: Wendt, Gunna: Liesl Karlstadt. Münchner Kindl und Travestie-Star, Edition Ebersbach.

© sueddeutsche.de

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