bedeckt München 28°

Welt-Aids-Tag:Zwischen Angst und Ignoranz

Silhouetten PUBLICATIONxINxGERxSUIxONLY 1068301430

Eine HIV-Infektion kann jeden treffen. Dennoch neigen selbst Ärzte - insbesondere außerhalb der Stadt - dazu, das Risiko oft nicht ernst zu nehmen.

(Foto: Imago, privat)

Aids ist immer noch ein Stigma - vor allem auf dem Land. Wer hier lebt, sorgt sich, dass seine Infektion am Ort bekannt wird, und sucht daher lieber Hilfe in der Stadt.

Es war ein Tag im Frühjahr 2009, als er von Werners Tod erfuhr. Er suchte damals im Internet und fand diese Sterbeanzeige in der Zeitung aus Werners Heimat. Werner, mit dem er sieben Sommer verbracht hatte, war tot. Ein begabter Germanistikstudent, der als Autor im Suhrkamp-Verlag veröffentlichte. Später zog er nach Berlin, und Ernst verlor ihn aus den Augen. "Irgendwo müssen auch all die Erzählungen und Geschichten abgeblieben sein, die er damals, als wir Partner waren, bis tief in die Nacht schrieb."

Werner ist nicht der einzige Mensch aus Ernsts Bekanntenkreis, der starb: Da war auch Uta aus seiner Münchner Clique. "Die war fürchterlich links", erinnert er sich. Vor dem Examen ging sie nach Spanien und verkaufte importierte Drogen aus Marokko. Sie wurde erwischt, kam ins Gefängnis, wurde schnell wieder freigelassen. Im Knast probierte sie jedoch Heroin und teilte sich mit den anderen Frauen eine Spritze. Dass sie HIV-positiv war, wollte Uta ihr restliches Leben lang nicht akzeptieren. Irgendwann verweigerte sie die Medikamente. Ernst ist sich sicher: "Uta hätte gerettet werden können, genau wie ich."

Ernst möchte nur seinen Vornamen öffentlich machen. Er lebt im Großraum München und ist einer von 88 400 Menschen in Deutschland, denen ein gesellschaftliches Stigma anhaftet, weil sie entweder HIV-positiv sind oder Aids haben. Wer positiv ist, muss mit Alleinsein klarkommen, sagt Ernst. "Die Menschen erfahren davon und sprechen nicht mehr mit einem." Im Ort wurde viel gemunkelt und geschwätzt. Manche Freunde haben sich von ihm abgewandt.

Bei ihm zeigten sich die Symptome zum ersten Mal in den Achtzigern. Es war die Zeit, als Freddy Mercury in den Kneipen Münchens ein und aus ging und Ernst den "Sommernachtstraum" las. Die Komödie von William Shakespeare handelt von der Blindheit der Liebe und dem Einfluss böser Dämonen auf die Menschen. Ernst bekam einen Ausschlag und hohes Fieber, obwohl es heiße Monate waren. Kurz zuvor hatte er eine Beziehung zu einem Mann aus San Francisco beendet. "Er war ein toller Typ", erzählt Ernst. Allerdings hatte er eine sonderbare Krankheit, die ihn depressiv machte und mit Nachtschweiß plagte. Kein Arzt vermochte zu sagen, was es war.

In den Neunzigern war die Therapie extrem aufwendig

Zu jener Zeit begann Gabriele Maier ihre Karriere. Im Schwabinger Klinikum bekam sie die frühe Hysterie um das Virus mit. "Das war spannend für mich als junge Ärztin, aber auch schwierig. Die Diagnose wurde von den Patienten wie ein Todesurteil empfunden." Sie erinnert sich an eine junge Frau, die im Rollstuhl saß, weil sie aus dem Fenster gesprungen war, als sie von der Diagnose erfahren hatte. Eine andere benötigte eigentlich eine gynäkologische Behandlung. Sie wurde in München von Klinikum zu Klinikum gefahren und keines wollte sie aufnehmen.

In den Neunzigern bedeutete Aids zwar nicht mehr den sicheren Tod, doch die Therapie war extrem aufwendig und belastend. Inzwischen sind die meisten Personen in Deutschland, die den HI-Virus in sich tragen, nicht einmal infektiös, vorausgesetzt, sie nehmen Medikamente. "Es gab in München ein Sterbehospiz der Aidshilfe, das musste mangels Nachfrage geschlossen werden", erzählt Maier.

Maiers Büro ist am Ende eines langen Ganges in einem Gebäude, das idyllisch am Auer Mühlbach liegt. Dieser Teil des Landratsamtes ist nicht leicht zu finden. Einige werden nicht umhinkommen, an der Rezeption zu fragen: "Wo geht es denn hier bitte zur Aids-Beratung?" Dabei ist Anonymität wichtig. Der Raum, in dem Maier ihre Klienten berät, ist behaglich. Der Behandlungsraum hingegen steril. Durch eine grobmaschige Gardine sieht man auf der anderen Seite des Innenhofs die vergitterten Fenster eines ehemaligen Frauengefängnisses. Am Tisch stehen zwei Stühle: einer für die Ärztin, einer für den Klienten. Sie stehen nah beieinander, dazwischen ist kein Platz für Distanz.

