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Zeitgeschichte:Widerstand ist etwas anderes

Attentat gegen Hitler vor 70 Jahren

Was gilt vom Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 noch heute?

(Foto: dpa)

Im Gespräch mit dem SPD-Bundestagskandidaten Korbinian Rüger erklärt der Historiker Tobias Korenke, warum Querdenker nicht in der Tradition der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 stehen

Von Sebastian Franz, Planegg

Claus Schenk Graf von Stauffenberg? Das ist doch der aus dem Film mit Tom Cruise. So denken viele junge Menschen. Das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler sowie die Männer und Frauen, die hinter dem Umsturzversuch steckten, ist ihnen wenig präsent. Das ist auch Tobias Korenke und Korbinian Rüger bewusst, die am 77. Jahrestag des gescheiterten Attentats online über die Frage diskutierten: "Widerstand des 20. Juli - Was gilt noch heute?"

Korenke ist Historiker und Vorstand der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus in Berlin. Sein Großvater Rüdiger Schleicher und die Brüder seiner Großmutter Ursula, Dietrich und Klaus Bonhoeffer, sowie ihr Schwager Hans von Dohnanyi waren am Widerstand gegen das NS-Regime beteiligt und wurden nach dem fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Eingeladen zu dem Online-Gespräch hatte ihn Rüger, der bei der Bundestagswahl für die SPD im Wahlkreis München-Land als Direktkandidat antritt. Wenn der 32-Jährige nicht gerade Wahlkampf macht, arbeitet er am Lehrstuhl für Praktische Philosophie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort forscht er zu normativer Ethik und politischer Philosophie, insbesondere zu Populationsethik und der Verteilungsgerechtigkeit. Seinen Philosophie-Doktor machte er in Oxford, davor forschte er bereits an der renommierten Princeton University in New Jersey.

Tobias Korenke ist Vorstand des Bonhoeffer-Hauses in Berlin.

(Foto: Privat)

Wie viel Bundestagswahlkampf steckt also in einer Diskussion über den 20. Juli 1944 im Juli 2021? Die Antwort: Erstaunlich wenig. Und so konnten etwa 50 Interessierte für 90 Minuten einer historischen und gleichzeitig politisch aktuellen Diskussion lauschen. Viel drehte sich um das ethische Phänomen, das Richtige aus den falschen Gründen zu tun, und welche Werte und Tugenden des damaligen Widerstandes auch heute noch essenziell für eine funktionierende Demokratie sind.

Am 20. Juli 1944 versuchten mutige Männer wie Frauen, den Schrecken der Hitler-Diktatur zu beenden. Viele bezahlten dies mit ihrem Leben. Für Korenke waren längst nicht alle Widerständler lupenreine Demokraten. Jedoch verfügten sie über Tugenden wie Mut, Engagement für die Gemeinschaft, Einsatz für Verfolgte, die Überzeugung, dass der Einzelne für das Ganze Verantwortung trägt, bis hin zu dem Bewusstsein, dass es Wichtigeres gibt, als das Retten der eigenen Haut. Laut Korenke zeigten sie, dass es immer Handlungsmöglichkeiten gibt, wenn der Rechtsstaat bedroht ist; selbst in einer Diktatur und deshalb selbstredend auch in einer Demokratie.

Die Verschwörer gegen Hitler hätten selbst nicht verhindert, dass die NSDAP die Macht ergriff, obschon sie elitären Kreisen angehörten. Sie hätten zum Teil Meinungen vertreten und Ansichten, die heute nicht mehr denkbar seien. Trotzdem hätten sie in entscheidenden Momenten ihre Haltung geändert, da die schreckliche Realität unter Hitler für sie nicht mehr zu leugnen gewesen sei. Tue man dies, die Realität leugnen, gebe man seine Freiheit auf - egal ob 1944 oder 2021.

Und so gehöre zur heutigen Realität eben auch, dass Synagogen in Deutschland durch die Polizei geschützt werden müssen, dass Israelflaggen auf offener Straße verbrannt werden, dass eine zum Teil rechtsradikale Partei im Bundestag und allen Länderparlamenten sitzt und auch unter jungen Menschen Zulauf verzeichnet. Gibt es also etwas, dass wir von den damaligen Widerständlern lernen können, das uns hilft, das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft zu stärken? Ist die mittlerweile notorische "Jana aus Kassel" eine Widerstandskämpferin?

SPD-Bundestagskandidat im Wahlkreis München-Land: Korbinian Rüger.

(Foto: Claus Schunk)

Für Korenke wird der Begriff Widerstand zunehmend vereinnahmt, "aus einer verqueren Logik heraus". Für Rüger braucht es in Deutschland mehr Gemeinschaftssinn. Dieser sei zunehmend verloren gegangen; allerdings bitte abseits von Nationalismus, gerne solidarisch und europäisch. Möglicherweise sei dies allerdings lediglich Wunschdenken, eine "intellektuelle Kopfgeburt".

Klar ist für Korenke: Nationales und die Deutungshoheit darüber dürfe nicht rechten Randgruppen überlassen werden. Gerade die AfD handele nur scheinbar im Interesse Deutschlands und seiner Bürger. Vielmehr würde die Partei die Interessen dieses Landes verraten. Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass radikale Rechte in Deutschland zunehmend mehr Gehör finden, sei es für ihn besorgniserregend, dass es immer weniger anerkannte kulturelle, intellektuelle Stimmen gebe. Kritische Denkanstöße, die öffentlich diskutiert werden, kämen immer häufiger von Wirtschaftseliten.

Umso erfrischender war die Diskussion am Dienstagabend. Wenn es denn eine Wahlkampfveranstaltung war, so war sie angenehm ungewöhnlich, fand jedenfalls Bundestagskandidat Rüger: "So was sollte man viel öfter machen."

© SZ vom 22.07.2021
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