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"Weihnukka":Das Wunder des Lichts

Für die Künstlerin Nirit Sommerfeld haben Weihnachten und Chanukka eines gemeinsam: Es geht darum, die Finsternis aus den Häusern und den Herzen zu vertreiben - als oberste Menschenpflicht

Ob sich die Islamkritiker, die gerne von Leitkultur und vom christlich-jüdischen Abendland salbadern, über dieses Bild wirklich gefreut hätten: ein Weihnachtsbaum, auf dessen Spitze ein Davidstern thront? Auf dem Festtagtisch ein Gänsebraten neben der ostjüdischen Spezialität Gefilte Fisch?

In den Haushalten vieler liberaler deutscher Juden war das jedenfalls im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein seltener Anblick. Weihnachtliches Brauchtum wurde gerne adaptiert, gar nicht so sehr als christliche, sondern vielmehr deutsche Tradition wahrgenommen, und teils mit dem jüdischen Lichterfest Chanukka kombiniert. Auch die jüdischen Großeltern von Nirit Sommerfeld zelebrierten eine Art "Weihnukka", wie man es spöttisch nannte, und der von ihrer Oma Margarete gebackene Stollen war dabei eine besondere Gaumenfreude.

Nirit Sommerfeld, die 1961 in Eilat/Israel geboren wurde und als Achtjährige zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland kam, backt auch heute noch einen Chemnitzer Stollen, der auf olfaktorischen Erinnerungen ihres in Chemnitz aufgewachsenen Vaters und kulinarischen Experimenten ihrer in Jerusalem geborener Mutter - einer Jüdin mit marokkanischen Wurzeln - basiert. "Sie, die Orientalin, hat es immer wieder mit verschiedenen Zutaten probiert, bis mein Vater irgendwann einmal gesagt hat: Ja, jetzt duftet es wie damals", sagt Sommerfeld.

Der Chanukka-Kreisel, ein Treidel mit vier Seiten, wird von jüdischen Kindern während des achttägigen Lichterfestes Chanukka gedreht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Deutsch-Israelin, die sich als Multi-Künstlerin im Münchner Raum einen Namen gemacht hat und von 2013 bis 2015 knapp zwei Jahre lang Leiterin des Kleinen Theaters Haar war, ist ähnlich wie ihre Vorfahren nicht wirklich religiös. Gleichwohl schätzt sie den durchaus ähnlichen Geist von Weihnachten und Chanukka. "Es ist halt die dunkelste Zeit des Jahres und beide Feste feiern das Wunder des Lichts." Die Christen in der symbolischen Form der Ankunft des Erlösers, der quasi Licht ins Dunkel bringt. "Was könnte heller leuchten und uns mehr erfreuen als die Geburt eines Kindes?" Im übrigen basiert die Festlegung von Weihnachten auf den 25. Dezember wohl historisch auf einer christlichen Adaptierung der römischen Wintersonnwende - des Geburtstags von Sol Invictus ("Unbesiegter Sonnengott") - im vierten Jahrhundert. Die Juden feiern Chanukka, das heuer vom 25. Dezember bis zum 1. Januar 2017 dauert und im wörtlichen Sinne "Einweihung" bedeutet, als ein Lichterfest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels im Jahr 165 vor Christus.

Dem ging die Befreiung Jerusalems durch die jüdischen Makkabäer von der Herrschaft der hellenistischen Seleukiden voraus. Doch in dem Kännchen, welches das ewige Licht im Tempel nähren sollte, fand sich damals nur noch Öl für einen Tag - es sollten jedoch ganze acht Tage vergehen, bis in dem vom Krieg zerstörten Land Öl aufgetrieben werden konnte. Da geschah, so steht es im Talmud, das Ölwunder. Das Kännchen wurde nicht leer, und so brannte das ewige Licht acht Tage lang. Daher wird am ersten Chanukka-Abend, dem 24. Tag des Wintermonats Kislew, die erste von acht Kerzen entzündet. Jeden Abend kommt eine weitere hinzu, bis alle acht Kerzen brennen und die Dunkelheit endgültig vertreiben.

Nirit Sommerfeld -Chanukka

Acht Kerzen für den König der Welt: Nirit Sommerfeld feiert den ersten Tag des Lichterfests an Heiligabend.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sommerfeld, die in Grafing lebt, pflegt bei allen religiösen Zweifeln gerne diese Tradition und entzündet an jedem der acht Chanukka-Tage eine Kerze - "wenn ich dran denke". Als Mutter zweier Töchter (von christlichen Vätern) schätzt sie auch weihnachtliche Rituale wie das Entzünden der Adventskerzen oder das Vorlesen von Weihnachtsgeschichten. Vor allem geht es ihr dabei aber um Werte und Inhalte. Für sie gelten die Worte ihres Chemnitzer Großvaters Julius, der von den Nazis im KZ Sachsenhausen ermordet wurde: "Das Licht ist es, das uns erhellen kann. Die Finsternis zu vertreiben aus den Häusern und den Herzen, das ist höchste Menschenpflicht!" Diese Sätze rezitiert sie in ihrem Programm "Jiddische Weihnacht", eine musikalische Lesung, die sie seit etlichen Jahren zusammen mit dem Schauspieler Martin Umbach sowie der "Kammerformation" des Orchester "Shlomo Geistreich" präsentiert. Inspiriert ist dieses Programm nicht zuletzt von den Erfahrungen ihres Großvaters und in gewisser Weise ist es auch eine persönliche Hommage.

Aus religiöser Sicht ist die Verbindung von Weihnachten und Chanukka natürlich nicht gegeben, aber es finden sich doch Gemeinsamkeiten, die einen auf höheren moralischen Ebenen anfassen. Für die nicht-religiöse Jüdin Sommerfeld ist Jesus "ein Rabbiner, der Liebe und Licht verbreiten wollte", und daher ein echtes Vorbild. Die Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Veranstalterin, die am Kleinen Theater Haar vorzeitig aus dem Vertrag ausstieg, weil sie laut eigener Aussage an der "Bürokratie erstickt sei" - wobei sie sicher auch die finanziellen Rahmenbedingungen unterschätzte - ist auch eine leidenschaftliche, gesellschaftspolitische Kämpferin. Damit eckt sich auch öfters im jüdischen Milieu an, nicht zuletzt, weil sie sich gegen die offizielle israelische Politik engagiert und den Verein BIB ("Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung") mitgegründet hat. "Mit diesem Verein habe ich etwas gefunden, wo ich mich auf politischer Ebene ausdrücken kann, was ich immer schon künstlerisch und gesellschaftlich ausdrücken wollte." Dass sie dafür viel Gegenwind erfährt, befeuert sie in ihrem Weg: "Für mich liegt darin die ganz große Herausforderung, nicht alles in Beton zu gießen, sondern mit seinen Feinden zu reden." Darauf kann man durchaus ein paar Lichtlein anzünden.