GräfelfingLernen durch gemeinsames Leben

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Therapiehund Sally wartet schon auf die neuen Bewohner der inklusiven Wohngemeinschaft in Gräfelfing.
Therapiehund Sally wartet schon auf die neuen Bewohner der inklusiven Wohngemeinschaft in Gräfelfing. (Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Arbeiterwohlfahrt im Landkreis München eröffnet eine inklusive therapeutische Wohngemeinschaft in Gräfelfing, in der Studierende und Azubis mit psychisch kranken jungen Menschen zusammenleben.
  • Das Projekt richtet sich an junge Erwachsene zwischen 18 und 20 Jahren mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen, für die es bisher zu wenig Angebote gab.
  • Für Frühjahr 2026 ist zusätzlich eine tagesstrukturierende Maßnahme geplant, bei der die Bewohner vormittags lernen, ihren Alltag zu gestalten und soziale Kompetenzen zu stärken.
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Die Arbeiterwohlfahrt im Landkreis München steigt mit einer therapeutischen WG in die stationäre Jugendhilfe ein. Die Idee: Junge Menschen in Ausbildung gestalten mit jungen, psychisch kranken Menschen den Alltag.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Hamada und Sally sind schon da. Hamada macht eine Ausbildung zum Erzieher, Sally ist ein Therapiehund, beide warten auf acht weitere Bewohnerinnen und Bewohner der neuen inklusiven therapeutischen Wohngemeinschaft in Gräfelfing. Wenn erst mal alle eingezogen sind, sollen Studierende und Azubis wie Hamada, der gerade eine Ausbildung zum Erzieher macht, mit fünf jungen Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, zusammenleben und den Alltag gestalten. Mit dem Projekt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kreisverband München-Land erschließt der größte Wohlfahrtsverband im Landkreis München ein ganz neues Terrain: die stationäre Jugendhilfe, die bisher nicht zum Portfolio zählte.

Mit dem Projekt reagiert die AWO auf den großen Bedarf im Landkreis, erklärt Michael Germayer, Vorstand des AWO-Kreisverbands. Gerade für die Altersgruppe junger Erwachsener zwischen 18 und 20 Jahren, bei denen seit der Corona-Pandemie zunehmend psychische Erkrankungen diagnostiziert würden, fehlten Angebote. Die Gräfelfinger WG soll Vorbildcharakter haben, weitere inklusive Wohngemeinschaften sollen langfristig entstehen. Miteinander und voneinander Lernen durch gemeinsames Leben, das ist die Idee dahinter. Das Haus an der Irminfriedstraße, das der Seidlhof-Stiftung gehört, wurde der AWO von der Stiftung angeboten. Hier wohnte schon mal eine inklusive Wohngemeinschaft, die jedoch aufgelöst wurde. Die Strukturen sind immer noch vorhanden – jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer, es gibt genügend Bäder, im Erdgeschoss eine große Wohnküche mit Esstisch, Sofa und Kicker, einen Fitnessraum im Keller und einen großen Garten.

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Die WG ist nur der erste Schritt. Für Frühjahr 2026 ist zusätzlich eine sogenannte tagesstrukturierende Maßnahme geplant, berichtet Germayer. Dabei lernen die WG-Bewohner mit psychischer Beeinträchtigung vormittags in Gruppenarbeit, wie sie ihren Alltag gestalten und soziale Kompetenzen stärken, um ein eigenständiges Leben zu führen. Das Angebot soll ebenfalls auf dem Gelände der Seidlhof-Stiftung umgesetzt werden.

Die WG in der Irminfriedstraße wird von zwei Sozialarbeiterinnen, die täglich von 14 bis 20.30 Uhr in der WG sind, begleitet, zusätzlich kommt regelmäßig ein Psychologe ins Haus. Die Studenten und Azubis, die wie Hamada hier einziehen werden, erhalten eine Schulung, wie sie mit ihren Mitbewohnern umgehen, etwa wenn diese eine Krise durchmachen, erklärt Stephanie Maier, Leiterin der therapeutischen WG. Denn ihre künftigen Mitbewohner leiden unter Depressionen, haben vielleicht eine Ess- oder Zwangsstörung, eine Psychose oder auch eine posttraumatische Belastungsstörung. Es sind „unsichtbare“ Beeinträchtigungen, so Sozialarbeiterin Julia Dietrich. Viele hätten Klinikaufenthalte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter sich. Darauf muss man sich als künftiger Bewohner ohne derartige Handicaps einlassen können und wollen.

Werden das Leben in der therapeutischenWohngemeinschaft in Gräfelfing mitgestalten (von links):  Stephanie Maier (Fachberatung), Julia Dietrich und Michael Germayer (Vorstand AWO).
Werden das Leben in der therapeutischenWohngemeinschaft in Gräfelfing mitgestalten (von links):  Stephanie Maier (Fachberatung), Julia Dietrich und Michael Germayer (Vorstand AWO). (Foto: Stephan Rumpf)
Hamada macht eine Ausbildung zum Erzieher und lebt in der therapeutschen Wohngemeinschaft in Gräfelfing.
Hamada macht eine Ausbildung zum Erzieher und lebt in der therapeutschen Wohngemeinschaft in Gräfelfing. (Foto: Annette Jäger)

Die Studenten und Azubis spielen eine wichtige Rolle im Zusammenleben. „Sie bringen die Motivation in die Wohngruppe“, betont Germayer. Sie zeigen vorbildhaft, wie sie ihr Studium oder ihre Ausbildung meistern, wie sie soziale Kontakte pflegen und Freizeit gestalten. Sie müssen bereit sein, mindestens vier Stunden pro Woche in gemeinsame Freizeitaktivitäten mit ihren psychisch erkrankten Mitbewohnern zu investieren: Kochabende initiieren, ins Kino gehen, den Christkindlmarkt besuchen oder gemeinsam Gartenarbeit machen. Wer eine Erkrankung hat und wer nicht, soll im besten Fall Nebensache werden.

Die Studenten und Azubis wohnen vergünstigt in der WG. Je nach Zimmergröße zahlen sie 300 bis 500 Euro pro Monat, inklusive Nebenkosten und Internetanschluss. Sie sollen möglichst lange dort wohnen, während ihre psychisch beeinträchtigen Mitbewohner nur maximal zwei Jahre bleiben können, im Alter von 18 bis 20 Jahren. Denn so lange bezahlt das Jugendamt das Wohnen im Projekt, erklärt Maier. Die AWO wirbt in allen Landkreisen um München um Bewohner. Sogar Bewerber aus ganz Deutschland sind willkommen, denn manche wünschen sich ganz bewusst eine große Distanz zum vorherigen Leben oder der Familie, so die WG-Leiterin.

Hamada, der nur mit Vornamen genannt werden möchte, hat bisher den weitesten Weg zurückgelegt: Der 34-jährige Marokkaner ist erst vor wenigen Wochen in Deutschland angekommen. In seiner Heimat hat er bereits einen Master in Geografie absolviert und fließend Deutsch gelernt. Jetzt beginnt er noch mal von vorne und macht bei der AWO die Erzieher-Ausbildung. Er möchte unbedingt mit Kindern arbeiten, was aber in seiner Heimat so nicht möglich war. Für die AWO war Hamada geradezu der Idealbewerber für die WG. Er bringe nicht nur Offenheit für das Projekt mit, sondern habe auch „gesprudelt vor Ideen“, was er alles mit der Gruppe machen will, meint Maier. Jetzt fehlen nur noch acht andere Bewohner.

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