"Schmaler Grat zwischen Hysterie und Bagatellisierung"

Maier ist eine heitere Frau, die seit mehr als 15 Jahren in der Aids-Beratungsstelle des Landkreises arbeitet. In jedem Gesundheitsamt gibt es so eine Stelle, das ist Pflicht. Etwa 120 Personen, je zur Hälfte Männer und Frauen, nehmen jährlich die Beratung in Anspruch, wie das Amt zum Welt-Aids-Tag am Freitag mitteilte. Der Ruf habe sich in dieser Zeit verändert, sagt Maier. "Früher haben sich Leute davor geschämt, überhaupt zum Hausarzt zu gehen. Man dachte: Schon die Tatsache, dass ich mich testen lasse, könnte Rückschlüsse auf meine sexuelle Vorlieben zulassen." HIV und Aids nicht unterschätzen, aber trotzdem nicht in Panik verfallen: Sie nennt das "den schmalen Grat zwischen Hysterie und Bagatellisierung".

Gabriele Maier

Gabriele Maier arbeitet in der Aids-Beratung des Landkreises.

Die Zahl der Aidskranken und HIV-Positiven in Deutschland ist zuletzt gestiegen. 2016 haben sich 3100 Menschen neu infiziert, etwa so viele wie 2015. Bei Männern, die Sex mit Männern (MSM) haben, ging die Zahl der Neuinfizierten allerdings zurück: Von 2500 im Jahr 2013 auf 2100.

Maier sieht auch gesellschaftliche Debatten: Nach den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein kamen einige missbrauchte Frauen in die Beratung. Durch die öffentliche Auseinandersetzung fassten sie Mut und wollten Gewissheit. "Der große Vorteil: Wir haben Zeit, wir können zuhören, und wir sind gut vernetzt", sagt Maier. Die Hauptrisikogruppe habe meist andere Anlaufstellen. "Deshalb haben wir so wenige Klienten, die positiv getestet werden."

Diese Gruppe sind schwule Männer und MSM. Viele von ihnen kommen in die anonyme Beratung der Münchner Aidshilfe. Dreimal in der Woche gibt es dort ein HIV-Testangebot, zusätzlich zu den Beratungszeiten. Martin Jautz kennt die Belange von Ratsuchenden, die außerhalb der Stadt leben. Ein Drittel der Klienten komme aus dem Münchner Umland, einige sogar aus Südtirol. Manche erzählen ihm, sie trauten sich nicht zum Hausarzt. Es sei wichtig, ihnen beim Test ein "niedrigschwelliges Angebot" bereitzustellen.

Wohlwissend, dass viele Männer aus dem Landkreis oder dem weiteren Münchner Umland in die Szene-Clubs gehen, bietet die Aidshilfe etwa in der Sauna der "Deutschen Eiche" einen anonymen HIV-Test an. "Damit erreicht man Leute, die sich sonst aus Angst vor Unverständnis nicht trauen", sagt Jautz.

Gefühlte Diskriminierung in dorfähnlichen Milieus

In kleineren Orten außerhalb Münchens spiele die soziale Struktur eine größere Rolle bei der Diagnose. Wenn ein angesehener Mann, dessen Familie in der Gemeinde seit Generationen verwurzelt ist, Symptome von Aids hat, dann tendieren manche Ärzte nicht dazu, ihn darauf zu testen, sagt Jautz. "Manche Allgemeinärzte trauen der Hausfrau, die sich im Gemeinderat engagiert, nicht zu, dass sie wechselnde Sexualpartner hat und haben darf."

Hinzu komme die Angst, entdeckt zu werden, und die "gefühlte Diskriminierung" in dorfähnlichen Milieus. Obwohl die Sprechstundenhilfe zur Diskretion verpflichtet ist, könnte sie ja über das Testergebnis im Kirchenchor tratschen. Jautz sagt, er möchte nicht Ärzte auf dem Land schlecht machen, doch einige hätten kein Verständnis für alternative Lebensentwürfe jenseits der monogamen Ehe zwischen Mann und Frau.

Lange hat kein Arzt erkannt, warum es Ernst von 2002 an immer schlechter ging. Mit der Gürtelrose im Gesicht sah er aus wie ein Brandopfer. Der Arzt hat ihn vertröstet: Eine Stressreaktion sei das und ganz normal bei berufstätigen Männern in seinem Alter. Ernst glaubt, dass Ärzte häufig Fehldiagnosen stellen: "Beim angesehenen Architekten vermuten viele nicht Aids. Der Heroin-Junkie aus der Großstadt wird hingegen sofort getestet."

2008 kam er ins Krankenhaus, als er nur noch 40 Kilogramm wog. Er drohte, vor aller Augen zu verschwinden. Die Ärzte stellten eine Kryptokokkose als Folge einer Aids-Erkrankung fest. Sie sagten seinen Eltern, dass sie sich auf das Schlimmste gefasst machen sollten. Doch es kam anders. Seit neun Jahren führt Ernst mit seinem neuen Partner eine glückliche Beziehung. Dazu gehört auch ein normales Sexleben. Seine Viruslast ist unter der Nachweisgrenze - ein sperriger Begriff dafür, dass Aidskranke zwar niemals geheilt sind, jedoch nahezu gesund leben können. "Was ist schon eine Tablette am Tag?", sagt Ernst. "Mit 50 muss doch fast jeder irgendwas nehmen."

© SZ vom 02.12.2017/hilb

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite