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Isar-Hochwasser:Mit dem Megafon gegen die Unvernunft

Seit Jahren müssen die Rettungskräfte bei Hochwasser immer wieder Schlauchbootfahrer aus der Isar in Sicherheit bringen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Allen Warnungen zum Trotz wagen sich viele in Schlauchbooten bei Hochwasser auf die Isar. Wasserwacht und DLRG fordern ein Fahrverbot.

Als braune, schnell fließende Brühe kommt die Isar in diesen Tagen daher. Äste, ja sogar ganze Baumstämme ragen aus dem Wasser und flitzen am Ufer vorbei. Dass der Pegelstand wesentlich höher als normal ist, bleibt auch dem Laien nicht verborgen. Dass das gefährlich werden kann, wenn man sich die freien Tage mit einer flotten Schlauchbootpartie vertreiben will, offenbar manchem schon. An diesem Wochenende hatten die Einsatzkräfte am Fluss wieder alle Hände voll zu tun, um havarierte Freizeitkapitäne aus dem Wasser zu ziehen. Der Frust und Ärger der Retter über den Leichtsinn der Leute wächst. "Die Isar ist ein Gebirgsfluss und hochgradig gefährlich", mahnt Martin Gärtner, der stellvertretende technische Leiter der Kreiswasserwacht München. Die Rettungskräfte sind daher der Ansicht: Schlauchbootfahren bei Hochwasser sollte verboten werden.

Derzeit bleiben die Behörden allerdings dabei, lediglich eine Warnung auszusprechen. Das Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München mahnt zu "erhöhter Vorsicht" beim Baden und Bootfahren und erinnert daran, dass nach der geltenden Bade- und Bootverordnung das Bootfahren grundsätzlich nur bis zu Bootshäusern auf Höhe der Thalkirchner Brücke erlaubt ist. Auch das Landratsamt München rät vom Schlauchbootfahren ab. Hoher Wasserstand und Treibholz machten das Vergnügen "extrem gefährlich", teilt die Behörde mit.

Auch ein Verbot wurde häufig missachtet

Wegen der hohen Fließgeschwindigkeit ließen sich die Boote schwerer kontrollieren, unbekannte Strudel und Walzen bergen große Gefahr. Im vergangene Sommer hatten die Kreisbehörden aus München und Bad Tölz-Wolfratshausen aus diesen Gründen noch ein einwöchiges Fahrverbot ausgesprochen. "Generell sind das aber Einzelfallentscheidungen, bei denen nicht nur der Wasserstand, sondern auch die Menge des Treibholzes und die Abfließgeschwindigkeit eine Rolle spielen", sagte Christine Spiegel, Sprecherin des Landratsamts München. Im Übrigen hätten sich trotz Kontrollen auch nicht alle an das Verbot im vergangenen Jahr gehalten. "Die haben ihre Boote einfach ein paar Meter weiter zu Wasser gelassen", so Spiegel.

Ein solches Verhalten macht Wasserwachtler Gärtner richtig sauer: "Das ist ein partywütiges Volk, das sich mit billigen Schlauchbooten in Wolfratshausen auf den Fluss wagt, die Luftpumpe dort einfach in den Wald wirft und dann auch noch alkoholisiert und ohne Rettungswesten unterwegs ist", schimpft er. Seit Jahren gehe das nun schon so und verursache bei den Rettungskräften inzwischen einen extrem hohen Personaleinsatz. 100 bis 150 Mann stünden an einem solchen Wochenende bereit, Hubschrauber inklusive. Auch die DLRG hat inzwischen ihr Team aufgestockt. Seit einer Woche agiert auch sie mit einer sogenannten Schnell-Einsatz-Gruppe an der Isar. "Darunter sind geschulte Taucher mit spezieller Ausbildung", erklärt Sprecher Förster. Mittlerweile haben die Rettungskräfte am Großhesseloher Wehr sogar einen Posten mit Megafon aufgestellt, der Schlauchbootfahrer vor einer Weiterfahrt warnt. "Aber nicht alle sind einsichtig", stellte Stefan Schmoll, Einsatzleiter bei der Wasserwacht, fest.

Der Isartalverein verweist darauf, dass die Flößer auch nicht fahren dürfen

Nicht nur die Rettungskräfte fordern ein Verbot für Schlauchboote bei Hochwasser. Auch der Isartalverein spricht sich dafür aus: "Gut gemeinte Warnungen sind wirkungslos. Ein Verbot ermöglicht auch den Erlass eines Bußgeldbescheides durch die Landratsämter, bei einer Warnung ist dies nicht möglich." Der Verein verweist darauf, dass die Flößer bei diesem Wasserstand auch nicht fahren dürften.

Den Kopf über so viel Leichtsinn schütteln auch die Kenner wilder Gewässer. Jochen Langbein, Vorsitzender des Deutschen Touring Kajak-Clubs München (DTKC), verweist darauf, dass ein Kanute stets Schutzkleidung trägt, "denn er weiß, dass er auch bei schönem Wetter in einem fließenden Gewässer sehr schnell auskühlen kann". Auch eine Schwimmweste sei unerlässlich, "da können sich Gelegenheitspaddler ein Beispiel an den Profis nehmen", sagt er. Laut Langbein gehen die Kanuten in erfahrenen Gruppen auf den Fluss und führen stets zur Rettung eines möglicherweise gekenterten Kollegen einen Wurfsack sowie ein sogenanntes Cowtail, eine elastische Schnur mit Karabinerhaken, mit sich. Mindestens einmal im Jahr organisiert der Verein ein Sicherheitstraining. "Erfahrene Bootsfahrer lernen das Wasser zu lesen", sagt der Vereinsvorsitzende.

Auch hätten sie das geeignete Material, um Flüsse wie die Isar zu befahren. Für ein festes Wildwasser-Kajak muss man gut tausend Euro investieren, ein aufblasbarer Trekking-Canadier kostet um die 2500 Euro. Bei Lidl, Aldi und Co hingegen sind aufblasbare Boote schon für 39,90 Euro zu haben. "Die Freizeitfahrer in ihren Schlauchbooten wissen oft gar nicht, in welche Gefahr sie sich auf der Isar begeben", sagt Langbein.