Wohnungsbau:Haar wirbt für "Einheimischenmodell des 21. Jahrhunderts"

Wohnungsbau: Wie hier im Jugendstilpark sollen bald auch an der Johann-Strauss-Straße neue Wohnungen entstehen.

Wie hier im Jugendstilpark sollen bald auch an der Johann-Strauss-Straße neue Wohnungen entstehen.

(Foto: Claus Schunk)

Durch Gründung einer Genossenschaft soll Wohnraum zu erschwinglichen Mieten entstehen. Den Grund stellt die Gemeinde. Infoveranstaltung im Oktober

Von Bernhard Lohr, Haar

Wer dringend eine bezahlbare Wohnung in Haar sucht, und sich weder zu den Armen noch zu den Wohlhabenden zählt, sollte sich den 7. Oktober im Kalender vormerken. Die Gemeinde bereitet die Gründung einer Genossenschaft vor und möchte dafür ein kommunales Grundstück in der Johann-Strauss-Straße 1 bis 5 einbringen. Die Entscheidung im Gemeinderat, dafür in drei Wochen einen Informationsabend für Interessierte auszurichten, fiel gegen die Stimmen der SPD. Die SPD hätte lieber gesehen, auf dem Areal um die 30 Kommunalwohnungen zu bauen, die voraussichtlich zu noch günstigeren Mieten zu vergeben sein würden. Peter Schießl sagte, sein "sozialdemokratisches Herz" verlange von ihm, Wohnraum für die wirklich Bedürftigen Vorrang zu geben.

Es entzündete sich eine Debatte darüber, wer mehr oder weniger bedürftig ist. Peter Paul Gantzer (SPD) setzte dabei - weil ihm nichts Passenderes einfiel, wie er sagte - mit den Begriffen von Mittelschicht und Unterschicht den Ton. Er sagte, den Einstieg in eine Baugenossenschaft müsse sich jemand auch erst leisten können. Das schafften in der Regel nur Menschen mit gutem Verdienst oder Doppelverdienern in der Familie. Diese könnten sich in der Not auf dem aufgeheizten Münchner Wohnungsmarkt noch irgendwie helfen. Wirklich Unterstützung benötigten die, die richtig wenig verdienten. Mit Kommunalwohnungen, wie sie die Gemeinde an der Katharina-Eberhard-Straße errichtet habe, gelinge das besser.

Der Einstieg in den genossenschaftlichen Wohnungsbau ist ein Herzensanliegen von Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU), der schon früh einen Arbeitskreis mit Vertretern aus dem Gemeinderat dazu einberufen hat. Vier Mal saß man zusammen, ein Vertreter der Mitbauzentrale München stand beratend zur Seite. Bukowski verteidigte das Vorhaben und sagte, bei der Debatte über Mittel- und Unterschicht stellten sich ihm "die Haare auf." Längst seien Menschen mit mittlerem Einkommen von der Wohnungskrise betroffen. Sie seien weit davon entfernt, sich Wohneigentum aufbauen zu können. Bukowski bezeichnete die Genossenschaft als "Einheimischenmodell des 21. Jahrhunderts". Mike Seckinger (Grüne) sagte, der Bau von Wohnungen durch das Kommunale Wohnbauunternehmen werde weitergehen. Er wolle einen Startschuss setzen, um ein "zusätzliches" Instrument auf dem Haarer Wohnungsmarkt zu etablieren. Peter Siemsen (FDP) sah sich als Liberaler, wie er sagte, direkt angesprochen. Er begrüße es, Menschen die Gelegenheit zu bieten, in der Genossenschaft etwas auszuprobieren. Haar werde viel von dem Projekt lernen.

Lange hatte es so ausgesehen, dass der Gemeinderat geschlossen das Genossenschaftsprojekt unterstützen würde. Der Meinungsumschwung bei der SPD kam erst, als das Kommunalunternehmen auf Bitte ein Konzept darlegte und zeigte, dass es alternativ mit Zuschüssen des Freistaats ein vergleichbares Wohnbauprojekt stemmen könnte und am Ende ein Mietzins von 10,50 Euro pro Quadratmeter im Durchschnitt herauskommen könnte. Die erwartete Miete in der Genossenschaft läge nach einer ersten Kalkulation bei 13,70 Euro. Wer dort dann wohnen will, muss zusätzlich Genossenschaftsanteile erwerben und so Baukosten mittragen.

Die Verwaltung im Rathaus wird nach der Mehrheitsentscheidung, den Haarern die Unterstützung bei der Gründung einer Genossenschaft anzubieten, nun Kriterien erarbeiten, unter denen das ablaufen soll. Der Grund wird in Erbpacht zur Verfügung gestellt. Es soll versucht werden, den Kreis der Bewohner bei dem Projekt in der Musikersiedlung auf Gemeindebürger zu begrenzen. Bevorzugt will man mittlere Einkommen und Personen ansprechen, die etwa als Erzieherinnen und Erzieher oder Feuerwehrleute tätig sind. Es soll einen Wohnungsmix aus Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen geben; außerdem ein Mobilitätskonzept, etwa mit Leihrädern, um den Stellplatzschlüssel für Pkw zu senken. Der Termin der Informationsveranstaltung am Donnerstag, 7. Oktober, ist so gewählt, dass in der Folge bei der Mitbauzentrale Veranstaltungen besucht werden können, in denen es darum geht, wie eine solche Genossenschaft gegründet und ein Bauprojekt finanziert wird.

© SZ vom 16.09.2021
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