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Werkschau:Im Souterrain der Seele

Von archaischer Ästhetik bis zu zartem Realismus: Die Ausstellung "Das Eigene und das Fremde" versammelt Werke der Künstlergruppe Isartal in der Orangerie am Englischen Garten

Von Udo Watter

Manchmal ist die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden gar nicht so klar. Sigmund Freud spricht etwa vom "inneren Ausland": entlegene Regionen der Seele, wo das Verdrängte nistet. Fremd und eigen zugleich.

Claudia Pirron ist in ihrer Bilderserie zum Thema "Das Eigene und das Fremde" ebenfalls hinabgetaucht in die Souterrains der Seele, hat dort etwas erfasst und in Farbe gebannt, um dann anschließend noch in ihrer Vorstellungskraft weiter zu reisen: Immer farbenfroher werden ihre Bilder, es ist eine lautlose Flucht des Unterbewusstseins, das sie in einer Reihe von fünf nebeneinander hängenden Bilder darstellt, gut komponiert, abstrakt und voller Symbole: Ballone, Wassertropfen, Seifenblasen fungieren als Embleme für Abheben, Risiko, Vergänglichkeit, Wahrnehmungsblasen, Instabilität: Die Serie stellt quasi eine Reise vom Eigenen zum Fremden dar.

Claudia Pirron leitet die Künstlergruppe "Isartal".

(Foto: Robert Haas)

Zufälligen Eingebungen vertraut Claudia Pirron eher weniger: "Ich arbeite nach Konzept." Die Pullacher Künstlerin strahlt an diesem Abend in der Orangerie am Englischen Garten eine große innere Zufriedenheit aus. Zahlreiche Besucher sind zur Eröffnung der Ausstellung "Das Eigene und das Fremde" an diesem stimmungsvollen Ort gekommen. Sie erwartet dort eine abwechslungsreiche Werkschau, denn Pirron ist nicht allein: Außer ihr zeigen noch die Malerinnen Biggi Wiehler, Christiane Krapp, Ingrid Schmidt und der Objektkünstler Michael Glatzel ihre Arbeiten - sie bilden zusammen die Künstlergruppe "Isartal", die von Pirron geleitet wird. Zudem sind in und vor der Orangerie die aus Schrott geformten, geschweißten Skulpturen von Gastaussteller Markus Meyer zu sehen.

Christina Krapp sucht das Konkrete poetisch und mitunter mikroskopisch präzise zu verfremden (hier ihr Bild "Insekt").

(Foto: Robert Haas)

Sechs künstlerische Positionen, sechs Handschriften, die sich dem Thema der Ausstellung auf je eigene Weise nähern. Da wären die Bilder von Christiane Krapp, auch sie aus Pullach. Die künstlerisch-strategische Beraterin Cordula Gielen lobte in ihrer Einführungsrede ihre Arbeiten als "poetische Verfremdung des Konkreten". In der Tat sind ihre fast fotorealistischen Bilder dinghaft-wirklich, sehr präzise und zugleich zart verzaubert. Ein eigenwillige Anziehungskraft entwickelt ihr Bild "Grenzübertritt": Zu sehen ist ein Baum, der in ein Meer stürzt, welches verschiedene, unbekannte Schichten hat. Im selben Augenblick wirkt es auf den Betrachter surreal und real, die Künstlerin nimmt freilich Bezug auf konkrete Wirklichkeiten. "Ich dachte dabei an die Flüchtlinge, die aus Wüstengebieten übers Meer kommen, und nicht wissen, was sie erwartet", erklärt Krapp.

Reduzierte Holzskulptur: das Eigene und das Fremde liegen manchmal nah beieinander.

(Foto: Robert Haas)

Die Angst vor dem Fremden ist gar nicht so weit entfernt von der Faszination des Fremden, und natürlich lässt sie sich umso schneller überwinden je offener man auf jenes Fremde zugeht, je neugieriger man ist. Michael Glatzel kann in seinen archaisch anmutenden Skulpturen mit dieser Faszination rechnen: Vermittelst einer stark reduzierten skulpturalen Gestaltung strahlen die Figuren aus Holz, Marmor oder Sandstein in einer magischen Bildsprache, befremdend und anziehend. Da gibt es einen Kopf aus Buche, der wie ein verlorener Geist im Wind wirkt und ein wenig an Edward Munchs "Der Schrei" erinnert. Manche von Glatzels Arbeiten haben eine kraftvoll-primitive Präsenz, andere entfalten eine formschöne Eleganz. Markus Meyers Objekte sind Blickfänger etwas anderer Art. Sie sind ebenso wie Glatzels Skulpturen hauptsächlich im Zentrum des Raumes ausgestellt, dekorieren aber auch den hübschen Vorgarten der Orangerie. Meyer ist ein Verwandler, der aus Fremdem und früher Funktionalem - Schrott - etwas Eigenes, Zweckfreies macht, wie Cordula Gielen es ausdrückte. Er sammelt Altmetalle, Bennschneideteile, verbogene Räder oder andere Trümmerteile, die er weiter verformt oder verschweißt. "Die Masse wird zum Unikat", sagte Gielen. Der eigentlich zu Abfall gewordene Gegenstand werde so "ästhetisch gerettet." Es ist eine Ästhetik, die von schwungvollen Formen geprägt ist. Meyer hat aber auch die eine oder andere Arbeit mitgebracht, die nicht auf Anhieb verführt. Das Objekt "Space I" erinnert eher an ein Spinnentier mit schlanken Stahlbeinen, das jeden Moment lostrippeln und eine bedrohliche Rolle in einem dystopischen Film spielen könnte. Manchmal lassen sich die in verschiedenen Varianten gestalteten Räder und Felgen auch drehen, wie in "Sanskrit", das im Garten steht: "Dem hab ich wieder eine Achse gegeben", so Meyer.

Michael Glatzel schafft formal reduzierte, oft archaische Skulpturen.

(Foto: Robert Haas)

Die Malerin Ingrid Schmidt zeigt ebenso abstrakt-expressive Bilder wie auch ruhiger komponierte Werke (Genesis I und II), geprägt von rauen Oberflächen und einer Dynamik, in der zugleich die Sensibilität der Malerin spürbar ist. Bei der in ihrem Formwillen experimentierfreudigen Biggi Wiehler dringen dunkle Farbelemente ins Fröhlich-Abstrakte, vielleicht auch ein Sinnbild für das Fremde, welches Vertrautes, Gewohnte irritiert.

Nun, wie auch immer das heikle Verhältnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen - gerade angesichts der augenblicklichen Weltlage - ist, eine Möglichkeit wäre es, sich Cordula Gielens Schlusswort anzuschließen, die sich auf eine Aufforderung Hermann Hesses bezog: "Hinter all dem Fremden das Gemeinsame suchen."

© SZ vom 23.08.2018
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