Wohnen im Landkreis München:Eine begehrte Adresse

Viele Jobs und ein hoher Freizeitwert: Der Landkreis München gilt als der zukunftsträchtigste Deutschlands - in Studien landet er ganz vorne, wenn es um Wirtschaftskraft und Lebensqualität geht. Doch diese Attraktivität hat ihren Preis.

Günther Knoll

Als der Schwedenkönig Gustav Adolf II. im Jahr 1632 nach München kam, soll er die Stadt als "goldenen Sattel", die Umgebung aber als "dürre Mähre" bezeichnet haben. Heute sind die Verhältnisse anders. Münchens Kommunalpolitiker sprechen gerne hämisch-neidvoll vom "Speckgürtel", wenn sie den Landkreis München und die anschließende Region meinen.

Zweifellos: Es boomt, wie es so schön Neudeutsch heißt. Das Umland will nicht nur die negativen Auswirkungen der Metropole spüren, sondern von ihrem Ruf auch profitieren. Und das tut es: Vornehmlich der Landkreis München findet sich in allen Studien ganz vorne, wenn es um Wirtschaftskraft, Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit geht.

Mit knapp 330.000 Einwohnern ist er der bevölkerungsstärkste der 71 Landkreise in Bayern und er wächst weiter. Laufend entsteht neuer Wohn- und Gewerberaum. Rund 2000 Bauanträge werden im Durchschnitt jährlich in den 29 Landkreiskommunen gestellt. Das Wachstum ist nicht überall gleich: Die Gemeinden unterscheiden sich nicht nur durch ihre Größe, sondern auch in ihrer Siedlungs- und Wohnstruktur.

High- und Bio-Tech-Gemeinden finden sich neben Gartenstädten, Innovative Community und Universitätsstadt neben Ortschaften mit dörflichem Charakter. Attraktiv sind sie offenbar alle mit ihrem Angebot an Freizeitmöglichkeiten, Kindergarten- und Schuleinrichtungen und auch mit der Verkehrserschließung. Es gibt nicht wenige, die sich im Süden Münchens nicht nur den Bergen ganz nah, sondern schon als "Fast-Italiener" fühlen.

Gegensätzlichkeit, die jedem etwas zu bieten hat

Viele Kommunen punkten mit Rundum-Versorgung: In der Mediengemeinde Unterföhring müssen die Eltern nichts für die Kindertagesstätten bezahlen, die Senioren erhalten dafür quasi als Entschädigung sogar ein Weihnachtsgeld von der Gemeinde. Unterföhring wie Ismaning konnten es sich sogar leisten, die S-Bahn unter die Erde zu verlegen, was die Wohnqualität deutlich erhöht hat und zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Zur Zeit konkurrieren sie um ein neues Gymnasium. Die Bildung ist mit drei Universitätsstandorten quer über den Kreis verteilt: Im Westen das Biotech-Zentrum Martinsried, im Süden die Bundeswehr-Uni Neubiberg und im Norden der Forschungscampus Garching. Dazu kommen Orte wie Aying, ein Dorf fürs Bilderbuch, aber auch die 23 000-Einwohner-Stadt Unterschleißheim, wo unter anderem die Deutschland-Zentrale von Microsoft sitzt.

Wenn es eine Landkreis-München-Identität gibt, dann ist das neben der Klammer der wirtschaftlichen Bonität vor allem diese Gegensätzlichkeit, die jedem etwas zu bieten hat.

Diese Attraktivität hat auch ihren Preis: Im Landkreis München kosten Wohnungen und Häuser mehr als doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt, bei den Mieten ist es nicht anders. Man muss es sich also schon leisten können, hier zu wohnen. Die Landkreis-Bürger gehören im Schnitt zu den Reichen im Land, und sie sind längst nicht nur im schon legendären Villen-Vorort Grünwald zuhause. Profitiert vom Wachstum haben alle 29 Kommunen, wenn auch unterschiedlich.

Die einen setzen auf Wohnungsbau, die anderen auf Gewerbe, die einen auf gesunden Mix aus beidem, die anderen auf eine ganz dezente Entwicklung, um den dörflichen Charakter zu wahren. Vor allem entlang der S-Bahn-Stränge geschah die Entwicklung explosionsartig. Kirchheim zum Beispiel hatte nach dem Zweiten Weltkrieg gerade mal 354 Einwohner, die damals noch eigenständige Gemeinde Heimstetten zählte mit 425 Bürgern ein paar mehr.

Lächerlich, möchte man angesichts der heutigen Einwohnerzahl von rund 12.500 sagen. Doch zeitweise waren die verantwortlichen Kommunalpolitiker der Gigantomanie verfallen. In Kirchheim gab es konkrete Pläne für 15.000 Einwohner, und einige träumten sogar schon von 30.000. Jetzt ringt man um ein Ortsbild, das den beiden einstmals selbständigen Orten ihre Eigenheiten und den dörflichen Charakter noch erhält, zum anderen aber auch die Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringt. Reihenhaussiedlungen, wie sie vor 30 und 40 Jahren hingeklotzt wurden, waren damals für junge Familien gedacht. Heute gelten andere Anforderungen, die Landkreisbürger werden im Schnitt immer älter, dem sparsamen Umgang mit Ressourcen wird mit energetischem Bauen Rechnung getragen.

Angesichts der wirtschaftlichen Prosperität, der gut entwickelten Infrastruktur mit der Nähe zu München und auch angesichts des hohen Freizeitwerts wird der Landkreis München weiter zu den begehrtesten in Deutschland gehören, was sowohl das Wohnen wie auch das Gewerbe angeht.

Die meisten Kommunen haben erkannt, dass ungezügeltes Wachstum die Lebensqualität ihrer Bürger negativ beeinflusst. Die Universitätsstadt Garching ist gerade dabei, ihren Gewerbestandort Hochbrück deutlich aufzuwerten durch neue Betriebe, welche die alten, darunter viele Speditionen, ablösen. Das kleine Straßlach dagegen mit gerade einmal 3000 Einwohnern buhlt ebenso wie Baierbrunn um Betriebe, um so durch Gewerbesteuereinnahmen Geld in seine Kasse zu bringen und das Projekt Bürgerhaus zu finanzieren.

Beide Orte haben klare Vorstellungen und begrenzte Kapazitäten in ihren neuen Gewerbegebieten. Wachstum um jeden Preis haben die Kommunen im Landkreis München nicht mehr nötig.

© SZ vom 12.11.2011/afis
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