Bundesweiter Warntag„Um elf Uhr sollte meine Nina-App oder mein Katwarn piepsen“

Lesezeit: 3 Min.

Sollen beim bundesweiten Warntag am 11. September auslösen: die Apps von Nina, Katwarn und Warnwetter auf dem Smartphone.
Sollen beim bundesweiten Warntag am 11. September auslösen: die Apps von Nina, Katwarn und Warnwetter auf dem Smartphone.
Oliver Berg/dpa

Gerhard Bieber vom Münchner Regionalverband der Johanniter-Unfall-Hilfe erklärt vor dem bundesweiten Warntag im Interview, warum sich die Blaulichtorganisationen wegen der geopolitischen Lage und des fortschreitenden Klimawandels auf zunehmende Notfälle einstellen müssen.

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Regelmäßig werden in Deutschland die Warnsysteme getestet – am Donnerstag, 11. September, um 11 Uhr sollen wieder die Sirenen heulen und die Handys piepsen. Gerhard Bieber vom Münchner Regionalverband der Johanniter-Unfall-Hilfe stellt im Gespräch mit der SZ klar, wieso solche Aktionen für die Bevölkerung sinnvoll sind und richtet einen Blick darauf, wie sich die Aufgaben der Retter in Zukunft verändern werden.

SZ: Herr Bieber, an diesem Donnerstag ist wieder bundesweiter Warntag. Ist solch eine Aktion sinnvoll?

Gerhard Bieber: Auf jeden Fall. Zum einen für die Behörden als die Alarmierenden und natürlich für jeden Einzelnen und jede Einzelne. Um 11 Uhr sollte meine Nina-App oder mein Katwarn piepsen. Und falls das nicht passiert, dann kann ich die Einstellungen an meinem Smartphone prüfen.

Haben auch die Blaulichtorganisationen etwas davon?

Natürlich. Uns im Rettungsdienst und Katastrophenschutz interessiert es ja auch, dass unsere Warn-Apps funktionieren. Für den Fall, dass wir vielleicht von einer drohenden Unwetterlage betroffen sein könnten, müssen wir das wissen. Die Alarmierung der Rettungsdienste erfolgt allerdings über andere Kanäle. Es werden konkret Einheiten in Gang gesetzt, eine allgemeine Warnung geht da nicht raus.

Rechnen Sie damit, dass die Notfälle angesichts des Klimawandels zunehmen werden?

Ja, die Wahrscheinlichkeit steigt, weil es mehr Extremwetterfälle mit Starkregen und Überschwemmungen gibt. Denken Sie nur an das Hochwasser vom letzten Jahr in Pfaffenhofen oder Allershausen. Mit Erdrutschen in Wohngebieten werden wir hier im Münchner Umland weiterhin selten zu tun haben. Aber dass Straßen unterspült werden und es durch Überflutungen gefährlich werden könnte, davon ist auszugehen.

Gerhard Bieber ist Sprecher der Johanniter-Unfall-Hilfe des Regionalverbandes München.
Gerhard Bieber ist Sprecher der Johanniter-Unfall-Hilfe des Regionalverbandes München.
Simon Katzer/oh

Reichen da ein bundesweiter und ein bayerischer Warntag oder müsste es solche Aktionen nicht öfter geben?

Ich denke, das reicht tatsächlich für die Sensibilisierung. Der nächste Punkt ist natürlich, dass die Bevölkerung sich auch Gedanken machen und sich fragen muss, was tue ich jetzt mit der Warnung und was bedeutet das für mich? Wohin würde ich mich retten, wenn eine Überschwemmung droht? Nach Starkregenereignissen können kleine Bäche anschwellen und alles unter Wasser setzen – etwa auch entlang des Hachinger Bachs.

Die Menschen müssen sich also wappnen?

Ja, weil es oft ganz schnell gehen kann. Bin ich darauf vorbereitet, dass ich im schlechtesten Fall vielleicht für 72 Stunden mein Zuhause verlassen muss? Habe ich meine Unterlagen und Medikamente griffbereit? Und wo ist eigentlich mein Handykabel? Erst dann zum Suchen anzufangen, wenn die Katastrophe droht, ist gefährlich.

Das heißt also, ich müsste eigentlich schon im Vorhinein so eine Art Nottasche packen und parat haben?

Genau, vor allem wenn ich in einem Gebiet lebe, wo mich ein extremes Hochwasser unmittelbar betreffen würde. Da stellt sich die Frage, ob ich im Notfall einen oder zwei Tage im zweiten Stock oder Dachgeschoss meines Hauses ausharren könnte. Es ist gut, wenn man sich diese Gedanken macht. Es gibt eine Broschüre des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit Empfehlungen, was man daheim haben sollte, wenn etwa über längere Zeit der Strom weg ist, weil erst die Infrastruktur wiederhergestellt werden muss. Wer den Platz hat und jetzt nicht in einem Einzimmerapartment lebt, sollte sich einen gewissen Vorrat anlegen, damit ich mich ernähren und trinken kann. Denn es ergibt keinen Sinn, sich darauf zu verlassen, dass schon jemand zu mir kommen und mich regelmäßig versorgen wird. Das können die Blaulichtorganisationen nicht leisten, wenn zum Beispiel 8000 Menschen auf einen Schlag betroffen sind.

Viele ältere Semester sind analog und haben kein Smartphone. Heulen deshalb zusätzlich auch die Sirenen?

Die Warnungen kommen auch über die Medien wie Radiosender. Sirenen gibt es nicht mehr überall, da fährt dann in manchen Gemeinden ein Feuerwehrauto mit mobiler Sirene durch die Straßen. Und es muss nicht unbedingt ein Smartphone sein, aber die sogenannten Seniorenhandys sind in der Generation sehr verbreitet. Seit Kurzem empfangen diese Geräte die Warnungen als Cell Broadcast, das hat man nach den Erfahrungen aus der Flutkatastrophe im Ahrtal eingeführt. In unserer Hausnotrufzentrale geht es an den Warntagen immer recht rund, weil viele bei uns anrufen und fragen, was denn los sei, weil das Handy einen Alarm ausgelöst hat, sie aber nicht mitbekommen haben, dass es nur eine Übung ist.

Der Schutz der Bevölkerung wird angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der geopolitischen Lage immer wichtiger.
Der Schutz der Bevölkerung wird angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der geopolitischen Lage immer wichtiger.
Andreas Jacob/oh

Da kommt ja in Zukunft einiges auf die Rettungsdienste zu...

Ja, weil solche Wetterlagen immer extremer werden und häufiger auftreten. Das muss nicht unbedingt großflächig sein, es langt schon eine heftige Hagelzelle, die eine Schneise zieht. Auch die Hitzeereignisse werden zunehmen. Uns beschäftigen natürlich auch Veränderungen in der geopolitischen Lage: Einerseits die Störungen der Infrastruktur durch Hackerangriffe, damit beispielsweise ein Wasserwerk ausfällt. Auf der anderen Seite sind wir in den Aktionsplan Deutschland eingebunden und stellen uns mittelfristig darauf ein, dass wir die Bundeswehr oder andere Nato-Partner unterstützen müssen. Das hat freilich Folgen für unsere Arbeit und die Ausbildung. Konnte man sich lange Jahre auch mal während eines Sanitätsdienstes bei einem Konzert von Robbie Williams mit schönen Dingen beschäftigen, könnte es in Zukunft sein, dass wir verwundete Menschen versorgen müssen.

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