Wohnen für Hilfe:Noch kein Erfolgsmodell

Einsame Senioren nehmen Studenten bei sich auf. Was wie eine Win-win-Situation klingt, ist bislang die Ausnahme

Von Stefan Galler, Landkreis

Völlig einig waren sich die Kreisräte nicht, als dieses Thema zuletzt im Sozialausschuss des Landkreises besprochen wurde. Einige der Lokalpolitiker zeigten sich begeistert, andere skeptisch. Es ging um das Projekt "Wohnen für Hilfe", das vom Seniorentreff Neuhausen 1996 ins Leben gerufen wurde und seit März 2013 auch im Landkreis München aufgebaut wird. Ingrid Lindbüchl, Grüne aus Oberschleißheim, ist vorbehaltlos begeistert und verriet aus ihrem privaten Umfeld, dass "die Oma durch dieses Konzept bis an ihr Lebensende in ihrem Haus" hatte wohnen bleiben können. Das Prinzip beruht auf der Idee, wonach sich Menschen verschiedener Generationen gegenseitig unterstützen können, indem Studierende, die sich auf dem Mietmarkt im Großraum München schwer tun, eine Bleibe zum Nulltarif bekommen, indem sie zu Senioren ziehen und diesen nicht nur die oftmals schmerzlich vermisste Gesellschaft bieten, sondern auch helfend zur Hand gehen sollen, etwa beim Einkaufen, Kochen, im Haushalt oder bei der Gartenarbeit.

Zwischen 2019 und Juni 2021 wurde intensiv betrachtet, welche Resonanz das Projekt hervorrief, auch um den Kreispolitikern eine Entscheidungshilfe zu geben, ob "Wohnen für Hilfe" in den nächsten drei Jahren weiterhin finanziell gefördert werden sollte. Noch wird das Modell allerdings nicht wie gewünscht angenommen, zwar gab es in diesem Zeitraum 87 Anfragen von Menschen, die ihren Wohnraum anboten. Auf der anderen Seite wurden 498 Personen, die ein Zimmer suchten, persönlich beraten. Dazu kamen noch die Anfragen per E-Mail und Telefon, sodass es insgesamt 2931 Anfragen von Zimmersuchenden gab. In 40 Fällen fanden Hausbesuche statt, die die Grundlage des Vermittlungsprozesses bilden. Hier zeigt sich, ob eine Konstellation eine Erfolgsaussicht hat, dazu müssen von Beginn an gegenseitiges Vertrauen und Sympathie bestehen. Letztlich wurden zwischen 2019 und Juni 2021 nur 23 Wohnpartnerschaften geschlossen. Insgesamt gab es am Berichtsstichtag im Juni 25 bestehende Wohnpartnerschaften in 14 verschiedenen Gemeinden im Landkreis München.

Kreisrätin Gerlinde Koch-Dörringer (CSU), die das Programm im Namen ihrer Fraktion im Sozialausschuss explizit lobte, wunderte sich über die selbst für Coronazeiten, in denen die Vermittlung streckenweise völlig zum Erliegen kam, eher überschaubaren Zahlen: "Vielleicht muss man das auch besser bewerben. Studierende sind nette Leute, denen man vertrauen kann, den Senioren muss das vermittelt werden", sagte Koch-Dörringer.

Und während sich auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Florian Schardt dafür aussprach, das Konzept in der Öffentlichkeit bekannter zu machen und vorschlug, dass die Gemeinden Personen anstellen sollten, die "wie ein gewiefter Bauträger" von Haus zu Haus zu gehen und den Senioren die Idee näherbringen, führte Susanne Frank, Fachbereichsleiterin Betreuung und Senioren im Landratsamt, einen anderen aus ihrer Sicht entscheidenden Grund für die überschaubare Zahl an Partnerschaften an: Die wegbrechende Intimsphäre, wenn man sich einen fremden Menschen in die Wohnung holt. Das sei gerade im sanitären Bereich ein Hemmschuh: "Ältere Leute wollen ihre Badezimmer nicht teilen", sagte Frank.

Annette Ganssmüller-Maluche (SPD) ging sogar noch einen Schritt weiter und stellte den Solidargedanken ganz grundsätzlich infrage. Und damit, ob "Wohnen für Hilfe" tatsächlich ein erfolgversprechendes Modell sein könnte: "Das Problem ist weniger, dass es nicht bekannt ist, sondern, dass Menschen die Nähe von Fremden nicht ertragen. Ich fürchte, die Probleme sind anders gelagert."

Dennoch stimmte sie ebenso wie alle anderen Mitglieder des Sozialausschusses dafür, die Förderung für die kommenden drei Jahre fortzusetzen, der Landkreis lässt sich das insgesamt knapp 150 000 Euro kosten.

© SZ vom 12.10.2021
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