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Der Verein Geo-Cleaner um den Ismaninger Christian Pietig will die Welt sauberer machen. Er ruft dazu auf, jeden Tag ein Stück Müll aufzuheben und zu entsorgen

Von Irmengard Gnau

Eigentlich ist die Idee ganz einfach. Wenn jeder Mensch sich jeden Tag ein einziges Mal bücken würde, um ein Stück Müll aufzuheben und in einem Mülleimer zu entsorgen, wäre die Landschaft ziemlich rasch deutlich sauberer. So simpel, so einleuchtend. Das dachte sich auch Christian Pietig vor acht Jahren. "Just pick it up, one piece a day - das ist alles", sagt Pietig. Um der Initiative Nachdruck zu verleihen, gründete der Ismaninger gemeinsam mit sieben Freunden den gemeinnützigen Verein Geo-Cleaner. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, jeder kann beitreten. Der Verein finanziert sich aus Spenden und den Beiträgen der Fördermitglieder. Ein Vereinsleben in dem Sinne gibt es nicht, es geht rein um die Idee. "Wir wollen möglichst viele Menschen überzeugen, bei Geo-Cleaner mitzumachen", sagt Pietig. "Stellen Sie sich mal vor: 80 Millionen Deutsche machen das täglich - das würde wirklich etwas bewirken."

Zur Vereinsgründung inspiriert wurde Pietig 2010 im Familienurlaub auf Sylt. Wegen einer Knie-Operation musste er auf Krücken gehen, immer langsam an der Wasserlinie entlang. Dabei fiel dem heute 53-Jährigen auf, dass dort am Strand fast auf jedem Meter Abfall lag. Plastikflaschen, Verschlüsse, zurückgelassene Tüten. Gleichzeitig laufen auf Sylt jeden Tag Hunderte Touristen den Strand rauf und runter. Wenn sich jeder nur einmal bückte, wäre der Müll weg, dachte sich Pietig. Seither ist er in dieser Sache "missionarisch unterwegs", wie er mit einem Augenzwinkern sagt. Mit Bekannten druckte er Flyer, baute eine Facebook-Seite auf, um möglichst viele anzusprechen.

Der viele Müll, der unter anderem an der Isar herumliegt, ist dem Ismaninger Christian Pietig ein Dorn im Auge.

(Foto: Robert Haas)

"Anfangs habe ich gedacht, das schlägt ein wie eine Bombe", sagt Pietig rückblickend und lächelt. Doch so groß wie erhofft war der Erfolg bislang nicht. Gut 200 Menschen verfolgen die Aktivitäten der Geo-Cleaner bei Facebook, die Mitgliederzahl steht konstant bei acht, über ganz Deutschland verteilt. Dabei wird gerade Plastikmüll in den Weltmeeren mehr und mehr zu einem unübersehbaren Problem. Bilder von riesigen Plastikinseln kursieren im Internet, flimmern regelmäßig durch die Fernsehnachrichten. Warum aber ist es dann offenbar so schwierig, Menschen dazu zu bewegen, selbst einen - kleinen - Beitrag zu leisten?

Aus Pietigs Sicht liegt dem auch ein Problem des Zuständigkeitsempfindens zugrunde. "Viele Menschen denken, es gibt für alles in der Welt jemanden, der dafür verantwortlich ist", sagt er. "Aber so funktioniert es nicht." Pietig hält sich da lieber an das Motto des indischen Revolutionärs Mahatma Gandhi: Sei selbst die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst. Pietig sagt das ohne Pathos. Überhaupt würde man den Geo-Cleaner wohl nicht als phänotypischen Öko charakterisieren, eher als einen modernen Menschen, der bewusst lebt. "Natürlich werden wir der Plastikflut im Meer durch unsere Initiative nicht Herr werden", sagt Pietig. "Aber es ist ein Anfang." Darum lassen sich die Geo-Cleaner auch nicht entmutigen. Auch wenn Pietig weiß, dass das Thema eben nicht gerade "sexy" ist.

Christian Pietig sammelt selbst jeden Tag genau ein Stück Müll auf – und wirbt mit seinen Mitstreitern vom Verein Geo-Cleaner dafür, dass andere diesem Beispiel folgen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Hoffnung macht da, dass andere Gruppen umweltbewusstes Verhalten momentan zum Trend zu erheben versuchen. "Plogging" zum Beispiel, aus Schweden gekommen, scheint sich zu verbreiten: Sportliche nehmen zum Joggen eine Tüte mit und sammeln auf ihrer Laufroute herumliegenden Müll ein. Oder auch die "Trash Bucket Challenge", ein Internetphänomen, bei dem Facebooknutzer Bekannte auffordern, einen Eimer voller Abfall zu sammeln. Alles super, meint Pietig, wenn es dazu beiträgt, mehr Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Für ihn ist allerdings die Nachhaltigkeit dabei wichtig: "Mir geht es bei der Idee von Geo-Cleaner darum, dass es nicht nur diesen Eventcharakter hat, sondern das Beseitigen von Müll zu einer Selbstverständlichkeit zu machen - dann passiert etwas."

Das Achten auf die Umwelt ist bei Pietig wohl schon in der Kindheit begründet. Bei den katholischen Pfadfindern St. Georg lernte er einst die Devise, den Zeltplatz sauberer zurückzulassen, als man ihn vorgefunden hatte. Heute engagiert er sich im Ortsverein der Grünen in Ismaning. Man merkt ihm an, dass auch Geo-Cleaner ein Herzensprojekt ist. Und dass es ihn ärgert zu beobachten, wenn Mitmenschen sich so gar nicht um ihre Umwelt zu scheren scheinen. "Sich bücken und etwas aufheben ist so banal, wenn wir das nicht schaffen, wie wollen wir dann unser Konsumverhalten ändern?", fragt Pietig.

Engagierter Umweltschützer: Christian Pietig.

(Foto: Stephan Rumpf)

Angesichts der Massen an Abfall, die im Sommer jeden Tag an der Isar liegen bleiben, kommen dem Ismaninger sieben Jahre nach der Vereinsgründung allerdings manchmal Zweifel, ob es mit dem Appell ans Gewissen der Mitmenschen getan ist oder ob nicht doch empfindliche Geldstrafen für Verschmutzung besser fruchten würden. "Jemand, der nicht eine gewisse ökologische Grundsensibilität hat, ist mit Freiwilligkeit wahrscheinlich schwieriger zu erreichen", sagt Pietig. Er sieht es positiv, dass sich zuletzt auch politisch etwas tut, die Bestrebungen der EU-Kommission, Wegwerfartikel aus Plastik wie Strohhalme und Einweggeschirr zu verbieten zum Beispiel. "Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir einen Sinneswandel brauchen", sagt Pietig. "Wir müssen begreifen, dass wir für unseren Müll verantwortlich sind - nicht der Gemeindemitarbeiter, nicht Angela Merkel, sondern ich." Er glaubt an die Wirkung des Einzelnen. Das Zitronennetz, das ein Geo-Cleaner gestern aufgehoben und weggeschmissen hat, verschmutzt die Hecke nicht mehr.

An der Isar, entlang seiner Radlstrecke von Ismaning im Norden Münchens bis zu seinem Arbeitsplatz nach Obersendling, kennt Pietig inzwischen jeden Abfalleimer. Schließlich lässt er dort jeden Tag etwas Abfall verschwinden. Ein Stück pro Tag, daran versucht er sich zu halten. Niemand soll sich für alles verantwortlich fühlen. Nur im Urlaub am Meer, sagt Pietig, da könne es auch mal sein, dass er zwei Stunden lang Müll einsammelt.