Mutter, Vater und Tochter kamen aus Argentinien in die alte Heimat Deutschland, in den Landkreis München, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen. Wenige Monate später liegt diese Zukunft in Scherben vor ihnen. Nichts ist mehr, wie es war, und was vor ihnen liegt, ist ungewiss. Nur eines ist sicher: Zum Weihnachtsfest müssen Mutter und Tochter ihre Rollkoffer packen, die beiden Matratzen auf dem Boden im Wohnzimmer einer Bekannten, die ihnen in den letzten Wochen Unterschlupf geboten hat, verlassen und weiterziehen. Ihre Herberge wird jetzt erst mal eine Notunterkunft sein. Der Vater liegt nach einem schweren Unfall im Krankenhaus.
Ein Tag Anfang November war der Moment, an dem sich das Leben aller Familienmitglieder, die ihre Namen nicht nennen möchten, mit einem Schlag für immer veränderte. Der Vater rutschte in der Dusche aus, schlug unglücklich auf – Halswirbel gebrochen. Er ist querschnittsgelähmt und liegt seit dem tragischen Unglück noch immer in einer Spezialklinik. Es gebe wenig Hoffnung, dass er noch mal alleine laufen könne, sagt die Tochter. Sein Leben wird er fortan im Rollstuhl verbringen müssen.
Seit dem Unfall hat die Familie alles verloren. Nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auch den Arbeitsplatz und schließlich die Wohnung. Über Weihnachten leben sie allein von Spendengeldern, die die Wohnungsnotfallhilfe der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband München-Land zur Verfügung stellen kann. Nur die Bekannte hat ihre Tür geöffnet und ihnen in der ersten Not ein Dach über dem Kopf gewährt. Bei ihr im Wohnzimmer erzählen Mutter und Tochter ihre Geschichte.
Es ist die Geschichte einer bayerischen Familie, die einst nach Argentinien auswanderte und drei Generationen später wieder zurückkehrt. Die Mutter kennt München aus Besuchen in Kindheitstagen, eine Weile hat sie sogar schon mal hier gelebt und gearbeitet. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat die Familie der Mutter über die Generationen hinweg behalten, auch die deutsche Sprache haben sie weitergelebt. Die Tochter habe sie vor allem vom Opa gelernt, erzählt diese. Sie spricht fließend. Und auch der Vater, gebürtiger Argentinier, hat Deutsch gelernt.
Gemeinsam lebten die drei bis August dieses Jahres in einer kleinen Stadt in der Provinz Buenos Aires. Doch Perspektiven sahen sie in dem wirtschaftlich gebeutelten Land nicht für sich. Die Mutter arbeitete als Lehrerin, aber der Vater hatte seinen Job als Busfahrer verloren und die 17 Jahre alte Tochter sollte die Chance erhalten, ihren Traum zu verwirklichen – sie will Ärztin werden. In Deutschland sollte die bessere Zukunft beginnen.
Die Familie verlor ihre Zimmer in einer Wohngemeinschaft
Ihren Umzug haben sie von langer Hand geplant und organisiert. Ein wenig Erspartes brachten sie mit, in einer Wohngemeinschaft im Landkreis München fanden sie zwei Zimmer über eine Social-Media-Community. Die Mutter arbeitete schnell wieder als Lehrerin für Spanisch, half zusätzlich in der Küche der Schule mit. Die Tochter macht ein Berufsvorbereitungsjahr und besucht eine Schule, während ihre Abschlüsse im Anerkennungsverfahren hängen. Sobald wie möglich will sie Abitur machen und Medizin studieren. Der Vater kümmerte sich um seinen Aufenthaltsstatus. Sie waren gerade dabei, sich einzuleben und zurechtzufinden – da kam der besagte Novembertag.
Im Schock und in Sorge um ihren Mann verlor die Mutter ihren Job. Sie war noch in der Probezeit, aufgrund des Unfalls blieb sie länger von der Arbeit weg als ihr zustand. Damit war sie auch draußen aus dem Sozialversicherungssystem. Und dann verlor die Familie die beiden Zimmer in der Wohngemeinschaft. Das Zusammenleben dort gestaltete sich schwierig, die Familie hatte keinen Mietvertrag, so landeten Mutter und Tochter von heute auf morgen auf der Straße mit ihren Rollkoffern.

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Eigentlich hat die Familie Anspruch auf ein soziales Netz, das sie auffängt, mit Bürgergeld, Kindergeld, einer Krankenversicherung und dann der Chance, eine Wohnung zu finden. Doch Deutschland ist auch ein bürokratisches Land und es ist die Zeit vor Weihnachten, wo alle viel zu tun haben, wo Dinge dauern und Behörden über Feiertage geschlossen haben. Anträge auf Hilfen aller Art stellt eine Sozialarbeiterin der Wohnungsnotfallhilfe gemeinsam mit Mutter und Tochter. Nicht leichter wird alles durch den Umstand, dass der Vater, der für vieles eine Unterschrift oder ein Einverständnis geben muss, dies gerade nicht tun kann, erklärt die Sozialarbeiterin. Erst wenn der letzte Zettel da ist, die letzte Unterschrift getätigt, können finanzielle Leistungen fließen. Ob das hoffentlich im Januar der Fall sein wird oder am Ende erst im März – es ist nicht absehbar, sagt die Sozialarbeiterin.
So lange leben Mutter und Tochter von Spendengeldern und die Notunterkunft ist das Dach über dem Kopf. Diese soll gerade mal Gefahr für Leib und Leben abwenden, mehr Anspruch hat das Gesetz nicht an die Herberge vorgesehen. Sie werden dort mit anderen Schicksalen gemeinsam leben, eine Küche, falls vorhanden, und ein Bad teilen und nichts ist in einem Zustand, der dem Begriff Zuhause auch nur ein bisschen nahekommen würde.

SZ Gute Werke:„Armen fehlt oft der Zugang zu medizinischer Versorgung“
Schnell, unbürokratisch und gezielt helfen die Sozialpsychiatrischen Dienste mit den Spenden des SZ-Projekts Gute Werke. Die Einrichtung unter dem Dach der Diakonie kümmert sich um Menschen, die aufgrund von Krankheit in soziale Not geraten oder durch Armut krank geworden sind.
Aktuell fehlt es der Familie an allem. Mit einer Spende an SZ Gute Werke können Leserinnen und Leser der Familie helfen. Dringend benötigen sie Geld für Deutschland-Tickets, damit die Tochter zur Schule gelangt und Mutter und Tochter die Bahnfahrten in die weit entfernte Klinik zum Vater zurücklegen können. Es fehlt Geld für warmes Essen und Hygieneartikel, für eigene Bettwäsche und Handtücher in der Notunterkunft. Der Vater soll hoffentlich bald auf Reha gehen können, dafür benötigt er Kleidung und vieles mehr.
Doch am wichtigsten ist eine Wohnung. Wenn der Vater irgendwann wieder nach Hause kommt, soll es eine solche auch geben. Ein Zuhause ist der erste Schritt, um wieder Hoffnung zu entwickeln. „Ein Zuhause gibt Stabilität“, sagt die Sozialarbeiterin. Momentan haben Mutter und Tochter vor allem einen Wunsch: Sie wollen am Bett vom Papa sitzen, sagt die Tochter. Am Weihnachtsabend und an seinem Geburtstag im Januar.
So können Sie helfen
Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im SZ Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1. OG., Marienplatz 11, möglich. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr.
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