Zirkus:Endlich wieder Sägespäne in den Schuhen

Lesezeit: 3 min

Zirkus: Mandy Frank steht in Taufkirchen mit ihrem Mann Enrico Lauenburger, ihren Kindern und ihrem Vater in der Manege.

Mandy Frank steht in Taufkirchen mit ihrem Mann Enrico Lauenburger, ihren Kindern und ihrem Vater in der Manege.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Mandy Frank und ihre Familie sind zu Beginn der Pandemie mit dem Circus Diabolo in Unterschleißheim gestrandet und kämpften auch im vergangenen Jahr mit den Corona-Auflagen. Nun können sie wie früher auf Tournee gehen und gastieren in Taufkirchen.

Von Patrik Stäbler, Taufkirchen

An diesem Donnerstag wird Mandy Frank erstmals in Taufkirchen in der Manege stehen - fast tausend Kilometer von der Heimat entfernt und doch zu Hause. Denn wenn die 30-Jährige unter ihren Füßen die Sägespäne spürt, über sich an der blauen Zeltdecke die Sterne sieht, und vor ihr das meist junge Publikum voller Vorfreude auf den Plastikstühlen hin und her rutscht, dann ist die Chefin des Circus Diabolo in ihrem Element. Oder wie es Mandy Frank, die sich als "jüngste Zirkusdirektorin Europas" bezeichnet, selbst formuliert: "Wenn du einmal Sägespäne in den Schuhen hast, kriegst du sie nie wieder raus."

Wobei Mandy Frank die Sägespäne quasi in die Wiege gestreut wurden. Seit mehr als 150 Jahren sei ihre Familie dem Zirkus verbunden, erzählt sie. Und in ihren drei Kindern - die beiden Töchter sind zehn und ein Jahr alt, der Bub fünf - stehe bereits die achte Generation in der Manege. Schließlich ist der Circus Diabolo eine reine Familiensache: Mandy Frank und ihr Ehemann Enrico Lauenburger kümmern sich eigenständig um die Suche nach Standplätzen, um Auf- und Abbau des Zelts, ums Plakate kleben, um die Werbung, um den Ticketverkauf, um den Einlass, ums Aufräumen nach der Vorstellung. Und natürlich allen voran: um die Show. Diese kommt gänzlich ohne Tiere aus; stattdessen gibt es Seiltanz, Messerwerfen, Clowns, Feuerspucker, Jonglieren, Musik, Akrobatik- und Trapezeinlagen sowie vieles mehr - dargeboten von Mandy Frank, ihrem Mann und den Kindern.

"Wir haben alles, was ein großer Zirkus auch hat", betont die Direktorin. Nur eben eine Nummer kleiner, deutlich familiärer - und ausgelegt aufs Mitmachen. "Bei uns dürfen die Kinder mit in die Manege", sagt Mandy Frank. Dort stehen bei den Vorstellungen in Taufkirchen auch ihre Eltern, die nach einem Leben als Zirkusleute und Zeltvermieter inzwischen in München sesshaft geworden sind. Und das wiederum ist auch der Grund, weshalb Mandy Frank und der Circus Diabolo zurzeit erstmals durch Bayern touren - fernab ihrer eigentlichen Heimat in Ostfriesland. Denn zu Beginn der Corona-Pandemie habe sie sich um ihre Eltern gesorgt und sei deshalb einmal durch die ganze Republik gefahren, um Mutter und Vater zu sehen, erzählt die 30-Jährige. Nicht nur sie kam damals nach München, sondern auch ihre fünf Geschwister, von denen mehrere ebenfalls durchs Land ziehen - mit Puppentheater, Zirkus oder Hüpfburgen. Ihnen allen entzog die Pandemie von einem Tag auf den nächsten die Lebensgrundlage, sodass die komplette Familie im Frühjahr 2020 in Unterschleißheim strandete. Dort gewährte ihnen die Stadt Asyl auf einer Wiese am Sportpark, wo die Großeltern, die sechs Geschwister und die 13 Enkel mehr als ein Jahr lang ausharren mussten.

"Das war einfach nur deprimierend", erinnert sich die Zirkusdirektorin. "Wir sind Freigeister und normalerweise jede Woche an einem anderen Ort. Diese Zeit hat sich für uns angefühlt wie im Knast." Dazu kamen finanzielle Nöte, schließlich fielen der Familie wegen der pandemiebedingten Einschränkungen sämtliche Einnahmen weg. "Wir haben alles versucht, um uns über Wasser zu halten", sagt Mandy Frank. "Wir haben Luftballons verkauft, mein Papa ist Lkw gefahren, ich selbst war kellnern und habe noch mehrere andere Jobs angenommen." Und bei alledem wuchs die Sehnsucht nach dem gewohnten Zirkusgeschäft, nach der Manege, nach dem Publikum.

Im vergangenen Sommer war es dann endlich so weit: In Hallbergmoos feierte der Circus Diabolo sein Comeback nach Corona. "Und als ich da in der Manege gestanden bin, sind mir die Tränen runtergelaufen", sagt Mandy Frank. "Dabei bin ich normalerweise nicht nah am Wasser gebaut." Im Herbst musste der Zirkus erneut pausieren, nach Weihnachten ging es dann schleppend wieder los - mit 2G-plus und oft vor nur einer Handvoll Zuschauern. Inzwischen jedoch hat das Geschäft langsam wieder Fahrt aufgenommen: Zuletzt war der Circus Diabolo in Ottobrunn und Sauerlach, und nun steht sein Zelt also auf dem Taufkirchner Festplatz am Köglweg.

Dort werden Mandy Frank und ihre Familie bis zum 12. Juni neun Vorstellungen geben. Wie es danach weitergeht, ist noch ungewiss. Womöglich werde man zurück in die Heimat fahren - nach Ostfriesland, wo es deutlich leichter sei, an Standplätze für ihren Zirkus zu kommen, sagt die Direktorin. In Bayern gestalte sich dies ungleich schwieriger, "auch wegen dem blöden Ruf, den du als Zirkus nicht wegkriegst". Dabei achte ihr Betrieb penibel darauf, keine Wiese zu zerfahren und keinen Müll, sondern stets einen guten Eindruck zu hinterlassen. Und dennoch sei die Suche nach Auftrittsmöglichkeiten mitunter "sehr nervenaufreibend", sagt Mandy Frank.

Doch sobald die Zirkusdirektorin in der Manege steht, ist der Organisationsstress ebenso vergessen wie der Ärger während der Pandemie, die Finanznöte und die anderen Alltagssorgen. "Dann ist es mir auch egal, ob das Zelt voll ist oder wir nur vor acht Leuten spielen", sagt Mandy Frank. "Während der Vorstellung bin ich einfach nur mit allem zufrieden."

Der Circus Diabolo gastiert von 2. bis 12. Juni auf dem Festplatz in Taufkirchen. Die Vorstellungen beginnen von Donnerstag bis Samstag jeweils um 16 Uhr sowie an den beiden Sonntagen und am Pfingstmontag um 14 Uhr.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFrauenchor
:"Wir haben gesagt: Wir ziehen das jetzt durch!"

Elisabeth Salat und Beatrice Brückmann haben ausgerechnet während der Pandemie im Münchner Osten einen Chor gegründet. Inzwischen haben sie einen festen Probenraum und die ersten Auftritte hinter sich.

Lesen Sie mehr zum Thema