Süddeutsche Zeitung

Wissenschaft:Zwischen Pest und Decamerone

Neubiberger Forscher untersuchen, wie Medien die Pandemie mittels alter Romane und Filme erklären

Von Daniela Bode, Neubiberg

Ein tödliches Virus, das jeder in sich tragen und verbreiten kann, ohne dass er es bemerkt. Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie vor mehr als einem Jahr war für viele Menschen ein Schock, auf jeden Fall eine völlig neue Erfahrung. Nur, wie versteht man eine Pandemie, wie kann man einen solchen Eingriff ins private und öffentliche Leben akzeptieren, wenn man noch nie eine erlebt hat? Viele Medien behalfen sich damit, die aktuelle Situation mit Szenen aus Büchern und Filmen zu vergleichen. Sina Farzin und Fabian Hempel von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg nehmen diesen Aspekt nun mit Kollegen von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in dem Forschungsprojekt "Pandemic meets Science" genauer unter die Lupe.

Die Professorin für Allgemeine Soziologie und der wissenschaftliche Mitarbeiter untersuchen, wie journalistische Leitmedien, insbesondere im Feuilleton und im Wissenschaftsressort, diese Verweise auf fiktionale Erzählungen nutzen, um die Pandemie zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären. Die Oldenburger Forscher konzentrieren sich auf die sozialen Medien. "Es wurde teilweise auf sehr alte Werke wie Albert Camus' ,Die Pest' Bezug genommen, um Sinn aus der Krise zu ziehen", sagt Farzin. Konkret erheben sie und Hempel Daten aus acht deutschen und englischsprachigen Zeitungen und Magazinen. Die Süddeutsche Zeitung und die Zeit sowie der Guardian und der Economist werden darunter sein. "Wir wollen nicht nur untersuchen ob, sondern vor allem wie Berichte in den Zeitungen auf kulturelle Produkte wie Romane, Filme oder Gemälde Bezug nehmen", sagt Hempel. Ob also etwa die Verweise nur ein Teil der Beschreibung der Pandemie sind oder ob sie substanziell bei der Argumentation sind, um Aspekte der Pandemie zu erklären. Noch befindet sich das Projekt eher am Anfang, Start war im April. Noch ist Hempel dabei, die Daten zusammenzustellen und auf entsprechende Verweise hin zu analysieren.

Schon jetzt hat er aber ein paar spannende Textstellen gefunden. In einem Interview im Spiegel etwa bejaht der interviewte Medizinhistoriker Frank Snowden die Frage des Journalisten, ob er Parallelen zur Pest sehe. Etwa dass die Superreichen jetzt vor Covid-19 an abgeschiedene Orte fliehen, so wie sich in dem berühmten Werk ,Decamerone' des italienischen Dichters Giovanni Boccaccio zehn junge Menschen in einem Landhaus vor den Toren von Florenz vor der Pest in Sicherheit bringen", antwortet er. Ein Text des Soziologen Rudolf Stichweh in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der den Roman "Die Buddenbrooks" heranzieht, in dem geschildert wird, dass um 1900 Ärzte als Nebendarsteller galten, zeigt "wie sich die Akteursfähigkeit des Arztes erweitert hat", sagt Hempel.

Aus seinen Analysen zieht er erste vorsichtige Schlüsse. "Bis jetzt habe ich vor allem von Philosophen, Sozialwissenschaftlerinnen und Journalisten, die im Feuilleton zuhause sind, Verweise auf kulturelle Narrative gefunden", so der Wissenschaftler. Er ist aber so gut wie überzeugt, dass er auch in Texten, die dem Wissenschaftsjournalismus zuzurechnen sind, solche Bezüge finden wird. Zudem hat sich bisher gezeigt, dass in den Texten der Wissenschaft vertraut wird, um Erkenntnisse abzuleiten, und sie nicht skeptisch betrachtet wird. Farzin geht überdies davon aus, dass sie Texte finden werden, in denen die Autoren durch das Schreiben selbst die Krise verarbeiten. Sie erwähnt etwa einen Blog der französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani, den sie von ihrem Landhaus aus schreibt und dafür nicht nur Lob erntet. "Da schließt sich wieder der Kreis. Das ähnelt der Situation in der Erzählung ,Decamerone'", sagt sie.

Auf Vollständigkeit kommt es den Wissenschaftlern nicht an, vielmehr wollen sie das "große Ganze" darstellen, sagt Hempel. Das hat auch damit zu tun, dass das Projekt nur auf ein Jahr angelegt ist. Es findet im Rahmen des mehrjährigen internationalen und interdisziplinären Forschungsprogramms "Fiction meets Science" statt, bei dem vor allem die Darstellung der Naturwissenschaften in der Literatur untersucht werden sollen.

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Quelle:
SZ vom 01.07.2021
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